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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.09.2012

An Muttis Brust

Regisseur Bastian Kraft inszeniert Kleist-Klassiker am Hamburger Thalia Theater

Von Alexander Kohlmann

Das Thalia-Theater lässt Bastian Kraft nach zwei Inszenierungen im kleinen Gaußstraßen-Theater auf die große Bühne.  (Arno Declair)
Das Thalia-Theater lässt Bastian Kraft nach zwei Inszenierungen im kleinen Gaußstraßen-Theater auf die große Bühne. (Arno Declair)

"Der zerbrochene Krug" ist ein Bühnenschlager. Vom Klamauk hin zur Gesellschaftskritik ist vieles mit dem Text probiert worden. Bastian Kraft erteilt dem Slapstick eine Absage und zeigt ein System, in dem es niemanden um die Wahrheit geht. Der Gerichtsrat ist eine Frau, mit Wiedererkennungswert.

Was für ein schmieriger, widerlicher und durch und durch korrupter Mensch ist dieser Dorfrichter Adam. Phillipp Hochmair mit durchgebluteten Verbänden und schmutziger Robe, der von seinem Schreiber in einer Art Spiegelkasten beständig bei seinen Ausflüchten gefilmt wird, lässt für das Recht von Beginn an nichts Gutes erwarten. Die Videoaufnahmen seines bei der nächtlichen Triebabfuhr verletzten Gesichts sprechen eine eindeutige Sprache, wer denn hier der Täter ist.

Als die Bühne aufgeht, zeigt sich jedoch schnell, dass Dorfrichter Adam gar nicht das Problem ist, sondern er sich in einem korrupten System bewegt, in dem die Wahrheit und das Recht schon einmal gar niemanden interessieren. Am wenigsten die Gerichtsrätin Walter (Sabine Orléans), einer fülligen, reiferen Frau im eleganten Blazer, die beaufsichtigen soll, wie sich ihr Richter Adam in der Affäre "zerbrochener Krug" schlägt.

In einem fragilen Mediensystem muss auch sie sich in erster Linie selbst behaupten. Jeder Beteiligte hängt in einem wackeligen Käfig, die Aussagen werden per Kameras auf eine Leinwand übertragen. Oft genug entsteht die Geschichte erst in diesem Puzzle aus öffentlichen Bildern und Statements, die nichts mit der Wahrheit zu tun haben, wie wirklich jeder in diesem Prozess von Anfang an zu wissen scheint.

Am ehesten die Gerichtspräsidenten selbst, der es einzig und allein darum geht, die fragile Stabilität dieser wackeligen Käfige zu bewahren. Sie will Richter Adam noch einmal eine Verlängerung ermöglichen, ohne selber Schaden zu nehmen. Wie sie da oben in ihrem Käfig jede Lüge erträgt und genussvoll die Rechtfertigungen des sich windenden und kreischenden Richterungetüms entgegennimmt, aber doch in helle Aufregung gerät, wenn das System zu wanken droht, weil Eves Mutter Marthe Rull (Sandra Flubacher) jenseits des Protokolls ihren Käfig zu verlassen droht, macht sie zur eigentlichen Heldin dieses Abends.

Zur komplexen Machtpolitikerin, die Richter Adam sich erst in aller Öffentlichkeit selbst demontieren lässt, um dann im letzten Augenblick noch einmal die schützende Hand vor ihn zu halten, währenddessen die Kameras kein ungünstiges Bild von ihr bekommen können.

Man muss nicht erst im Programmheft Verweise auf die Affären Gutenberg und Wulff lesen, um das fatale Duo aus Gerichtsrätin Wagner und ihrem Richter Adam in Verbindung mit den letzten Affären des politischen Berlins zu bringen. Alleine, dass Bastian Kraft auf die platte Aktualisierung zugunsten einer absolut überzeugenden Systemanalyse verzichtet, kann dieser Inszenierung gar nicht hoch genug angerechnet werden.

So drängen sich die Bilder aus unserer medialen Wirklichkeit beim Sehen förmlich auf, etwa, wenn Richter Adam an Muttis Brust noch einmal um Gnade fleht. Ähnlichkeiten mit lebenden Persönlichkeiten?

An diesem Abend gewiss kein Zufall.

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