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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.02.2014

AltersheimIn guter Nachbarschaft

Im "Haus am Sandberg" leben besonders viele türkische Bewohner

Von Michael Frantzen

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Der islamische Gebetsraum im "Haus am Sandberg" (picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Der islamische Gebetsraum im "Haus am Sandberg" (picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Das Duisburger "Haus am Sandberg" gilt als erstes multikulturelles Seniorenzentrum der Republik: Hier gibt es Gebetsräume für Christen wie für Moslems. Aber auch sonst überrascht das Altersheim.

 Altinok: "Herr Egin?"

 (Altinok und Egin reden auf Türkisch)

 Autor: "Guten Tag!"

 Egin: "Guten Tag. Bin gerade essen. Suppe."

Suppe zum Frühstück: In der türkischen Küche nichts Ungewöhnliches. In Duisburg auch nicht. Schon gar nicht im "Haus am Sandberg" – dem ersten multi-kulturellen Seniorenzentrum Deutschlands. Es ist früh am  Morgen, kurz vor neun. Draußen scheint die Sonne, drinnen, in der geräumigen Küche, hat es sich Sabahaddin Egin an seinem Lieblingsplatz bequem gemacht. Direkt am Fenster. Da sitzt er in der Sonne. Und hat genügend Platz für seinen Rollstuhl. Der Mann mit den Lachfalten schaut zu Necla Altinok rüber, die am Herd das Frühstück vorbereitet. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Nach der Suppe gibt es sein Leibgericht: Omelett mit Knoblauchwurst.

Egin: "Dann nen bisschen labern. Und dann singen. Mit der Frau Necla, wir singen alte Lieder."

(Egin und Altinok reden auf Türkisch)

Altinok: "Lili Marleen."

Egin: "Lili Marleen. Ja klar."

(Egin und Altinok singen Lili Marleen auf Türkisch)

Niemand trägt hier weiße Kittel

Lili Marleen auf Türkisch - im "Haus am Sandberg" ist manches anders, als man denkt. Allein schon optisch: Mit seinen großzügigen Balkonen und dem Licht durchfluteten Atrium könnte das Gebäude fast schon als Feriendomizil für Senioren durchgehen. Niemand trägt hier weiße Kittel oder irgendwelche Einheitskleidung. Ist auch besser so, findet Herr Egin:

"Ich bin sehr zufrieden mit meine Leben. Meine Schicksal."

Sagt der Mann, den alle nur "Herrn Egin" nennen, weil sein Vorname für deutsche Zungen so schwer auszusprechen ist. Aber das kennt er schon. Von früher:

"Ich kam Deutschland, dann haben se mich gefragt: Hör mal: Wie heißt Du denn? Ja. Hab ich gesagt: Sabahaddin. Da sagt der: Sabahaddin? Der sagt damals: Sebastian. Einfach. Fertig. Aus."

Schlaganfall änderte sein Leben

Herr Egin hat auch das weggesteckt - wie vor sieben Jahren den Schlaganfall, der sein Leben von einen Tag auf den anderen veränderte. Der 70-Jährige fasst sich an den linken Arm. Er ist trotz Reha taub geblieben - genau wie das linke Bein. Deshalb auch der Rollstuhl. Doch Herr Egin ist niemand, der mit seinem Schicksal hadert. Außer vielleicht damit, dass der Schlaganfall sein Sprachvermögen eingeschränkt hat. Türkisch - das geht noch. Aber mit dem Deutschen ist es so eine Sache.

"Kennen Sie den Dieter Thomas Heck? Meine Ziel wie Dieter Thomas Heck gesprochen. Aber jetzt: Die Hälfte von den deutschen Wörtern is weg. Deswegen spreche ich so abgehakter Deutsch."

Gut fünf Jahrzehnte lebt Herr Egin nun schon in Deutschland. Er spießt mit seiner Gabel ein Stück Knoblauchwurst auf – und schließt für einen Augenblick die Augen. Fiel ihm nicht leicht - der Abschied damals, aus der Türkei. Schließlich ließ er nicht nur seine Familie hinter sich, sondern auch seinen großen Traum.

