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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.01.2017

Alte Pariser Nationalbibliothek Lesesaal in neuem Glanz

Von Jürgen König

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Der Lesesaal der Pariser Nationalbibliothek nach seiner Renovierung (Deutschlandradio/ Jürgen König)
Der Lesesaal der Pariser Nationalbibliothek nach seiner Renovierung (Deutschlandradio/ Jürgen König)

Der Lesesaal der alten Pariser Nationalbibliothek ist berühmt. Für die Schrulligkeit der Bibliothekare ebenso wie für das Knarzen seiner Dielen. Nun ist der Saal aus dem 19. Jahrhundert nach mehrjähriger Modernisierung wiedereröffnet worden - als Teil eines ganz großen Bibliotheksprojektes.

Im Lesesaal der Pariser Nationalbibliothek an der Rue Richelieu haben Generationen von Schriftstellern, Philosophen und Wissenschaftlern über den Bänden und Manuskripten gesessen. Die Schrulligkeit der Bibliothekare war ebenso legendär wie das Knarzen der Dielen in dem Saal aus dem 19. Jahrhundert. Der Neubau einer modernen NationalbibIiothek im Osten von Paris war eines der großen Projekte des damaligen Staastpräsidenten François Mitterrand. Seither hat die Nationalbibliothek in der Rue Richelieu, direkt neben der Oper und unweit des Louvre, zwar an Bedeutung verloren, was die Zahl der Besucher anbetrifft. Der Lesesaal ist jedoch ein kulturgeschichtliches und architektonisches Monument. Er wurde jetzt nach mehrjähriger Umbauzeit wieder eröffnet.

"Richelieu" heißt das Groß-Projekt des französischen Kulturministeriums, so benannt nach dem Sitz der alten Nationalbibliothek in der Rue de Richelieu im zentralen 2. Pariser Arrondissement. Ein traditionsreicher, großer, verschlungener Gebäudekomplex, der bis an die parallel laufende Rue Vivienne heranreicht. Als Staatspräsident Francois Mitterand in den 90er Jahren in einem Pariser Außenbezirk einen Neubau errichten ließ - stand die Alte Nationalbibliothek jahrelang zu großen Teilen leer.

Drei Bibliotheken unter einem Dach

Der Lesesaal der Pariser Nationalbibliothek  (Deutschlandradio/ Jürgen König)Der Lesesaal der Pariser Nationalbibliothek ist berühmt. (Deutschlandradio/ Jürgen König)

Mit dem Projekt "Richelieu" sollen jetzt drei große Bibliotheken unter einem Dach zusammenkommen, die größte von ihnen ist die des französischen "Institut national d'histoire de l'art". Dieses "Nationale Institut für Kunstgeschichte" wurde 2001 eingerichtet, um die wissenschaftliche Forschung und den Museumsbetrieb zusammenzubringen, dabei die Konservatoren und die Bibliothekare einzubeziehen, ebenso Kunsteinrichtungen wie Theater und Opernhäuser. Institutsdirektor Eric de Chassey:

"Wir haben über die gesamte alte Nationalbibliothek noch einmal intensiv nachgedacht, im Sinne einer neuen Nutzung. Wir wollten vor allem die Spezialabteilungen der Nationalbibliothek zusammenbringen mit unserer größten kunstwissenschaftlichen Forschungsbibliothek Europas. Und im März wird noch die renommierte École des Chartes mit ihrer Bibliothek hier einziehen, eine Elitehochschule, die Archivare, Konservatoren und Bibliothekare ausbildet. Zusammen können diese Fachbibliotheken eine viel größere Öffentlichkeit erreichen, können sich auch untereinander viel besser vernetzen. Und dann war natürlich schnell die Idee da, bei der Gelegenheit auch das ganze Haus zu restaurieren - bis hin zum Großen Lesesaal des Henri Labrouste, und ich finde, die Restaurierung zeigt sehr schön, was für ein Meisterwerk dieser Saal ist."

1,7 Millionen Bücher und Dokumente umfasst die Bibliothek des Nationalen Instituts für Kunstgeschichte, etwa 150 000 Bände stehen in jenem illustren Saal, den Henri Labrouste zwischen 1860 und 1866 errichtete: als moderne Gusseisenkonstruktion mit Säulen, Bogen, Kuppeln und Oberlichtern, mit seinen ausgemalten Natur- und Himmelsszenen wahrte der Saal die Traditionslinien der alten königlichen Bibliotheken. All dies erstrahlt nun in neuem Glanz; wurde heutigen Sicherheitsstandards angepasst, 400 moderne Arbeitsplätze stehen zur Verfügung.

Traditionalisten werden sich umgewöhnen müssen

Der Saal wirkt deutlich moderner - dass man sich auch vom alten Mobiliar getrennt hat, sorgt bei langjährigen Bibliotheksbesuchern für mürrische Gesichter. Überhaupt könnten sich Traditionalisten schwer tun mit den Neuerungen: so wie das Kunsthistorische Institut besteht auch die École des Chartes auf einem eigenen Eingang - entsprechend müssen Wege neu geführt, Anbindungen geändert, Räume anders geschnitten, auch Fassaden verändert werden. Fenster werden zu Türen - das gefällt nicht allen.

Dass aber nach und nach mitten in Paris ein Kulturforschungszentrum ersten Ranges entsteht, erweckt reihum Begeisterung. Denn auch der dritte Kooperationspartner, die Nationalbibliothek, ist mit Kupferstichkabinett und Handschriften-, Medaillen- und Kartensammlungen nach wie vor würdig vertreten. Neu hinzugekommen sind jetzt Ausstellungs- und Lesesäle zur Theater- und Opernkunst. Der Architekt Bruno Gaudin:

"Das Projekt hat uns auch architekturgeschichtlich sehr interessiert. Nach außen wirkt das monumentale Gebäude so einheitlich, eine "schweigsame Festung" nannte der Filmemacher Alain Resnais die Nationalbibliothek. Im Innern aber finden Sie die gesamte Architekturgeschichte vom 17. bis zum 21. Jahrhundert wieder. Wir haben jetzt neun Lesesäle hier und sie alle stammen jeweils aus einer anderen Zeit und erzählen uns davon und machen diese Unterschiede erlebbar."

Bibliotheken, Museen und Galerien unter einem Dach: das Projekt "Richelieu" lässt sich der französische Staat 232 Millionen Euro kosten. Das Ende der Baumaßnahmen ist für 2020 geplant. Eric de Chassey:

"Wir werden dann im Herzen der Kunststadt Paris eine Bibliothekslandschaft zur Kunst haben, die höchsten internationalen Forschungsansprüchen genügt. Und wir werden auch dem großen Publikum Angebote machen können: Ausstellungen unserer schönen Sammlungen vor allem, etwa der großen, prächtigen Handschriften des 16. und 17. Jahrhunderts. Sowas zieht Gäste an, kommt immer auch der Forschung zugute, und die Forschung dient ihrerseits dem ganzen Land."

Konsequent bauen die französische Regierung und die Stadtverwaltung Paris zur Kulturmetropole aus. Kommen doch inzwischen mit Abstand die meisten Touristen als Kulturtouristen.

 

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