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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.04.2018

Andrea Breth inszeniert Eugene O'Neills Klassiker Vier Stunden Tragödie - und nur wenige wahre Szenen

Reinhard Kager im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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07.11.2016, Wiener Ronacher, NESTROY VERLEIHUNG 2016, Gala-Abend zum Theaterpreis im Bild: Andrea Breth -mit d Nestroy-Preis  (imago stock&people)
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Mit glänzender Besetzung inszeniert Andrea Breth am Wiener Burgtheater Eugene O'Neills Klassiker "Eines langen Tages Reise in die Nacht" neu. Das Stück kreist um einen einzigen Tag im Leben der Familie Tyrone, um deren Süchte und Neurosen - und ist O'Neills Abgesang auf den amerikanischen Traum.

Das eigentlich Spannende an dem Stück "Eines langen Tages Reise in die Nacht" sei ja, so Kritiker Reinhard Kager, dass Eugene O'Neill scheinbar ganz normale familiäre Verhältnisse schildere, bis dann Bruchstück für Bruchstück klar würde, was bei dieser Familie nicht funktioniere und wie furchtbar die Abgründe zwischen den Personen seien.

Tonfall einer antiken Tragödie

"Da geht Andrea Breth, aus meiner Sicht, einen sehr, sehr falschen Weg", so Kager. Regisseurin Andrea Breth wähle in ihrer Inszenierung von "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Wiener Burgtheater nämlich einen Tonfall, der von vorne bis hinten so sei, als handele es sich um eine antike Tragödie. Corinna Kirchhoff spreche die meiste Zeit, als gelte es eine Heroine wie Elektra zu verkörpern. Wenn sie dann schließlich die Morphium-Spritze nehme, merke man als Zuschauer kaum einen Unterschied: "Das ist also etwas, wo der 'Suspense', den das Stück in sich birgt, komplett vergeben wird."

Das Problem dieses Abends bestünde auch darin, dass O'Neills Untergangsfantasie, sein Abgesang auf den amerikanischen Traum, gleich von Anfang an am Bühnenbild zu sehen sei. August Diehl rezitiere zu Beginn des Stücks die Regieanweisungen wie ein Gedicht, sagt Kager, während die Bühne von Martin Zehetgruber aus dem Dunkel auftauche. Sie sehe aber ganz anders aus, als in ebendiesen Regieanweisungen. Man sehe kein Wohnzimmer, sondern eine offene Fläche mit Steinen, durch die ein Fluss fließe und im Hintergrund das Skelett eines Wals.

Darsteller spielen, als wären sie in einem Horrorfilm

Am besten gefallen habe ihm Alexander Fehling als James Tyrone Junior, so Kager weiter: "Er legt das nämlich realistisch an, wie dieses Stück auch gedacht ist." Er gebe am Anfang keinerlei Anlass dazu, daran zu denken, dass sich hinter ihm ein Abgrund verberge. Und umso tragischer sei dann sein Auftritt im zweiten Teil, als er völlig besoffen nach Hause komme.

"Nur: Die anderen spielen von vornherein so, als wären sie in einem Horrorfilm. Und da fehlt dann der Übergang in die tatsächlich tragischen Situationen. Es dauert ungefähr eineinhalb Stunden lang bis Corinna Kirchhoff dann endlich mal herunterkommt mit ihrer Stimme und eine tatsächlich wahre Szene auf der Bühne zu sehen ist."

Da werde die ganze Tragödie dieser Figur plötzlich spürbar. Es gebe aber wenige solcher Momente bei einem vierstündigen Abend, so Kager abschließend.

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