"Ich wollte in die Uni gehen in Türkei. Dann war damalige Zeit in der Türkei diese Rechts und Links-Radikale. Dann habe ich gesagt: Du hast keine Zukunft hier. Komm, hau mal ab. Bundesbahnwagen. Damalige Zeit: Drei Tage und drei Nächte unterwegs. Dann bin ich Duisburg. Seitdem bin ich hier."

Schlosser war er - erst auf Montage, dann 25 Jahre bei Thyssen. Er ist gut zurechtgekommen - trotz blöder Kommentare anfangs.

"Habe ich immer gesagt: Aih, hör auf! Knallkopp. (lacht) Meinen Sie, ich lass alles gefallen. Näh! Können se bei mir nich: Blöde Kommentare machen."

Necla Altinok leitet die türkische Frauengruppe

Langsam füllt sich die Küche. Gut zwanzig Bewohner sitzen nun an einem langen Tisch - und lassen es sich schmecken. Necla Altinok blickt kurz vom Herd hoch. Die resolute Witwe leitet die türkische Frauengruppe, die einmal die Woche Frühstück macht.

Altinok: "Zu Hause hab ich Langeweile gehabt. Was mache ich zu Hause? Lese ich Zeitung, gucke Fernsehen. Ich bin Arbeitsmensch."

Da ist sie nicht die einzige hier.

Krause: "Was is das?"

Altinok: "Für Rechnung."

Krause: "Ne Rechnung? Wieder ohne Nummer! (blättert) Mit der Rechnung – da müssen sie eigentlich zu Herrn Neuhaus."

Altinok: "Wo ist Neuhaus?"

Krause: "Ganz unten."

Altinok: "Ok."

Krause: "Datt is immer: Quittung gegen Geld."

"Wohl typisch Deutsch", meint Ralf Krause lachend. Meist aber lässt der Heimleiter, ein drahtiger Typ mit rahmenloser Brille und Jeans, Fünfe gerade sein. Wenn wieder mal jemand Schimmi, seinem Hund, den er häufig zur Arbeit mitnimmt, Schokolade zusteckt. Oder die Bewegungsmelder draußen verrückt spielen. Wie gestern Nacht. Aber halb so wild. Alles eine Frage der richtigen Einstellung.  

Krause: "Plan. Do. Check. Act. Nich nur immer agieren, sondern auch mal nen Moment innehalten. Und das is ja heutzutage in der modernen Pflege das A und O. Mit Pflegeplanungen. Das heißt, sie gucken bei jedem einzelnen Menschen: Was kann er noch? Was will er noch? Was können wir ihm dazu anbieten? Und immer wieder überprüfen: Ist das, was wir anbieten, wirklich das, was der Bewohner möchte."

Deutsche, Türken, Nigerianer, Russen, Slowenen und Spanier

Knapp hundert Senioren leben im "Haus am Sandberg". Es ist ein bunter Mix: Die meisten sind Deutsche und Türken, es gibt aber auch Nigerianer, Russen, Slowenen und Spanier. Krause kennt sie alle beim Namen. Das ist dem Mann wichtig, dem man seine Anfang fünfzig nicht ansieht. Dass er etwas über ihre Biografie weiß; ihre Eigenarten:

"Hier darf auch mal nen Bewohner auf unserer Parkbank liegen, ohne dass dann direkt gesagt wird: Die kümmern sich nich. Sondern wir sagen dann immer: Joh! Dem bringen wir dann noch nen Kopfkissen und der liegt doch da gut. Wenn der da schön in der Sonne auf der Bank liegen will: Wo is datt Problem?", sinniert Krause, der seit 1998 für das Deutsche Rote Kreuz die Geschäfte hier leitet.

Ein Jahr zuvor hatte das "Haus am Sandberg" seine Pforten geöffnet – als Pilotprojekt "Ethnischer Schwerpunkt Altenhilfe" wie es damals umständlich hieß. Aber waren ja auch andere Zeiten: Ein multikulturelles Seniorenzentrum, das auf die Bedürfnisse von Einwanderern eingeht: Das war neu. Selbst in Duisburg, der Malocher-Stadt mit ihren aktuell 70.000 türkischen Bewohnern.

