Andersen-Märchen als Hörbücher
Im Jubiläumsjahr von Hans Christian Andersens 200. Geburtstags sind eine Reihe Hörbücher auf dem Markt, mit denen jeder seine ganz persönliche Märchenstunde gestalten kann. Gelesen von Prominenten wie Hella von Sinnen, Christian Brückner oder Wolfgang Joop.
"Nun, wie geht es?", sagte eine alte Ente, die gekommen war, um ihr einen Besuch zu machen. "Es währt so lange mit dem einen Ei!", sagte die Ente, die saß, "aber nun sollst du die anderen sehen, es sind die niedlichsten Entlein, die ich je gesehen habe. Sie gleichen allesamt ihrem Vater; der Bösewicht, er kommt nicht, mich zu besuchen."
"Lass mich das Ei sehen, das nicht platzen will!" sagte die Alte. "Du kannst mir glauben, es ist ein Putenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine Not und Sorge mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser, kann ich dir sagen! Ich konnte sie nicht hineinbekommen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. – Lass mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei!"
"Ich will doch noch ein wenig darauf sitzen", sagte die Ente.
"Nach Belieben", sagte die alte Ente und ging von dannen."
Wie wird da geschnattert und getratscht! In Andersens Werk hört man es überall tuscheln und flüstern. Es ist ein großer Jahrmarkt der Eitelkeiten, und Hella von Sinnen, die wir eben mit einem Ausschnitt aus dem "Hässlichen Entlein" gehört haben, ist die richtige Vorleserin, um gerade diesen Aspekt schallend zur Geltung zu bringen. Andersens Märchen sind phantastische Geschichten, aber jederzeit erzählen sie von dieser Welt.
Der Autor, der sich aus armseligsten Verhältnissen hoch geschrieben hatte, war gewissermaßen ein Popstar seiner Zeit. Er wurde herumgereicht. Sei es in der bürgerlichen Gesellschaft von Kopenhagen, auf den dänischen Herrenhöfen oder bei den Königen und Fürsten Europas – überall war man begierig, ihm beim Vortrag seiner Märchen zuzuhören. Sein Talent wurde als eine Art "öffentlicher Brunnen" angesehen, der für alle zu sprudeln hatte.
Im Jubeljahr des 200. Geburtstags sprudelt dieser Brunnen wieder kräftig. Es sind – was sich bei dieser Gattung besonders anbietet – eine ganze Reihe Hörbücher auf dem Markt, mit denen jeder seine ganz persönliche Andersen-Märchenstunde gestalten kann.
Hella von Sinnen zeigt, dass nicht nur eine große "Ulknudel", sondern auch eine Schauspielerin in ihr steckt. Einzuwenden bleibt, dass sie mit ihrer leicht hysterisierenden Interpretation nicht alle Töne Andersens trifft.
Ganz anders liest Christian Brückner. Man kennt ihn unter anderem als raue Synchronstimme von Robert de Niro; er kann in schrundigen Zwischentönen das verschwiegene Seelenleben gequälter Existenzen zum Ausdruck bringen. Das ist weit entfernt von jedem Märchenonkel-Ton und hat gerade deshalb einigen Reiz; noch überzeugender klingt es bei der Lesung von Andersens spätem Künstlerroman "Peer im Glück", dessen Modernität Brückner eindrucksvoll zur Geltung bringt.
Eher etwas für Fans des Modemachers Wolfgang Joop ist dessen mit viel Musik bereicherte Lesung von "Des Kaisers neue Kleider". Eine originelle Idee, aber mehr auch nicht. Man spürt zu deutlich, dass Joop, auch wenn er sich als Seelenverwandter Andersens empfindet, die geschulte Stimme fehlt.
Ein wirklicher Genuss sind dagegen die acht CDs, auf denen Manfred Steffen einen reichhaltigen Querschnitt durch das Märchenwerk bietet.
" In diesem Augenblick kam der dritte Bruder, denn es waren eigentlich drei. Aber niemand zählte den dritten als Bruder mit. Er war nicht so gelehrt wie die beiden anderen und man nannte ihn nur den Tölpelhans."
" "Wo wollt ihr denn in dem Staat hin?", fragte er sie.
"Zum Hofe des Königs, die Königstochter erschwatzen. Hast du nicht gehört, was im ganzen Land ausgetrommelt worden ist?"
Und dann erzählten sie es ihm."
""Potztausend! Da muss ich wohl mit!" rief Tölpelhans.
