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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.06.2009

Alternative im Lenné-Dreieck

Deutsch-deutsche Beziehungen an der Berliner Mauer

Von Sabine Korsukéwitz

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Die Berliner Mauer in Kreuzberg (AP)
Die Berliner Mauer in Kreuzberg (AP)

Kurz währte diese Utopie: Vom Mai bis zum 1. Juli 1988 machten sich Teile der Westberliner alternativen Szene einen deutsch-deutschen Sonderfall zunutze: Durch einen Gebietstausch zwischen DDR und Westberlin war bis zur Rechtskräftigkeit des Vertrages ein Stück Brachland nördlich des Potsdamer Platzes ein paar Wochen lang exterritoriales Gebiet: das Lenné-Dreieck.

Mitten in Berlin im Juni 1988: In einem kleinen verwilderten Winkel an der Mauer belagert ein massives Polizeiaufgebot ein kleines Dorf von Unangepassten: gepanzerte Fahrzeuge, Wasserwerfer und Tränengas gegen Zelte, Plumpsklos und Pflastersteine. Bilder, die um die Welt gehen: Die Kulturhauptstadt Europas blamiert sich gründlich.

Dabei hatte es so friedlich begonnen. Wenige hundert Meter vom Potsdamer Platz entfernt, begrenzt vom Tiergarten und dem heutigen Sony-Center, gab es ein Stück Brachland, das zwar offiziell zur DDR gehörte, aber beim Mauerbau ausgespart worden war, Niemandsland.

1988 trat der geschichtliche Sonderfall ein: Im Rahmen eines Gebietstausches kam der Zipfel Land an Westberlin. Unterschrieben wurde das im März. Bis zur Rechtsgültigkeit des Vertrages am 1.Juli war es aber praktisch "ex-territoriales Gebiet", nicht mehr Osten, noch nicht Westen - die Westberliner Behörden durften es noch nicht betreten, ein Umstand, den die Westberliner alternative Szene zu nutzen verstand:

"Das haben Leute damals mitgekriegt und haben sich überlegt: da müssen wir was machen, das war so ein Punkerpärchen die haben halt einen Flugblatt gemacht, und da gab es halt am Jahrestag des Volkszählungsboykotts eine große Demo und auf der Demo wurden zwei Aufrufe für Besetzungen verteilt, das eine war eine Hausbesetzung und das zweite war halt: Dieses Lenné-Dreieck besetzen."

… erinnert sich Stefan, ein linker Aktivist, in der Szene als "Info-Stefan" bekannt: "Falls ihr Bock auf Sommer, Leben, Lachen und Streiten habt, dann kommt gefälligst her, damit wir den Platz halten können", hieß es in dem Flugblatt.
Zunächst nur eine Hand voll von Leuten folgte dem Aufruf.

Besetzerradio: "Also wir haben heute morgen um halb acht das Gelände besetzt, wir wollen hier Hütten bauen und hier wohnen bleiben, gerade weil es ein sehr schönes, natürliches Gebiet ist, das seit 40 Jahren nicht berührt wurde, also: weder Straße noch Häuser, noch sonst was."

Stefan: "Und dann haben wir da rumgehangen und überlegt, wie wir jetzt Leute mobilisieren können und wie wir das Gelände nennen und was uns jetzt droht wenn die Ostgrenzer kommen. Ob die gleich schießen oder nicht, ja ..."

Die hatten nicht die Absicht. Die zuständige DDR-Behörde forderte die ersten paar Besetzer pro forma auf, sich zu entfernen und beobachtete dann amüsiert und in aller Ruhe, wie sich der Westberliner Senat vorführen ließ. Jens Schmidt war zu der Zeit Offizier bei der Aufklärung des Grenzkommandos Mitte und nutzte die Gelegenheit zu Studien des Westberliner Alternativen Milieus.

"Das waren wirklich diese Autonomen, die man heute genauso sieht, dann gab’s auch viele aus diesem grün-alternativen Bereich und dann hing es auch teilweise zusammen mit dieser Bürgerinitiative Westtangente – wir haben das ja objektiv als Verbündete gesehen, weil die gegen das System dort waren, auch wenn das vielleicht nicht offiziell so gesagt wurde, aber zumindest bei uns Jüngeren ist das stark verbreitet gewesen."

