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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2006

Am Anfang stand die Antimatschtomate

"Einfach GEN:ial" - Über Vor- und Nachteile der "grünen Gentechnik"

Rezensiert von Susanne Billig

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Greenpeace-Aktivisten protestieren im Januar 2002 auf der Berliner "Grünen Woche" gegen Genfutter (AP Archiv)
Greenpeace-Aktivisten protestieren im Januar 2002 auf der Berliner "Grünen Woche" gegen Genfutter (AP Archiv)

Etwa zehn Jahre sind vergangen seit der Zulassung des ersten gentechnisch veränderten Lebensmittels - der so genannten "Antimatschtomate". Seither hat die Gentechnik in der Landwirtschaft einen starken Aufschwung erlebt. In "Einfach GENI:ial" liefert Brigitte Zarzer eine kritische Bestandsaufnahme.

Die Gentechnik ist eine Querschnittsdisziplin – das macht sie so kompliziert. Es geht dabei um Wissenschaft, um Medizin, um Innen- und Außenpolitik, um Ethik, um Naturschutz. Die Wiener Autorin Brigitte Zarzer ist studierte Medien- und Theaterwissenschaftlerin und arbeitet seit über 15 Jahren als Journalistin zu den Themen Gesellschaftspolitik, Umwelt, Gesundheit und Ethik. In ihrem Buch zeigt sich die Autorin umfassend informiert und berührt die vielen Aspekte des Themas mit leichter Hand und lebendigem Stil. Über manche Strecken hinweg kann man beim Lesen fast vergessen, dass es sich um ein Sachbuch handelt – so unterhaltsam sind manche Kapitel geschrieben.

Keine Frage: Zarzer geht kritisch an die grüne Gentechnologie heran – allerdings ohne dabei ideologisch zu werden. Viele Gentechniker, so moniert die Autorin, suchen in ihren Laboren nach Lösungen für landwirtschaftliche Probleme, ohne sich über die Ursachen dieser Probleme wirklich Gedanken zu machen. So schön sich das anhört: Trockenheitsresistente Pflanzen, die auch in Wüsten wachsen, Reis oder Weizen für die Dritte Welt, die mehr Ertrag abwerfen oder Vitalstoffe enthalten – einmal abgesehen, dass an solchen Pflanzen kaum geforscht wird: Hunger und Mangelernährung sind in den meisten Ländern der Dritten Welt kein Problem schlechter Pflanzen, sondern ein Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Es wird neben den gedeckten Tischen der Privilegierten gehungert – der privilegierten Länder, der privilegierten Eliten in der Dritten Welt. Welthandelsorganisation, Internationaler Währungsfonds und Weltbank sind nicht unschuldig daran, macht die Autorin deutlich: Sie zwingen die Länder des Südens zu einer harten Exportpolitik. In Indien verrotteten im Jahre 2002 mehrere Millionen Tonnen Reis, die für den Export produziert worden waren. Zur gleichen Zeit hungerten dort 50 Millionen Menschen.

Auch den wichtigen Naturschutz- und Gesundheitsaspekten widmet Brigitte Zarzer reichlich Platz in ihrem Buch. Fast alle gentechnisch veränderten Pflanzen werden zuerst in den USA zugelassen. Auf Basis der US-Daten erfolgen auch die Zulassungen in der EU. In den USA erfolgen die Sicherheitsprüfungen auf der Grundlage "freiwilliger Konsultationen" mit den Gentechnik-Unternehmen. Die Unternehmen entscheiden, welche Daten sie den Behörden geben – dass das keine Basis für eine objektive Prüfung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit ist, leuchtet ein. Rund 90 Prozent aller Genforscher arbeiten in der Industrie. Es sind unabhängige Wissenschaftler, die in Tierversuchen Missbildungen von Nieren, Leber oder Blutbild durch Gen-Pflanzen nachweisen. Hier tobt ein Expertenstreit, der noch längst nicht entschieden ist. Die Versuchskaninchen sind – leider – die Verbraucher.

Die grüne Gentechnik ist kein wohltätiges Unterfangen, sondern – das kann man beim Blick hinter die Kulissen mit Brigitte Zarzer sehr schön sehen – ein Geschäft: Ein gutes Beispiel dafür liefert der US-Konzern Monsanto. Um das weltweite Saatgut-Monopol zu erlangen, erwirbt das Unternehmen eine Saatgutfirma nach der anderen, dazu eine Vielzahl von Patenten, sowohl für gentechnische Methoden als auch für sein Gentechnik-Saatgut. Jeder Farmer, der Monsanto-Saatgut anbauen möchte, muss einen Vertrag unterzeichnen, der ihn aufs engste an Monsanto bindet. Selbst an seiner Ernte erhebt Monsanto noch Rechte. Die Anwälte des Unternehmens gehen äußerst harsch gegen Verstöße vor. Dazu kommt, dass sich die Gentechnik-Saaten Monsantos in riesigen Regionen unkontrolliert ausgebreitet haben, vor allem in Nord- und Südamerika. Von der Kontamination profitiert Monsanto: Wo immer eine Pflanze mit Monsanto-Genen gefunden wird, kann das Unternehmen Lizenzgebühren verlangen. Angesichts dieser aggressiven Politik kann man mit der Autorin nur zu dem Schluss kommen: Hier strebt ein Unternehmen nicht weniger als eine Art "Weltherrschaft über die Landwirtschaft" an.

Die Gegnerschaft der Wiener Autorin zur Grünen Gentechnik ist also ganz eindeutig. Wer weder vor noch nach der Lektüre diese Meinung nicht teilt, lernt aber sehr präzise die Argumente der Kritiker kennen.

Vorteile räumt Zarzer der grünen Gentechnik nur begrenzt ein: Die Gentechnik-Kartoffel mit Amylose freier Stärke findet Gnade vor ihren Augen – diese Stärke wird derzeit recht aufwendig konventionell hergestellt und ist ein wichtiger, nachwachsender Rohstoff, ein Kleister und Bindemittel, für die Textil-, Papier- und Bauwirtschaft. Außerdem kann sich Zarzer noch ein wenig mit dem Gedanken an "Molecular Pharming" anfreunden – Gentech-Pflanzen, die Stoffe für die Pharmazie produzieren. Das aber sollte unter Hochsicherheitsbedingungen, etwa tief unten in stillgelegten Bergwerken erfolgen, schlägt die Autorin vor – wie es auch einige Wissenschaftler tun.

Die vielen Beispiele und das solide Zahlenmaterial machen das Buch spannend für alle, die als kritische Verbraucher auf dem neuesten Stand über die grüne Gentechnik informiert werden möchten.

Brigitte Zarzer: Einfach GEN:ial
Die grüne Gentechnologie: Chancen, Risiken und Profite
Heise Verlag, November 2005
190 Seiten, 16 Euro

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