Die Brüder aber lachten ihn aus und ritten davon.
"Vater, gib mir ein Pferd!" rief Tölpelhans. "Ich kriege plötzlich Lust zu heiraten. Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie trotzdem!"
Steffens hohe Stimmlage und sein norddeutscher Zungenschlag sind wie geschaffen, die Komik Andersens hervortreten zu lassen. Und auch die elegischen, melancholischen, manchmal tieftraurigen Momente sind bei ihm gut aufgehoben. Das ist, wie im grandiosen Märchen von der kleinen Meerjungfrau, manchmal zum Seufzen, aber nie sentimental.
Andersens Geschichten hoben sich nicht nur durch ihren frischen, bei aller Artistik unverkünstelten Ton von einer Märchentradition ab, die oft frömmelnd die bloße Belehrung der Kinder verfolgte. In seiner Kinderwelt ist die Oberhoheit der Erwachsenen nicht gesichert. An der "Prinzessin auf der Erbse" bemängelte ein früher Kritiker, die Kinder bekämen hier ganz falsche Vorstellungen - als sei "eine so hohe Dame immer schrecklich wehleidig". In der Tat werden in Andersens Märchen Heucheleien und Lebenslügen vorgeführt, und der unbestochene Kinderblick ist, wie in "Des Kaisers neue Kleider", oft das Mittel dazu. Gerade wegen dieser Einsichten in menschliche Abgründe sind die Märchen aber nicht bloß für Kinder eine ergiebige Lektüre; ihr doppelter Boden und ihre Ironie gehen oft erst dem erwachsenen Leser oder Hörer auf.
Bibliographie:
Hans Christian Andersen: Märchen. Erzählt von Manfred Steffen. Deutsche Grammophon Literatur. 8 CDs, 9 St., 20 Min., 41 Euro
Dass., 2 CDs, 9,99 Euro
Hans Christian Andersen: Peer im Glück. Unbekannte und bekannte Märchen. Gelesen von Christian Brückner und Rosemarie Fendel. Parlando. 4 CDs, 4 St., 23 Min., 29,90 Euro
Hans Christian Andersen: Die Prinzessin auf der Erbse und andere Märchen. Gelesen von Hella von Sinnen. Deutsche Grammophon Literatur. 2 CDs, 145 Min., 18 Euro
Hans Christian Andersen: Der Kaiser und die Nachtigall. Märchen gelesen von Wolfgang Joop. Mit Musik von Andreas Scholl. Deutsche Grammophon Literatur. 1 CD, 16,49
"Lass mich das Ei sehen, das nicht platzen will!" sagte die Alte. "Du kannst mir glauben, es ist ein Putenei! Ich bin auch einmal so angeführt worden und hatte meine Not und Sorge mit den Jungen, denn ihnen ist bange vor dem Wasser, kann ich dir sagen! Ich konnte sie nicht hineinbekommen; ich rappte und schnappte, aber es half nichts. – Lass mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Putenei!"
"Ich will doch noch ein wenig darauf sitzen", sagte die Ente.
"Nach Belieben", sagte die alte Ente und ging von dannen."
Wie wird da geschnattert und getratscht! In Andersens Werk hört man es überall tuscheln und flüstern. Es ist ein großer Jahrmarkt der Eitelkeiten, und Hella von Sinnen, die wir eben mit einem Ausschnitt aus dem "Hässlichen Entlein" gehört haben, ist die richtige Vorleserin, um gerade diesen Aspekt schallend zur Geltung zu bringen. Andersens Märchen sind phantastische Geschichten, aber jederzeit erzählen sie von dieser Welt.
Der Autor, der sich aus armseligsten Verhältnissen hoch geschrieben hatte, war gewissermaßen ein Popstar seiner Zeit. Er wurde herumgereicht. Sei es in der bürgerlichen Gesellschaft von Kopenhagen, auf den dänischen Herrenhöfen oder bei den Königen und Fürsten Europas – überall war man begierig, ihm beim Vortrag seiner Märchen zuzuhören. Sein Talent wurde als eine Art "öffentlicher Brunnen" angesehen, der für alle zu sprudeln hatte.
Im Jubeljahr des 200. Geburtstags sprudelt dieser Brunnen wieder kräftig. Es sind – was sich bei dieser Gattung besonders anbietet – eine ganze Reihe Hörbücher auf dem Markt, mit denen jeder seine ganz persönliche Andersen-Märchenstunde gestalten kann.
