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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.03.2015

Andalusien nach der WahlWo die Krise nicht enden will

Von Marc Dugge

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Fässer mit Sherry in der Bodega Gonzalez Byass (Imago / Travel-Stock-Image)
Fässer mit Sherry in der Bodega Gonzalez Byass (Imago / Travel-Stock-Image)

Viele Weinkellereien im südspanischen Jerez de la Frontera wurden durch die Wirtschaftskrise vernichtet - dabei war die Branche der Motor der Region. Marc Dugge hat die Stadt besucht. Jerez gehört zu den Gemeinden mit den höchsten Arbeitslosenzahlen des Landes.

Sanfter Vollbart, strahlendes Lächeln, rote Krawatte unter dem grauen Kaschmir-Pulli: Juan Aguilera ist der Typ Mann, von dem sich die eine oder andere Andalusien-Touristin in ihren Träumen wohl gern entführen lassen würde. Er selbst entführt Touristen zumindest in die Welt des Sherrys der "Bodega Gonzalez Byass": Die Kellerei, die für ihren Sherry "Tio Pepe" weltberühmt ist. Er zeigt ihnen das leuchtend weiße herrschaftliche Anwesen. Und führt sie in die dunklen, feuchten Keller, in denen Holzfässer seit 180 Jahren den Wein ausdünsten.

"Im Winter wird es hier nicht kälter als 13 Grad und im Sommer nicht wärmer als 23. Auch wenn dann draußen 40 Grad und mehr herrschen. Deswegen ist das Dach so hoch und der Boden aus dem Sand, den man auch in der Stierkampfarena findet. Er hilft, die Feuchtigkeit und die Temperatur zu regulieren."

Ein Besuch in der Sherry-Kellerei gehört für Andalusien-Touristen ebenso zum Pflichtprogramm wie ein Flamenco-Konzert. Rund 200.000 Menschen kommen bei Gonzalez Byass pro Jahr vorbei. Besonders die Gäste aus Großbritannien sind vom Sherry angetan. Schließlich waren es die Briten, die den Sherry im 19. Jahrhundert groß gemacht - und Jerez für immer verändert haben. Eine kleine Schicht der Bodega-Besitzer wurde sehr reich. Sie bestimmten über die Geschicke der Stadt und über das Schicksal vieler Tausend Arbeiter. Vor ihnen musste ein gewöhnlicher Arbeiter auf der Straße noch lange den Hut ziehen. Gleichmäßig verteilt war der Reichtum in Jerez nicht, die Stadt war gekennzeichnet von einem Patronagesystem. Aber es gab wenigstens Arbeit. Der Sherry-Boom hielt viele Jahre an, sagt Juan Aguilera.

"In den 70ern trank man nichts anderes als Sherry aus Jerez. Aber Getränke sind immer Moden unterworfen. Heute denkt man bei Sherry erst mal an die Oma, die nachmittags ihr Gläschen trinkt. Der Sherry ist ein bisschen an seinem Erfolg gestorben."

Und gestorben sind auch viele Bodegas in Jerez. Gonzalez Byass hält sich. Aber auch diese Firma muss auf neue Märkte setzen: Auf Asien und Russland zum Beispiel. Außerdem produziert die Firma nun Gin und auch Whisky. Beide Getränke liegen in Europa mehr im Trend. Was das alles mit Politik zu tun hat? Sehr viel, sagt José Jiménez. Er sitzt im Gemeinderat von Jerez für die sozialistische Partei. Seine Sozialisten führen Andalusien ununterbrochen seit 33 Jahren.

"In Jerez waren die Bodegas lange der wirtschaftliche Motor. Vor etwa 15 Jahren ist der ganze Sektor in die Krise geraten. Und viele Firmen, die sich rund um die Bodegas angesiedelt hatten, wurden mit in die Tiefe gerissen. Und Jerez hatte keine anderen großen Industriebranchen, die das hätten auffangen können."

Geplatzte Immobilienblase kam dazu

Von den rund 2000 Menschen, die für die Bodegas gearbeitet hätten, seien nicht mehr als ein Fünftel übrig geblieben, sagt Jiménez. 2008 kommt dann noch die geplatzte Immobilienblase hinzu. Sie löst die Wirtschaftskrise in Spanien aus – und beutelt Jerez de la Frontera zusätzlich. Von diesen Schlägen hat sich die Stadt bis heute nicht erholt: Mit 35 Prozent Arbeitslosigkeit steht sie an der Spitze der spanischen Statistik. Der Sozialist Jiménez spricht von einem "permanenten sozialen Notstand" in Jerez. Nach Jahren der Krise habe sich die Armut tief in die Gesellschaft gegraben. Alle Versuche der Politik seien gescheitert, hier Firmen anzusiedeln, die ausreichend Arbeitsplätze schaffen. Viele Menschen überlebten nur durch Schwarzarbeit.

