Altersdiskriminierung

Jetzt alle gegen die alte weiße Frau!

04:26 Minuten
Zwei ältere Damen sitzen auf einer Parkbank.
Warum nicht mal über alte weiße Frauen schimpfen – statt über den alten weißen Mann? © picture alliance / dpa
Eine Glosse von Eva Sichelschmidt  · 19.03.2019
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Seit einigen Jahren gilt er als "Problembär", als Relikt unserer Gesellschaft: der alte weiße Mann. Von der alten weißen Frau spricht kaum jemand. Autorin Eva Sichelschmidt möchte das ändern und fordert Gleichberechtigung bei der Stigmatisierung.
Es gibt ein neues Feindbild in der westlichen Welt. Es ist der alte weiße Mann. Er ist dafür verantwortlich, dass die Welt so rasant den Bach runter geht. Für ihn hat das Wort Klima nur etwas mit Meteorologie zu tun. Seine Einstellung zu Ökologie und Nachhaltigkeit scheint aus der Steinzeit zu stammen.
Der alte weiße Mann ist nicht auszurotten, ganz im Gegenteil. Er taucht immer pünktlich dort auf, wo politischer Starrsinn herrscht, die Meinungen und Ansichten rückwärts wandern. Angeblich hat er eine unglaubliche Lobby, denn er befindet sich in repräsentativer Gesellschaft: Laut Statistik ist jeder Fünfte in Deutschland bereits Mitglied in diesem Club. In der MeToo-Debatte spielt er eine tragende Rolle, als Täter oder derer Verteidiger. Schöne Frauen sind für ihn nur charmantes Beiwerk, Beute, Opfer oder Statusobjekte – unattraktive Frauen nimmt er gar nicht erst wahr.

Die Zeit arbeitet gegen den jungen weißen Mann

In unseren Breiten wird der alte weiße Mann als Feindbild häufig von jüngeren Männern denunziert. Männer, die in wenigen Jahren schon, sollten sie sich keiner Geschlechtsumwandlung unterziehen, exakt zur selben Peer Group zählen werden. Die Zeit arbeitet erstaunlich schnell gegen den jungen weißen Mann. Und sehr wahrscheinlich auch gegen schwarze Männer, von denen es jedoch in Deutschlands Führungspositionen noch nicht allzu viele gibt.
Schaut man sich die MeeToo-Debatte einmal genauer an und öffnet den Blickwinkel bis in die USA, dann sitzen neben den alten weißen Hetero-Männern ebenso viele Junge, Schwule und Schwarze auf der Anklagebank. Sogar Frauen sind dort unlängst gesichtet worden. Im Sinne der Gleichberechtigung müsste also inzwischen auch von der alten weißen Frau die Rede sein. Ist nicht auch sie längst omnipräsent?
In den Fußabdrücken der flachen Pumps von Maggie Thatcher, der Iron Lady marschieren die europäischen Politikerinnen mit ihren helmartigen Frisuren bis heute herum. Bessere Menschen hat die Gleichberechtigung nicht aus ihnen gemacht. Warum auch? Diese Frauen entscheiden Kriege und segnen absurde Wirtschafts-, Handels- und Klimaverträge ab. Mit der gleichen Härte wie ihre männlichen Kollegen.
Auch Nobelpreise gehen an graugelockte Wissenschaftlerinnen und verdiente Literatur-Veteraninnen. Das ist nicht verwunderlich, da die Auszeichnung für Lebenswerke nun einmal mit der Tatsache an einen langen Wirkungszeitraum gebunden ist. Frauen leben länger als Männer, ihr Durchschnittsalter liegt in Deutschland derzeit bei 81 Jahren.

Gleichberechtigung im Sinne der Stigmatisierung

Was würde passieren, wenn man versuchte, den Begriff der alten weißen Frau zu etablieren? Ich fordere Gleichberechtigung, auch im Sinne der Stigmatisierung.
Könnte sich der Begriff der alten weißen Frau als neues Feindbild durchsetzen, dann wären wir emanzipatorisch weiter. Wenn unsere Kinder im Jahr 2030 ins Berufsleben streben, wird ihnen ein Heer von arbeitswütigen Rentnern – etwa 70 Prozent Alte im Vergleich zu 30 Prozent noch Erwerbstätigen – gegenüberstehen. Dann wird die alte weiße Frau endgültig die dominierende Figur sein, da Frauen nun einmal länger aktiv, agil und unternehmungslustiger bleiben als Männer – und dann sind sie auch noch in der Überzahl.

Satire über den alten weißen Mann

In Wirklichkeit geht es nicht nur um die angeblich unansehnlichen alten Männer, Typen die sich weder die Augenbrauen stutzen noch die Nasenhaare schneiden, sondern um die geschürte Angst vor der "Überalterung" – ein Begriff, der es sprachsoziologisch in sich hat, bis hin zu einer faschistischen Deutungsmöglichkeit.
Jungsein als hohes Gut für den Staat – und den Markt. Würden wir einen Schritt weitergehen und ganz allgemein abwertend über die Alten hetzen und nicht nur kübelweise Satire über den alten weißen Mann ausschütten: Ein Aufschrei ginge durch die Gesellschaft. Höchste Zeit also, die alte weiße Frau in unsere Sprache zu integrieren.
Durch die transparente Wursthülle der Gleichberechtigung hindurch gäbe es eine echte Chance, die Herabwürdigung der Alten sichtbar zu machen. Denn darum geht es doch bei dem Begriff des alten weißen Mannes – um nichts anderes, als um einen ironischen Ausdruck, mit dem die Altersdiskriminierung tolerabel gemacht werden soll.

Eva Sichelschmidt, geboren 1970, wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Gesellenprüfung zur Damenschneiderin zog sie 1989 nach Berlin und machte sich mit einem Maßatelier für Braut- und Abendmoden selbstständig. Es folgten Aufträge als Kostümbildnerin bei Film und Oper. Sie ist Inhaberin des Geschäfts "Whisky & Cigars" und arbeitete als Repräsentantin des Berliner Auktionshauses Grisebach für Italien. Mit ihrem Ehemann Durs Grünbein und ihren drei Töchtern lebt sie in Rom und Berlin. "Die Ruhe weg" ist ihr erster Roman.

© Privat
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