Die Nachbarn, erinnert sich der Heimleiter in seinem Büro, das meist offen steht, seien anfangs nicht gerade begeistert gewesen: Homberg gehört zu den besseren Gegenden Duisburgs, ein paar hundert Meter entfernt fängt schon Moers an, die gut-bürgerliche Stadt am Niederrhein.

Krause: "Gerade am Anfang, in den 90er-Jahren, gab's 1500 Unterschriften gegen die Bebauung. Da wurd dann schon ordentlich aus dem Schmutzeimer genommen, so unter dem Motto: Jetzt bauen die hier ne Moschee hin. Jetzt is hier jedes Wochenende Wettgrillen. Und jetzt wird’s ungemütlich in unserem Stadtteil. In der Praxis haben die gemerkt: Na ja, so dramatisch is es auch nich. Wir haben hier kein Minarett. Hier ruft kein Muezzin. Was wir haben is ne Mescid, das heißt, der Gebetsraum im Untergeschoss mit Waschmöglichkeiten und halt Gebetsmöglichkeiten für muslimische Menschen."

Muslimischer Gebetsraum stört niemanden

Schön sieht er aus: Der muslimische Gebetsraum. Blau-weiße, fein ziselierte Kacheln an den Wänden, blaut-rote Fliesen auf dem Fußboden. Dass heutzutage ein islamischer Religionslehrer regelmäßig Gottesdienste abhält - so wie seine evangelischen und katholischen Kollegen nebenan im christlichen Gebetsraum - stört selbst die besseren Kreise Hombergs nicht mehr.   

Krause: "Mittlerweile is ett hier nen sehr angenehmes Umfeld. Was sich auch immer deutlich macht, weil wir ja sehr viele demente Bewohner haben. Unsere Bewohner dürfen überall frei laufen. Wir sind also nich geschlossen. Und da machen alle Nachbarn super mit. Das heißt, da passen alle auf. Wenn einer unserer Bewohner mit Pantoffeln Richtung Bushaltestelle geht, dann rufen die nich die Feuerwehr oder Polizei. Sondern die rufen manchmal nach ner halben Stunde an und sagen: Ja, ich sitz hier und trink Kaffee mit Herrn Soundso. Ich bring den gleich zurück."

Hätte sich Krause auch nicht träumen lassen: Dass das mit der "guten Nachbarschaft" einmal so reibungslos funktionieren würde. Hat sich alles eingespielt. Auch bei den Finanzen: Das "Haus am Sandberg" ist ein Vorzeigeprojekt des Roten Kreuzes. Sprich: Das Budget ist so großzügig bemessen, dass auf fast jeden Bewohner eine Pflegekraft kommt.

Anfangs, erinnert sich Krause, war es noch schwierig, gut qualifizierte Pfleger mit Multikulti-Hintergrund zu finden. Das ist heute kein Problem mehr: Gut die Hälfte seiner rund 100 Mitarbeiter haben ausländische Wurzeln:

"Entscheidend sind tatsächlich die Mitarbeiter. Dass gesagt wird: Der Herr Günez, die Frau Eidumuz, die Frau Ascan – die arbeiten in dem Haus. Denen kann man vertrauen. Deswegen können wa auch unsere Mutter in die Pflege sozusagen zur Obhut geben."

"Da gehört auch ziemlich viel Angehörigen-Pflege bei diesen Bewohnern dazu", sekundiert Seki Günez, einer von drei Wohnbereichsleitern.

"Dass wir selber Migranten sind, gibt Vertrauen. Gibt Sicherheit -  den Bewohnern."

Ganz schön viel Arbeit

Günez ist seit 2002 dabei. Angefangen hat er als Altenpfleger, bis Krause ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, Wohnbereichsleiter zu werden, sprich: Ein ganzes Stockwerk zu leiten. Konnte er. Der Mitt-Dreißiger zeigt in seinem Büro auf einen Papierstapel: Ganz schön viel Arbeit. Auch am Computer. Doch der Mann mit dem schwarzen Haar nimmt das gerne in Kauf. Es ist schließlich sein Traumjob. Allein schon wegen des Betriebsklimas: Jeder werde respektiert, meint Günez. Mitarbeiter genauso wie Bewohner und Angehörige. Niemand abgefertigt. Schon gar nicht die Kinder türkischer Pflegebedürftiger, die das schlechte Gewissen plagt:

