Seit 14:05 Uhr Rang 1

Samstag, 15.12.2018
 
Seit 14:05 Uhr Rang 1

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 31.10.2012

Als Kannibalen verspottet, als Helden gefeiert

40 Jahre nach dem "Wunder in den Anden"

Von Julio Segador

Podcast abonnieren
Überlebende im Flugzeugwrack, aufgenommen von der Rettungsmannschaft (picture alliance / dpa / UPI)
Überlebende im Flugzeugwrack, aufgenommen von der Rettungsmannschaft (picture alliance / dpa / UPI)

Vor 40 Jahren stürzte ein uruguayisches Flugzeug mit einer Rugbymannschaft an Bord in den schneebedeckten Anden ab. 16 Sportler harrten wochenlang in der Kälte aus und überlebten - weil sie das Fleisch ihrer toten Kameraden aßen. Bis heute prägt das Unglück das Leben der Männer.

Die Old Christians stimmen sich auf ihr Rugbyspiel ein. Es ist keine gewöhnliche Begegnung auf dem Rasenplatz ganz in der Nähe der chilenischen Hauptstadt Santiago. Das Spiel der Old Christians aus Montevideo gegen die Old Boys aus Santiago hätte eigentlich vor langer Zeit schon stattfinden sollen, vor genau 40 Jahren. Nun stehen sie endlich auf dem Spielfeld: Mann gegen Mann, die Old Christians gegen die Old Boys.

Vor 40 Jahren waren die uruguayischen Rugbyspieler mit Freunden und Angehörigen auf dem Weg nach Santiago. José Luis Inciarte, den alle nur Coche nennen, erinnert sich an die ausgelassene Stimmung an Bord der Fairchild-Maschine, die die Uruguayer über die Anden nach Chile bringen sollte:

"Ich habe bis heute nie mehr so viele fröhliche Leute an Bord eines Flugzeuges gesehen. Das begann schon in Montevideo. Keiner saß auf seinem Platz, alle standen. Der Rugbyball flog von vorne nach hinten, von einem Fenster zum anderen. Und der Flugbegleiter der uruguayischen Luftwaffe konnte keinen dazu bringen sich hinzusetzen. Mehr Erfolg hatte die erste schwere Turbulenz, kurz vor dem Absturz."

Das Flugzeug gerät in heftige Turbulenzen. Coche Inciarte sieht die schneebedeckten Hügel der Anden immer näher an den Fenstern vorbeiziehen, es folgt eine ohrenbetäubende Explosion, dann ändert sich das Geräusch der Maschine:

"Das Dröhnen der Motoren wurde zu einem Pfeifen, die Maschine war in einer Art Gleitflug, kurz danach setzte das Flugzeug auf, schlitterte einen Abhang hinunter. Eiskalte Luft, Schnee und Kerosin schlugen uns entgegen. Ich wartete nur noch auf den Tod. Dann herrschte Stille. Was ich sah war das absolute Chaos. Ich konnte mir nicht vorstellen, das zu überleben."

"Ich hatte bis dahin gerade mal drei Monate Medizin studiert. Aber bei solch einem Unfall siehst du einen Freund mit einer Eisenstange im Bauch, den du unter den Sitzen hervorziehst. Er fleht dich an, ihm beizustehen, und dir wird in dem Moment klar, du bist der Einzige, der ihm helfen kann. Da überlegst du nicht lange. Ich bat Gott um Hilfe und verband ihn notdürftig mit einem Hemd. Das ist wie wenn Gott in diesem Moment einen leiten würde und man macht Dinge, an die man nie dachte."

Gustavo Zerbino ist einer von zwei Medizinstudenten an Bord, die den Absturz fast ohne eine Schramme überleben. Zusammen mit Roberto Canessa versorgt er die Schwerverletzten. Die Bilanz des Absturzes ist verheerend. Von den 45 Insassen sterben 16, darunter auch der Pilot, der einen verhängnisvollen Navigationsfehler begangen hatte. Viele der 29 Überlebenden haben lebensbedrohliche Verletzungen. Einige sterben noch in der ersten Nacht.

Die Fairchild-Maschine mit den uruguayischen Rugbyspielern, ihren Angehörigen und Freunden ist inmitten der Anden auf einem 4000 Meter hohen Gletscher abgestürzt. Die Besatzungsmitglieder sind tot, die Überlebenden haben keine alpine Erfahrung, die höchste Erhebung in Uruguay ist gerade mal 358 Meter hoch.

Szenenwechsel nach Montevideo. Coche Inciarte - einer der Überlebenden des Unglücks - führt durch eine Ausstellung in dem Museum für moderne Kunst. 40 Jahre nach der Flugtragödie werden in der uruguayischen Hauptstadt zum ersten Mal Originalteile und Erinnerungsstücke gezeigt. Der 64-Jährige erläutert, wie sie sich in der Eiswüste Ponchos aus den Bezügen der Fairchild-Maschine fertigten. Der Geruch der Bezüge versetzt Coche Inciarte um 40 Jahre zurück.

