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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 06.01.2021

Analog und digitalStoppt die Meinungsinflation!

Ein Standpunkt von Arno Frank

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Eine Illustration zeigt zwei sich gegenüberstehe Gruppen mit Megafonen und Transparenten. (imago images / Ikon Images / Harry Haysom)
Es gibt kein Thema, das nicht umkämpftes Terrain wäre, hat Arno Frank beobachtet. (imago images / Ikon Images / Harry Haysom)

Sie ist nicht selbstverständlich: Wer in Diktaturen auf Meinungsfreiheit pocht, kann für Jahre in Haft kommen. Dafür werde in westlichen Demokratien so viel Meinung geäußert wie nie, meint der Publizist Arno Frank – ein Phänomen mit Schattenseiten.

2020 war das Jahr, in dem sich mehr Menschen als jemals zuvor eigene Meinungen bildeten und die auch aggressiv und sehr laut vertraten, weil man seine Meinungen ja angeblich "vertreten" muss, beispielsweise zur Pandemie. Das hat eine gute Seite, denn: Demokratie ist ohne einen Wettbewerb unterschiedlicher Positionen nicht zu haben. Und vor allem werden sie vom Staat nicht zensiert.

Meinungsmüdigkeit ist gesund

Zugleich setzt uns dieser Wettbewerb unter einen ungesunden Dauerstress. Wer so etwas wie eine Meinungsmüdigkeit verspürt, sollte ihr nachgeben. Sie ist gesund. Meinungen sind, seit sie sich glasfaserverstärkt über jene Medien verbreiten, die aus unerfindlichen Gründen noch immer "sozial" genannt werden, lästiger als Mücken an einem schwedischen See.

Längst begegnen uns Meinungen nicht mehr nur in den klassischen Medien, im Feuilleton oder Leitartikel, wo sie sich leicht überblättern ließen. Sie springen uns von den Bildschirmen unserer Smartphones entgegen, werden auf Transparenten durch die Straßen getragen oder im Freundeskreis vorgetragen. Immer im hohen Brustton der Überzeugung.

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Im Umlauf sind Meinungen zur Klimakrise, zum Kapitalismus, zu den Wahlen in den USA, zum Terrorismus, zum Antisemitismus, zu Friedrich Merz, zur Bundesliga, zu Transpersonen, zum Laizismus in Frankreich oder zum Islamismus in der Türkei, zu Hunden oder Katzen.

Emotionen statt Expertise

Es gibt schlicht kein Thema, das nicht von widerstreitenden Meinungen umzingelt, das nicht umkämpftes Terrain wäre. Auch war der gesellschaftliche Druck selten höher, sich zu einem beliebigen Sachverhalt eindeutig "zu positionieren". Ein Mensch ohne Meinung ist nackt.

Praktischerweise müssen wir nicht einmal mehr Fachleute sein – oder auch nur eine Ahnung vom Thema haben. Emotionen reichen auch. Es genügt, sein Dagegensein vor sich herzutragen wie eine Monstranz. Im Umlauf sind mehr Meinungen, als es Expertise gibt. Man könnte es auch Inflation nennen.

Unser Problem ist weniger ein angeblicher Meinungskorridor, der nur bestimmte Ansichten zulässt. Unser Problem ist vielmehr, dass wir uns in ein Meinungslabyrinth haben locken lassen, aus dem vor lauter Meinungen und gespiegelten Gegenmeinungen kein Ausgang mehr zu finden ist.

Kann es da verwundern, dass Menschen sich um extreme Pole versammeln, dass sich die Allgemeinheit zusehends spaltet?

Eine Öffentlichkeit mit Wahrnehmungsstörungen

"Ein Mindestmaß an Weisheit", schreibt der rumänische Philosoph E.M. Cioran, "müsste uns dazu zwingen, alle Thesen gleichzeitig zu verfechten, in einem Eklektizismus des Lächelns und der Zersetzung".

Eine andere Lösung könnte sein, sich der Meinung zu enthalten und der Meinungsmüdigkeit nachzugeben. Wir sollten uns versuchsweise, und sei’s auch nur vorübergehend, selbst von der Pflicht entbinden, zu allem etwas zu sagen oder zu schreiben.

Bei Menschen führt dauerhafter Schlafentzug zu Störungen der Wahrnehmung, zu Apathie, Depression und erhöhter Reizbarkeit. Warum sollte es bei Gesellschaft anders sein?

Alle Symptome weisen darauf hin, dass die Öffentlichkeit genau daran leidet. Wahrnehmungsstörungen und erhöhte Reizbarkeit schlagen sich inzwischen sogar schon in Wahlergebnissen nieder.

Besser eine Haltung statt eine Meinung

Müdigkeit ist ein Warnsignal. Wir sollten es hören und ernst nehmen. Das gilt auch für Meinungsmüdigkeit – für den Überdruss, mit Meinungen bombardiert zu werden oder sich selbst welche bilden und die dann andauernd prüfen zu müssen.

Plädiert sei daher für einen Schlaf, der nicht mit Meinungslosigkeit zu verwechseln ist. Wir sollten uns statt an der nervösen Meinung lieber an ihrer ruhigen Schwester orientieren: der Haltung.

Denn wer eine Haltung hat zur Welt, muss nicht fortwährend jede ihrer Erscheinungen einer erneuten Prüfung unterziehen. Und: Wir würden wieder lernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

Arno Frank posiert für ein Porträt. (picture alliance / ROPI / Anna Weise)Arno Frank (picture alliance / ROPI / Anna Weise)Arno Frank, Jahrgang 1971, hat in Marburg und München Kunstgeschichte und Philosophie studiert. Von 1999 bis 2011 war er bei der Tageszeitung "taz" in verschiedenen Funktionen tätig – zuletzt als Ressortleiter des von ihm mitgegründeten Gesellschaftsteils. Seit 2011 schreibt er als freier Autor für verschiedene Medien. 2017 erschien bei Klett-Cotta sein Debütroman "So, und jetzt kommst du".

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