"Es hängt natürlich nen gewisser Druck dahinter, dass die zweite Generation, die Kinder nicht preisgeben möchten, dass die Eltern in nem Pflegeheim gepflegt werden. Die zweite Generation möchte sich nicht bei den anderen Familien schämen. Aber wir stellen immer mehr fest, dass die dritte Generation sich da mehr bewegt und Wissen hat. Und nachfragt: Was gibt es denn für Möglichkeiten? Was können wir anbieten?"

Sich schlau machen, nachhaken, weiterbilden: Seki Günez findet das wichtig. Auch für sich selbst. Dass ihm in Deutschland nichts geschenkt werden würde: Diese Lektion hat er früh gelernt. Mit elf kam er nach Duisburg, wo sie ihn in die Grundschule steckten, weil er kein Deutsch konnte. Und danach in die Hauptschule. Doch er hat sich durchgebissen. Sein Leben verändert. Eines aber ist all die Jahre gleich geblieben: Sein Zuhause in Rheinhausen. Schuld daran ist, wenn man so will, auch Melanie, seine Jugendliebe.

Günez: "Bin sehr glücklich verheiratet. Wir haben einen Sohn. Jeder geht gewisse Kompromisse ein. Ich hab kirchlich geheiratet, weil das ihr Wunsch war. Jetzt streiten wir zurzeit (lacht) über Beschneidung meines Sohnes. Ob wir das machen können. Ja, so bewegen wir uns. Im Grunde ist es meistens so: Aufeinander zugehen. Wenn ich auf meine Wünsche beharren würde und die Melanie auf ihre Wünsche beharren würde, dann würden wa auch nichts schaffen. Da gäb’s nur Krach und das war's."

Kompromisse lassen sich auch im "Haus am Sandberg" nicht vermeiden – selbst wenn das dem einen oder anderen Bewohner nicht schmeckt.

Der Mann, der nie ins Altersheim wollte

Günez: "Nehmen wir allein: Man spricht oft von diesem Halal-Fleisch. Fleisch, das wirklich nach einer muslimischen Art geschlachtet und hergestellt wurde. Das können wir zum Beispiel nicht bieten, nicht immer bieten. Sei es, weil wir keine Zulieferer haben, die das herstellen können. Oder dass der Kühl-Weg nicht gehalten wird. Man muss immer gucken. Immer im Rahmen des Möglichkeiten."

Branko: "Ich kann das verstehen: Leute, die hier kochen: Die können sich nich nach meinem Geschmack richten. Das geht nich, näh?"

Konstatiert, zurück in der Küche, Hennes Branko, der im Ruhrgebiet geboren wurde - vor fast neunzig Jahren – als Sohn slowenischer Eltern.  Hennes mag es scharf. Dementsprechend gewappnet ist er: Etwas verstohlen kramt der Witwer einen Salzstreuer hervor, in dem kein Salz ist, sondern eine knallrote Gewürzmischung. Weiß sich halt zu behelfen. Der Mann, der eigentlich nie ins Altersheim wollte.

Branko: "Ich hab ne Wohnung gehabt von 80 Quadratmetern. Hier haben se nen Zimmer von, na, weiß ich nich: 35 vielleicht."

Ist ein bisschen weniger. 25 Quadratmeter.

Branko: "Aber man hat nix am Kopf hier. Die Sachen werden gewaschen. Essen. Sehen se ja heute. Und der Heimleiter is ja nen feiner Kerl."

Auf Krause hält Hennes Stücke. So oder so alle ok hier. Auch Frau Heiermann, die Leiterin der Senioren-Gesangsgruppe, zu der er heute Nachmittag noch will. Natürlich werden die Tage manchmal lang. Manchmal geht er raus, um sich die Füße zu vertreten oder seine Schwester zu besuchen.

"Das is unser Oberquatsch-Kopp"

Branko: "Es hat sich so ergeben. Bin ja schon acht Jahre hier. Ich komm gut zu recht mit den Leuten. Sind sehr nette Leute."

Besonders einer.