Ehe sich’s die Westberliner Politik versehen hatte, war ein regelrechtes kleines Wehr-Dorf entstanden:

Stefan: "Wir hatten halt vom Kitec, so einem linken Kollektiv aus Kreuzberg, so ein Gemeinschaftszelt gezimmert bekommen, ich glaub die Küche wurde auch von denen gezimmert, von den Grünen gab’s irgendwie ein Zelt in der Mitte des Dorfes, und die Leutchen haben ihre Zelte gebaut, ihre Hütten, teilweise als Gruppe kamen sie dorthin, teilweise als Einzelpersonen, lernte sich kennen, das hat sich alles zusammen gefügt, weil man hatte ja einen gemeinsamen Gegner: Den Senat, die Regierung und so weiter und so fort und hat dann versucht dort ein gemeinschaftliches Leben aufzubauen. Dass das nicht ewig dauern wird, war auch klar."

Die Besetzer benannten ihr Dorf nach Norbert Kubat, einem jungen Berliner, der sich ein Jahr zuvor in Polizeihaft umgebracht hatte:
Norbert-Kubat-Dreieck. Es gab auch Ämter in dieser Freien Republik Kubat. Das des Pressesprechers hatte Stefan Noé, zu der Zeit Mitglied der Alternativen Liste:

Noé: "Die ersten die da waren, die hatten wirklich im Sinn dieses Gelände als Grünfläche und Biotop zu erhalten und auf jeden Fall nicht das abzuholzen, was da in vierzig Jahren ohne einen Eingriff gewachsen war. Da war ja nie gerodet worden. Da waren die alten Straßenzüge noch erkennbar, die Bürgersteige, die Kellereingänge von längst zusammengedroschenen Häusern waren noch erkennbar, Birken die sich aus alten Kellerschächten nach oben entwickelt hatten, das gab’s in der ganze Stadt nicht und das hat schon einen irren Reiz gehabt.""

Es war ein Abenteuerspielplatz mit all den bunten Typen und Symbolen, die der Karikaturist Seyfried so gern und liebevoll aufs Korn genommen hat, Volxküche, einem Piratensender und eigener Flagge.

Radio Sansibar: "Die Fahnen wehen, die Transparente sind auf den Bäumen und die Menschen sind da, die Menschen sind da …"

Noé: "Man hat versucht ohne irgendwelche vorgegebenen Regeln sich zu versorgen, zu leben, sich auszuprobieren, mit nem minimalen Standard, mit nem minimalen Konsens: Wir sind hier und gehen uns gegenseitig nicht auf den Wecker, versuchen das irgendwie konsensual zu lösen. Man hat gekocht, man hat gelebt, man hat Spaß gehabt, man ist teilweise sogar zur Arbeit gegangen, gab Leute die ganz normal zur Arbeit gingen morgens, ich frag mich wie es da manchmal gerochen haben mag, wenn man da so eine Nacht Tränengas hinter sich hatte, aber all das war da vertreten dann auch."

Natürlich verschwand auch Material von umliegenden Baustellen und dem konservativen Westberliner Senat war das Besetzernest ein Dorn im Auge. Der damalige Oberbürgermeister Eberhard Diepgen:

"Heute ist deutlich geworden, dass in Berlin für die Sicherheit gesorgt wird, dass es eine konsequente und behutsame Linie gibt und dass Besetzungen in Berlin nicht geduldet werden. Und es ist deutlich geworden, dass die Berliner Polizei in der Lage ist, die Probleme zu lösen."

Zwei Wochen nach der Besetzung – es waren inzwischen an die 100 Bewohner - ließ Innensenator Kewenig das Kubat-Dreieck einzäunen und rund um die Uhr bewachen, um den Bewohner die Versorgung zu erschweren. Es hatte ein bisschen was von einer mittelalterlichen Belagerung. Doch als den Besetzern auch noch das Wasser abgedreht wurde, bekamen sie Unterstützung von den "Rollheimern", Leuten, die in Zirkuswagen, ausgedienten Waggons und Bussen gleich nebenan, in der Köthener Straße wohnten – wie der Lehrer Wolfgang Niedrich:

"Bei uns an der Köthener Straße stand der Polizeizaun praktisch direkt an der Mauer und dort wurden dann Straßenkontrollen eingerichtet und das Gebiet wurde irgendwann komplett abgesperrt, sodass auch kein Wasser mehr reinkam und da haben wir eine Aktion gemacht 'Wasser für die Belagerten', weil wir davon ausgehen, dass Wasser ein Menschrecht ist, das man nicht verweigern kann, und wir leben nicht mehr im Mittelalter und von daher haben wir einen kleinen zweirädrigen Wasserwagen zurecht gemacht und haben mit Medienbegleitung den Besetzern Wasser geliefert und das war danach auch kein Thema mehr, dass man mit Wasser auf jeden Fall reinkam."