Hella von Sinnen zeigt, dass nicht nur eine große "Ulknudel", sondern auch eine Schauspielerin in ihr steckt. Einzuwenden bleibt, dass sie mit ihrer leicht hysterisierenden Interpretation nicht alle Töne Andersens trifft.
Ganz anders liest Christian Brückner. Man kennt ihn unter anderem als raue Synchronstimme von Robert de Niro; er kann in schrundigen Zwischentönen das verschwiegene Seelenleben gequälter Existenzen zum Ausdruck bringen. Das ist weit entfernt von jedem Märchenonkel-Ton und hat gerade deshalb einigen Reiz; noch überzeugender klingt es bei der Lesung von Andersens spätem Künstlerroman "Peer im Glück", dessen Modernität Brückner eindrucksvoll zur Geltung bringt.
Eher etwas für Fans des Modemachers Wolfgang Joop ist dessen mit viel Musik bereicherte Lesung von "Des Kaisers neue Kleider". Eine originelle Idee, aber mehr auch nicht. Man spürt zu deutlich, dass Joop, auch wenn er sich als Seelenverwandter Andersens empfindet, die geschulte Stimme fehlt.
Ein wirklicher Genuss sind dagegen die acht CDs, auf denen Manfred Steffen einen reichhaltigen Querschnitt durch das Märchenwerk bietet.
" In diesem Augenblick kam der dritte Bruder, denn es waren eigentlich drei. Aber niemand zählte den dritten als Bruder mit. Er war nicht so gelehrt wie die beiden anderen und man nannte ihn nur den Tölpelhans."
" "Wo wollt ihr denn in dem Staat hin?", fragte er sie.
"Zum Hofe des Königs, die Königstochter erschwatzen. Hast du nicht gehört, was im ganzen Land ausgetrommelt worden ist?"
Und dann erzählten sie es ihm."
""Potztausend! Da muss ich wohl mit!" rief Tölpelhans.
Die Brüder aber lachten ihn aus und ritten davon.
"Vater, gib mir ein Pferd!" rief Tölpelhans. "Ich kriege plötzlich Lust zu heiraten. Nimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie trotzdem!"
Steffens hohe Stimmlage und sein norddeutscher Zungenschlag sind wie geschaffen, die Komik Andersens hervortreten zu lassen. Und auch die elegischen, melancholischen, manchmal tieftraurigen Momente sind bei ihm gut aufgehoben. Das ist, wie im grandiosen Märchen von der kleinen Meerjungfrau, manchmal zum Seufzen, aber nie sentimental.
Andersens Geschichten hoben sich nicht nur durch ihren frischen, bei aller Artistik unverkünstelten Ton von einer Märchentradition ab, die oft frömmelnd die bloße Belehrung der Kinder verfolgte. In seiner Kinderwelt ist die Oberhoheit der Erwachsenen nicht gesichert. An der "Prinzessin auf der Erbse" bemängelte ein früher Kritiker, die Kinder bekämen hier ganz falsche Vorstellungen - als sei "eine so hohe Dame immer schrecklich wehleidig". In der Tat werden in Andersens Märchen Heucheleien und Lebenslügen vorgeführt, und der unbestochene Kinderblick ist, wie in "Des Kaisers neue Kleider", oft das Mittel dazu. Gerade wegen dieser Einsichten in menschliche Abgründe sind die Märchen aber nicht bloß für Kinder eine ergiebige Lektüre; ihr doppelter Boden und ihre Ironie gehen oft erst dem erwachsenen Leser oder Hörer auf.
Bibliographie:
Hans Christian Andersen: Märchen. Erzählt von Manfred Steffen. Deutsche Grammophon Literatur. 8 CDs, 9 St., 20 Min., 41 Euro
Dass., 2 CDs, 9,99 Euro
Hans Christian Andersen: Peer im Glück. Unbekannte und bekannte Märchen. Gelesen von Christian Brückner und Rosemarie Fendel. Parlando. 4 CDs, 4 St., 23 Min., 29,90 Euro
Hans Christian Andersen: Die Prinzessin auf der Erbse und andere Märchen. Gelesen von Hella von Sinnen. Deutsche Grammophon Literatur. 2 CDs, 145 Min., 18 Euro
Hans Christian Andersen: Der Kaiser und die Nachtigall. Märchen gelesen von Wolfgang Joop. Mit Musik von Andreas Scholl. Deutsche Grammophon Literatur. 1 CD, 16,49