Branko: "Das is unser Oberquatsch-Kopp da."

Den kennen wir schon.

Egin: "Was hast du gesagt?" (lacht)

Sabahaddin Egin fixiert mit seinen Augen Hennes Branko – ehe beide anfangen zu lachen. Alles halb so wild. Falls "Stunk in der Bude" ist, wie Herr Egin das nennt, und die unterschiedlichen Mentalitäten und Gewohnheiten aufeinander prallen, sagen sie sich die Meinung. Wenn die spanische Bewohnerin laut Musik hört, weil sie schwerhörig ist – und ihrem deutschen Nachbarn damit auf die Nerven geht. Der wiederum ungefähr im Fünf-Minuten-Takt die Toilettenspülung drückt. Was seinen mazedonischen Nachbarn schon mal verzweifeln lässt. Ein klärendes Gewitter - und dann ist gut. So macht Herr Egin das auch bei seiner Frau. Wie damals, als sie im Urlaub in der Türkei immer die ganze Verwandtschaft abklappern mussten – bis er die Nase voll hatte:

"Dann hab ich gesagt eines Tages meine Frau: Schluss! Wir sind 19 Mal hingefahren – nach Türkei. Schluss damit. Dann hab ich gesagt: Komm, Schatz, wir fliegen Fuerteventura."

Fünf Mal waren sie auf der Kanareninsel. Schöne Zeiten. Herr Egin seufzt leise, bevor er seinen Rollstuhl in Bewegung setzt – und den Aufzug ansteuert.

Fuerteventura im DINA4-Format: Damit die Erinnerung nicht verblasst, hat Herr Egin vier Fotos der Kanaren-Insel aufgehängt. Direkt neben denen seiner Familie: dem Sohn, einem Wirtschaftswissenschaftler; der Tochter, einer Reisebürokauffrau; und seiner Frau. Auf die wartet er schon. Herr Egin blickt zur Wand-Uhr: kurz nach zehn. Müsste eigentlich gleich kommen.

N. und S. Egin unterhalten sich auf Türkisch

N. Egin: "So. Kommst du durch?" (Surren von Rollstuhl im Hintergrund zu hören)

S. Egin: "Ja klar."

N. Egin: "Guck nach vorne!"

Nadire Egin ist noch etwas aus der Puste. Die elegante Frau mit farblich abgestimmten Kleid und Kopftuch hatte heute Morgen einen Arzttermin. Deshalb die Verspätung.

N. Egin: "Ja, so ist das Leben. Jetzt müssen wir so leben. Anders geht's nich."

Zunächst zu Hause gepflegt

Anfangs hat die zupackende Türkin ihren Mann noch zu Hause gepflegt. Nach dem Schlaganfall. Doch das ging irgendwann nicht mehr. Nadire Egin zeigt auf ihren Mann: Er sei noch nie ein Fliegengewicht gewesen, meint sie schmunzelnd, aber die 140 Kilo, die er auf die Waage gebracht hätte, seien einfach zu viel für sie gewesen. Schweren Herzens entschlossen sie sich für das "Haus am Sandberg". Gut für ihren Mann, weniger gut für sie selbst – zumindest in der Anfangszeit: Zwei Stunden dauerte es von Essen, ihrem Wohnort damals, bis nach Duisburg. Hin- und zurück vier Stunden. Und das täglich. Irgendwann war Nadire Egin mit ihrer Kraft und den Nerven am Ende. Doch dann kam Herr Krause – mit der rettenden Idee. Der Heimleiter hatte gehört, dass keine hundert Meter vom Seniorenzentrum entfernt eine Wohnung frei wurde.

N. Egin: "Ich hab nie gedacht, dass ich meine Leben ganz umändere. 35 Jahre im gleichen Haus. Meine Nachbarn waren natürlich auch traurig darüber. Ich hab nette Nachbarn gehabt. Die haben immer geholfen mit meinem Mann. Sehr nett waren die. Alle Deutsche, keine türkischen Familie."