Denn auch die Rollwagen-Bewohner hatten sich die einzigartige Berliner Situation zu Nutze gemacht: An der Mauer wurden sie geduldet, weil dieses Gebiet ja für sonst niemanden interessant war. Beide, die "Rollis" und die "Kubaxe" entwickelten sich rasch zu Touristenattraktionen. Reisebusse planten sie auf ihren Rundfahrten mit ein. Die Besetzer ihrerseits stellten Spendenbüchsen auf und Schilder: "Füttern erlaubt". Noch ein Mal Stefan Noé:

"Also, es war ja kein Druck auf die Besucher oder die Touristen, aber die haben gern gegeben. Und dafür haben wir sie über das Grundstück geführt, die haben einen Riesenspaß daran gehabt sich das anzugucken, viele die aus Westdeutschland kamen hatten ja keine Ahnung was alles abgehen kann und insofern musste man sich nachher also spätestens ab der zweiten Junihälfte um die Versorgung der Bevölkerung auf dem Lenné-Dreieck keine Gedanken zu machen. Also es war irrwitzig: Da klingelte die Kasse, es war die wahre Freude, wir konnten ganze Supermärkte leer kaufen, mussten das Zeug dann natürlich irgendwie an der Mauer entlang ins Lager schleifen , aber das war doch recht üppig was da zusammen kam."

Auch in- und ausländische Journalisten drängten sich auf der Aussichtsplattform vor dem ehemaligen Grand-Hotel "Esplanade". Die Besetzer standen im Rampenlicht.

Noé: "Dann kam irgendeiner auf die Idee doch die Alliierten zu bitten, die ja eigentlich für dieses Grundstück zuständig waren, um Hilfe zu ersuchen. Betraf natürlich nur die Westalliierten, die Franzosen haben sich nicht drum geschert, die Briten auch nicht, aber irgendwann kam Post von Jesse Jackson. Das hatte schon einen hohen Unterhaltungswert."

Die nach heutigen Maßstäben überzogenen Polizeiaktionen, so möchte man vermuten, weckten bei vielen Berlinern eine gewisse trotzige Solidarität ...

Noé: "Also da fuhr dann schon mal irgendwie ein Mercedes-Kombi vor und lud da Bretter haufenweise ab, weil: Eines darf man nicht unterschätzen, dieses Gelände hatte nachher irgendwo einen Sympathiefaktor bei den Berlinern erreicht, den ich bis heute nicht so recht nachvollziehen kann. Ich hab mir überlegt ob es vielleicht damit zusammenhängen kann, dass Berlin ja in seiner Gänze immer als Feuchtbiotop gesehen werden wurde, also ein geschütztes Terrain mit einer Mauer drum herum wo man sich eigentlich ausprobieren konnte."

Unter den Sympathisanten des Wehrdorfes im Lenné-Dreieck war auch der heutige Senator für Wirtschaft, Technologie und Frauen, Harald Wolf:

"Wir haben damals auch, na ja, weil so ein selbst bestimmtes Hüttendorf auch seine ökonomische Grundlage braucht, dann auch zwei Hühner von Seiten der Alternativen Liste gespendet, damit es auch immer frische Hühnereier dort gab und das alternative Leben insgesamt auch durch ein bäuerliches Umfeld belebt wurde."

Kreuzberger Romantik: Beete wurden angelegt, Unkräuter liebevoll gehegt, Federvieh und Ziegen gehalten. Der Senat hatte nichts zu lachen, die Berliner Linke dafür umso mehr. Denn natürlich ging es nicht um ein paar Bretterbuden ...

Wolf: "Das war ein Politikum, insofern als sich da eine ganze Reihe von Fragen bündelte, es ging um die Stadtplanung und die Verkehrsplanung, und das war auch eine Auseinandersetzung mit dem Innensenator Kewenig, der grade im Jahr der 750-Jahr-Feier sehr unrühmlich von sich reden gemacht hatte, zum Beispiel durch die Abriegelung eines ganzen Stadtteils, nämlich Kreuzberg – und insofern ging es auch um diese Auseinandersetzung, nämlich: welche Freiräume existieren in Westberlin."

