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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.11.2016

Amitav Gosh: "Die Flut des Feuers"Gosh schafft diesmal keine große Literatur

Von Johannes Kaiser

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Der indische Buchautor Amitav Gosh (dpa picture alliance/ Frank May)
Der indische Buchautor Amitav Gosh (dpa picture alliance/ Frank May)

Amitav Gosh beschließt mit "Die Flut des Feuers" seine Trilogie indisch-chinesischer Geschichte. Dabei schafft er es aber nicht, den Leser zu fesseln. Und das trotz zahlreicher Handlungsstränge und Figuren.

Im 18. Jahrhundert unterwarf das britische Imperium erst Indien, dann weite Teile Asiens und schließlich China. Diese Eroberungen bilden den Hintergrund einer Trilogie des indischen Schriftstellers Amitav Gosh über die Hintergründe des Opiumanbaus in Indien und des ersten Opiumkrieges gegen China. Nachdem die Chinesen den äußerst lukrativen Opiumhandel verboten hatten, zwang die britische Armee China 1837 mit Waffengewalt, den Markt wieder zu öffnen. Amitav Gosh erzählt von diesen Ereignissen anhand einer Handvoll indischer und englischer Protagonisten, die durch das Handelsschiff 'Ibis‘ miteinander verbunden sind. Mit "Die Flut des Feuers" beschließt er seine Trilogie.

Nun leiden Trilogien oft unter dem Manko, dass man nur schwer in ihren dritten Teil hineinfindet, wenn man die beiden Vorgänger nicht kennt. Das gilt leider auch für Amitav Goshs dritten Roman. Zwar führt er geschickt in die Vergangenheit der Protagonisten ein, die bereits in den ersten beiden Bänden eine Rolle spielten, aber es bleiben dennoch Verständnislücken.

Amitav Gosh beschreibt Kämpfe in China sehr detailliert

Vier Handlungsstränge werden nebeneinander hergeführt, bis sie sich am Ende treffen. Da geht es um die indische Ehefrau eines in China verstorbenen parsischen Opiumhändlers. Sie bricht nach China auf, um dessen Erbe anzutreten und den unehelichen Sohn ihres Mannes kennenzulernen. Für damalige Verhältnisse eine unheimlich mutige Entscheidung.

Die zweite Geschichte betrifft einen jungen indischen Soldaten, der einem britischen Offizier unterstellt ist. Der trauert einer unglücklichen Liebe hinterher. Beide werden in China in die Kämpfe geschickt, die Amitav Gosh in so großer Detailtreue beschreibt, als wäre er dabei gewesen. Er hat hierfür unglaublich viel historisches Material verarbeitet.

Hongkong im Jahr 1870. Der sogenannte Opiumkrieg zwischen England und China hatte 1841 zur Besetzung Hongkongs geführt. Nach 156 Jahren wurde die britische Kronkolonie zum 1. Juli 1997 an China zurückgegeben. (picture-alliance / dpa / Hongkong Museum of History)Hongkong im Jahr 1870. Der sogenannte Opiumkrieg zwischen England und China hatte 1841 zur Besetzung Hongkongs geführt. (picture-alliance / dpa / Hongkong Museum of History)

Der dritte Handlungsstrang erzählt von einem jungen Bootsmann. Er hat ein Verhältnis mit der jungen Frau seines Arbeitgebers und späteren Geschäftspartners. Amitav Gosh bricht hier ein indisches Tabu. Wenn auch in vielerlei Umschreibungen erzählt er vom Sex der beiden, amüsiert sich dabei ausführlich über die damaligen Warnungen vor den schädlichen Folgen der Onanie. Das geht auf die Nerven!

Die vierte Geschichte dreht sich um einen jungen Eurasier, der die Ereignisse auf chinesischer Seite miterlebt, ein intelligenter junger Mann, aus dessen real existierendem Tagebuch Gosh häufig zitiert.

Flott geschriebener, historischer Unterhaltungsroman

Die vier Lebensläufe sind so ineinander geflochten, dass man beim Lesen immer nur einen kurzen Abschnitt oder Rückblick zu sehen bekommt. Das steigert die Spannung, kann aber die Schwächen des Romans nicht verbergen. So ermüden die Kriegsbeschreibungen. Die zahllosen indischen Bezeichnungen, die man ständig im Glossar nachschlagen muss, stören den Lesefluss. Die Liebesbeziehungen, die drei der vier Geschichten prägen, sind allzu durchschaubar und enden vorhersehbar. Keine der Hauptfiguren berührt einen wirklich. Amitav Gosh hat diesmal nur einen flott geschriebenen, historischen Unterhaltungsroman über brutalen Krieg und unglückliche Liebe vorgelegt, keine große Literatur.

Amitav Gosh: Die Flut des Feuers
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Barbara Heller u. Rudolf Hermstein
Karl Blessing Verlag, München 2012
864 Seiten, 27,99 Euro

 

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