Nadire Egin muss kurz schlucken – ehe sie sich wieder fängt. Flexibel musste sie immer schon sein. Zu Hause genauso wie bei der Arbeit: Die meiste Zeit arbeitete sie in der Kantine eines Kaufhauses, zum Schluss als Pförtnerin eines Pflegeheims in Essen. Unter Leuten sein: Das gefällt ihr. In Essen kannte sie Gott und die Welt. In Duisburg außer ihrem Mann anfangs niemanden. 

Genau die richtige Mischung im "Haus am Sandberg"

N. Egin: "Die erste Zeit war für mich natürlich schwerer. Aber jetzt hab ich viele Leute kennengelernt hier."

Türken wie Deutsche. Genau die richtige Mischung – für sie und ihren Sabahaddin. 

 "Wenn jetzt nur Türken gewesen wären, wäre auch nicht so richtig gewesen. Dann verliert man Sprache. (lacht) So ist viel besser."

Es ist Nachmittag geworden. Langsam verschwindet die Sonne hinter dem "Haus am Sandberg". Heimleiter Ralf Krause legt den Telefonhörer auf und schaut kurz aus dem Fenster: Kein Schnee, kein Regen. Perfekt. In ein paar Minuten muss er sich auf den Weg machen: Eine mehrtägige Tagung steht an. Der Laden muss ohne ihn laufen. Krause winkt ab: Sind alle fit hier. Außerdem kennen seine Kollegen das schon: Ein, zwei Mal die Woche hört der Vater dreier Kinder etwas früher auf, um Jugend-Fußballmannschaften zu trainieren. Auch da ist Multikulti angesagt: 15 verschiedene Nationalitäten beim Training sind keine Seltenheit:

"Ich bin ja hier im Haus mit älteren Menschen täglich zusammen. Durchschnittsalter unserer 96 Bewohner is zurzeit 83,5 Jahre. Das heißt, hier bin ich jung. Mit meinen fünfzig. Aber auf dem Fußballplatz bin ich der Opa. (lacht) Und das is eigentlich ne ganz spannende Geschichte – dieser krasse Unterschied."

"Das bringt natürlich Leben in die Bude"

Ab und zu gelingt es Krause, Arbeit und Hobby zu verbinden: Sein "Haus am Sandberg" steht Kindern und Jugendlichen offen. Von seinen Nachwuchskickern bis hin zu Kinder-Karnevals- und Tanzgruppen waren alle schon da, um die Räumlichkeiten zu nutzen:  

"Das bringt natürlich Leben in die Bude. Die Kindergruppen zahlen alle nichts. Und denen wird auch gesagt: Ihr dürft auch mal laut sein. Damit sich die Bewohner mal aufregen. Damit die so nen Stück Normalität, was man in jedem Mietshaus hat, auf jeder Straße, an jedem Spielplatz – dass sie das hier auch noch erleben. Das passiert dann tatsächlich. Dass wir hier Bewohner haben, die sich tierisch aufregen. Über diese Kinder. (lacht) Wie schrecklich die heutzutage sind. Ich freu mich innerlich. Meine Mitarbeiter auf den Etagen sind manchmal genervt. Denen sage ich aber immer: Wenn die Bewohner sich über die Kinder aufregen, dann brauchen se sich nich über euch aufzuregen."

Kurz vor vier: Hennes Branko, der Mann mit dem Faibel für Chili-Pulver, hat sich seinen Stammplatz im großen Saal im zweiten Stock gesichert: Direkt am Fenster. Gleich fängt das Singen an – wie jeden Dienstag. Er blättert in seinem Gesangsheft: Schlager aus den 30er- und 40er-Jahren stehen auf dem Programm. Hennes nickt: Kann nichts schief gehen. Da kennt er sich aus. Mit türkischen Liedern, die manchmal auch zum Besten gegeben werden, nicht so. Ist dann eher was für Herrn Egin, den Quatschkopp. Meint er lachend. Heute aber: Deutsche Schlager. Aus den guten, alten Zeiten, als Hennes und die anderen Bewohner im "Haus am Sandberg", dem Multikulti-Kosmos von Duisburg, noch jung waren. 

Chorleiterin: "Mit dem ersten Lied fangen wir direkt an. Lied Nummer Eins in unserem Liederheft: 'Aber dich gibt’s nur einmal für mich.'"

Frau: "Jawoll."

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