Die Grenzsoldaten auf der Ostseite, bei denen es so gar keine Freiräume gab, beobachteten das Treiben fasziniert:

Schmidt: "Interessant war es ja, wenn man sich mit den Leuten unterhalten konnte. Bloß: das ging ja nicht immer, das durfte ja nicht in den Medien erscheinen oder gefilmt werden, damals gab’s ja schon diese Videokameras, da waren ständig Touristen, wahnsinnig viele Touristen, die auch durch dieses Lager dort angelockt worden sind, die ständig gefilmt haben, das heißt man hat sich tagsüber zurück gehalten, und interessant wurde es eigentlich wenn man Nachschicht hatte, und wenn man sich dann mit denen in Ruhe unterhalten konnte, ich hab mich zurückgehalten, weil ich war Offizier gewesen und musste auch aufpassen, dass man das nicht so in den falschen Hals bekommt sowohl auf der westlichen als auch auf der östlichen Seite.""

Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Besetzern West spitzte sich zu:

Noé: "Es gab ja dann diesen wahnsinnigen Beschuss mit Tränengas, dass man eine Nacht lang nur Kartuschen mit Tränengas schießt und Wasserwerfer mit Reizgas getränktem Wasser füllt und den über die Leute ausgießt."

Viele der Tränengasgranaten flogen über die Mauer ...

Megaphon-Ansage der DDR Grenzer: "Wir fordern die Westberliner Polizei energische Maßnahmen zu ergreifen, zur sofortigen Einstellung des Beschießens des Hoheitsgebiets über die Grenzsicherungsanlagen …"

Der Offizier des Grenzkommandos Mitte, Jens Schmidt war überrascht über das ständige und massive Polizei-Aufgebot:

"In dieser Konzentration habe ich das auch noch nicht gesehen, also mit vielen Mannschaftswagen, diesen kleinen Transportern aber auch mit SBWs, mit diesen gepanzerten Fahrzeugen, dann Wasserwerfer waren sehr viele dort im Einsatz, einmal habe ich es erlebt - da steht so ein Polizist da unten und dann rief er mir zu: Mensch, warum schmeißt ihr sie nicht runter von euren Territorium, dann können wir sie zusammen - ich weiß nicht, wie er sich ausgedrückt hat - jedenfalls zusammenprügeln, und so haben beide Seiten ihren Spaß - so hat er sich ausgedrückt. Also das entsprach überhaupt nicht unserer Auffassung, jedenfalls nicht meiner. Da hat sich mir dann sofort der Feind bestätigt gewissermaßen."

Nicht dass man auf DDR-Seite mit Oppositionellen zimperlich umgegangen wäre. - Endlich kam der ersehnte Tag, der 1. Juli 1988, an dem der Gebietstausch rechtskräftig wurde und die Westberliner Behörden Zugriff auf das Gelände bekamen. Nun sollte aufgeräumt werden. Und was taten die Besetzer? Sie hielten sich an das, was einem damals in Westberlin immer entgegen schallte: "Wenn’s euch hier nicht passt, geht doch nach drüben!" Die DDR-Organe waren vorbereitet:

Schmidt: "Und es war so, es war dieses Gebäude Verband der Konsumgenossenschaften, da war die Kantine vorbereitet, dort sollten die Leute hingebracht werden, dann waren in der Nähe Lkw stationiert gewesen, wo man die Planen abgebaut hatte, das heißt: damit die rückwärts an die Mauer ranfahren konnte, dann hat man zusätzliche Kräfte dort stationiert die nach hinten gesichert haben und nach vorne gesichert haben …"

damit kein Ostbürger die Gelegenheit zur Flucht in umgekehrter Richtung nutzen konnte.

Schmidt: "Vom Brandenburger Tor kam ja dann auch als erstes die Meldung: dass die Polizei anrückt. Die kamen Straße des 17.Juni runter gefahren - früh um viere, fünfe, wann das war - kamen sie angerollt und dann haben wir den Besetzern Bescheid gesagt soweit sie noch nicht wach waren: Aufstehen, die Bullen kommen, ja und dann sind die Maßnahmen angelaufen."

Die Absperrgitter wurden kurzerhand zu Notleitern umfunktioniert und rüber ging es über die Mauer, auf die wartenden DDR-Lastwagen - knapp 200 Leute mit allem was sie greifen konnten, Zeltstangen, Fahrrädern, Hühnern und Ziegen ...