"In den guten Jahren hatten wir in Jerez einen Mangel an Arbeitskräften. Es gab viele Ausländer, die nach Jerez kamen, um hier Arbeit zu finden. Das hat sich umgekehrt: Jerez hat sich von einer Einwanderungs- zu einer Auswanderungsstadt entwickelt. Das gilt gerade für die gut ausgebildeten, jungen Menschen."

Später wird er erzählen, dass sein Sohn in Deutschland lebt. In einem kleinen Dorf im Schwarzwald verkauft er Kuckucksuhren, sagt er. Kirschwasser statt Sherry. So wie der Sohn suchen viele Andalusier ihr Glück anderswo. Denn nirgendwo in Spanien ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie hier. Daran ändern auch die rund achteinhalb Millionen ausländischen Touristen nichts, die Andalusien im vergangenen Jahr besucht haben. Die Industrie trägt nur etwa zwölf Prozent zur Wirtschaftsleistung Andalusiens bei. Das ist etwa halb so viel wie in Deutschland. Und dann sind da noch die Korruptionsskandale, mit denen Andalusien immer wieder von sich reden macht. Auch Jerez von sich reden macht. José Ignacio Garciá hat in Jerez für die neue, linke Partei "Podemos" kandidiert.

"Wir hatten seit Beginn der Demokratie in Spanien drei Bürgermeister hier in Jerez. Der erste, Pedro Pacheco, kam nach 24 Jahren an der Macht ins Gefängnis. Die Sozialistin Pilar Sanchez kommt jetzt ins Gefängnis und die aktuelle Bürgermeisterin der Konservativen muss sich ebenfalls in einem Korruptionsskandal verantworten. Da kann man sich vorstellen, wie sehr die Politik in dieser Stadt diskreditiert ist!"

Garcia ist 27 Jahre alt. Er trägt Halskette, Pferdeschwanz, Vollbart. Ein unkonventionelles Outfit für einen andalusischen Politiker. Aber unkonventionell will seine Partei Podemos ja auch sein. Bei den Wahlen in Andalusien hat sie es mit knapp 15 Prozent auf den dritten Platz geschafft. Weniger als Umfragen vorhergesehen hatten. Aber trotzdem nicht schlecht für eine Partei, die sich gerade erst gegründet hat. Und die in ihren Inhalten noch ziemlich vage ist. Sie spricht viele Menschen an, die von den etablierten Parteien enttäuscht sind. Weil die Krise fortwirkt, gerade in Jerez.

"Leben heißt Suchen"

In der Armenküche "El Salvador" von Jerez arbeitet Schwester Concha. Tag für Tag, trotz ihrer 91 Jahre. Denn sie wird gebraucht, um das zu bewältigen, was der Sozialist Jiménez den "permanenten sozialen Notstand" genannt hat.

"Sieh mal: Auf dem Schild stehen die Regeln für die Menschen, die hier herkommen. Man darf nicht betrunken kommen. Man muss sich hinten anstellen und darf keine alkoholischen Getränke mitbringen."

Der Comedor ist einer der wenigen Restaurants in Jerez, in denen es keinen Sherry gibt. Der Saal ist voll. Es duftet nach Paprikawurst, Maccheroni, frittiertem Fisch. Täglich kommen etwa 120 Menschen vorbei, um hier zu Essen. Viele Obdachlose natürlich. Aber auch Menschen, denen sich die Armut nicht so leicht ansehen lässt. Paco zum Beispiel:

"In Spanien gibt es ein geflügeltes Wort: Leben heißt Suchen" , sagt Paco. Er meint es scherzhaft. Denn auch er sucht: Nach Arbeit. Früher hat er auf dem Bau gearbeitet, auch im Ausland. Und gut verdient, sagt er. Heute schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Strom zapft er beim Nachbarn ab, wenigstens ist die Wohnung im Familienbesitz und abbezahlt.

"Ich sehe keine bessere Zukunft. Viele sagen: Da brennt ein Licht am Ende des Tunnels. Ich denke eher, es ist das Licht des Zugs, der auf mich zurast..."

 

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