Schmidt: "Dann sind sie weggefahren, haben noch mehr gejohlt, obwohl sie nicht wussten, wo’s hingeht, sind in den VDK rein gefahren, ja und dann wurden sie dort in den Frühstücksraum gebracht, und dann waren keine Vernehmungen, es waren Befragungen, viele hatten ja auch keine Personalausweise, hat man gesagt: Na gut, wie heißen sie, dann wurde das sozusagen mehr für statistische Zwecke notiert, und dann haben die ja wohl ein Frühstück bekommen - und dann sind die meisten zum Güst Bornholmer und die meisten aber zum Güst Friedrichstrasse gebracht worden - Grenzübergangsstelle."

Wo sie, wie Stefan Noé weiß, von der Polizei West erwartet wurden ...

Noé: "Die Polizei bestreifte dann zusammen mit der BVG die U-Bahn besonders stark und alles was so ein bisschen nach Lenné-Dreieck roch und man konnte Lenné-Dreieck riechen, und so ein bisschen so aussah als ob er keinen Fahrschein hätte und vom Camping käme, wurde eingesammelt. Das ist ihnen aber nur bei zwei, drei Leuten gelungen, weil danach sprach sich das sehr schnell rum, weil Staatssicherheit ist ja auch nicht blöde gewesen und dann sind ein paar Leute von der Staatssicherheit in den Westen gefahren und haben Westfahrscheine gekauft und bekam, jeder der da rüber gemacht hatte, einen Westfahrschein, mindestens da lief die Polizei dann auch ins Leere.""

Der Westen stand als Unterdrückerstaat da, aber die DDR schlug bei der eigenen Bevölkerung aus der Sache kaum Profit:

Schmidt: "Obwohl ständig praktisch die aktuelle Kamera mit so einem Team vor Ort war, kann ich mich nicht dran erinnern dass da was gebracht worden ist, es wurden die typischen ADN Meldungen gebracht, also: Besetzung Lenné-Dreieck und: Polizeikräfte beschossen das, in einer kurzen Meldung und auch über das Ereignis selber ist nur eine kurze … nicht sehr viele Zeilen: ungefähr zweihundert Leute kamen in die DDR, suchten Schutz vor der Westberliner Polizei, so in dem Stil war das. Wollte man propagandistisch ausnutzen, aber hat man nicht gemacht, weil die Gefahr dieser Nachahmung, das wollte man irgendwie nicht."

So absurd das Ganze klingt, da wurden sehr reale politische Ziele verfolgt: Der Diepgen-Senat, der die Rollheimer knapp toleriert hatte, wollte den Alternativen Grenzen setzen. Die DDR benutzte die Gelegenheit, um Regierungsgegner im Westen zu unterstützen, die politische Linke versuchte den Konservativen Freiräume abzutrotzen. Möglich war das alles wahrscheinlich nur in Berlin. Harald Wolf ist überzeugt ...

"... dass es dafür auch eine Grundstimmung gibt in der Stadt und in der Bevölkerung, die Möglichkeiten, die es über parlamentarische und staatliches Handeln gibt auch weiterhin zu nutzen, um emanzipatorische und um linke Ziele zu verfolgen."

Viele der damaligen "Chaoten" arbeiten heute nach wie vor an ihrer Vorstellung von Freiheit und Toleranz, inzwischen auf legalem Wege.

Stefan: "Also es haben dort Leute zueinander gefunden, die dann Projekte gestartet haben von dort aus. Also von daher - es war ein kommunikativer Raum den man sonst hier nicht hat, wo ganz viele Leute, die was anderes wollen, aber sonst über die Stadt verstreut sind, zusammen gekommen sind. Und da haben sich Synergieeffekte ergeben, die auch nachwirken."

Und nicht umsonst ist Berlin auch die Hauptstadt der Wagenburgsiedlungen. Zehn davon gibt es derzeit. Die Rollis von der Köthener Straße sind längst umgesiedelt auf ein Kirchengelände in Neukölln, wo sie weiterhin ein Leben nach ihrem Geschmack führen, wie sie sagen: "gegen Betonwüsten, Mieterhöhungen und Vereinzelung ".

Niedrich: "Tatsache ist, dass in den Rollheimer Dörfern sich ein bisschen was von einer derartigen Lebensauffassung und Wohnauffassung tradiert hat und uns gibt’s ja immer noch, wir haben immer noch Leute dabei die schon 25 Jahre so leben und die das wirklich als eine selbstständige Lebensform entwickelt haben.""

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