Der Geruch birgt die Erinnerung in sich, sagt Coche Inciarte und geht in der Ausstellung weiter zu einem Metallteil, das wie eine Schaufel aussieht.

"In unserer Notlage entwickelte sich eine ungewöhnliche Kreativität. Es war ja viel Schnee da und wir dachten: Okay, wir werden jedenfalls nicht verdursten, wir können ja Schnee essen. Aber nach einigen Tagen hatten wir alle im Hals Entzündungen, konnten nicht mehr schlucken. Es war hoffnungslos. Da nahmen wir die Rücklehnen der Sitze, die aus Aluminium waren, bogen sie zu einer Art Trichter, stellten eine Flasche darunter und gewannen an sonnigen Tagen Schmelzwasser. Wir gewannen auf diese Weise einen Liter Wasser pro Tag, für mehr als 20 Leute. Damit konnte jeder seinen Mund befeuchten. Mehr war nicht drin. Wir litten sehr an Durst und das ist viel schlimmer als zu hungern."

Coche Inciarte beginnt zu heftig zu schwitzen, als er durch die Ausstellung in Montevideo geht. Viele Erinnerungen kommen hoch, vor allem, als er an jenen Entschluss denkt, der das Unglück in den Anden zu einer Geschichte machte, die weltweit für Schlagzeilen sorgte, die seither keinen unberührt lässt. Coche und seine Kameraden in der verlassenen Eiswüste beschließen, sich von den Körpern der Verstorbenen zu ernähren. Anders hätten sie nicht überlebt, sagt der Uruguayer und erinnert sich an den Tabubruch:

"Die Hand gehorchte anfangs nicht. Doch der Kopf zwang sie dazu. Bei manchen dauerte es etwas länger, bis er sie dazu zwang. Dann will der Mund nicht aufgehen und man kann es nicht schlucken. Aber nachdem wir es geschluckt hatten, dachten wir: Jetzt sind wir gerettet. Wir aßen nicht um satt zu werden, sondern um nicht zu sterben."

16 der 45 Flugzeuginsassen sind nach mehr als 60 Tagen auf dem Gletscher noch am Leben. In über 4000 Metern Höhe inmitten der Anden. Lawinen, Schneestürme und Temperaturen von mehr als 30 Grad unter dem Gefrierpunkt setzen den Männern zu. Notdürftig organisieren die 16 Männer ihr Leben, aber immer mehr wird klar, dass sie selbst eine Rettungsaktion starten müssen, denn die letzten Kräfte schwinden.

Nando Parrado und Roberto Canessa brechen auf um Hilfe zu holen. Sie kämpfen sich durch die Anden, überqueren ohne geeignete Ausrüstung 5000 Meter hohe Berge, trotzen allen Gefahren. Am zehnten Tag ihres Marsches, 72 Tage nach dem Absturz, treffen sie auf den chilenischen Hirten Sergio Catalán, der Hilfe holt. Kurz darauf setzt ein Ansturm der Medien ein. Man spricht vom "Wunder der Anden", und immer wieder steht eine Frage im Vordergrund:

Wie sie sich die ganze Zeit ernährt hätten, will der Reporter wissen. Die beiden Uruguayer weichen der Frage aus, sie hätten nur wenig zum Essen gehabt, antwortet Roberto Canessa.

40 Jahre danach erinnert sich Roberto Canessa an diesen Moment, als er und Nando Parrado, nach dem zehntägigen Marsch über die Anden völlig ausgemergelt und entkräftet mehr als 100 Journalisten gegenübersaßen. Ihr Geheimnis aus den Bergen behielten sie zunächst für sich. Aus guten Gründen, meint Roberto Canessa:

"Das war so, als wenn sie gefragt hätten: Wie war deine Hochzeitsnacht? Das war etwas Intimes und ich fühlte, ich musste das zuerst den Angehörigen jener erklären, die nicht zurückkamen. Ich wollte mit Würde den Eltern der Verstorbenen alles erklären, damit sie zuerst alles erfuhren. Ich empfand es als feige, es in der Ferne zuerst anderen zu erzählen. Wir hatten diesen Idealismus, auch wenn er der Realität widersprach."

Kannibalismus-Schlagzeilen gehen um die Welt. Der Tabubruch wird publik. Auf einer Pressekonferenz in Santiago, nur einen Tag nach der Rettung durch die chilenische Luftwaffe, erläutern die 16 Überlebenden die Gründe für ihr Handeln. Pancho Delgado rechtfertigt sich vor den Medienvertretern, weshalb sie sich von den Körpern ihrer toten Kameraden ernähren mussten:

"Es kam der Moment, in dem wir nichts mehr zu essen hatten. Und wir dachten, wenn Jesus beim letzten Abendmahl den Aposteln seinen Körper und sein Blut anbot, dann müssen wir das ebenso machen. Diese sehr intime Kommunion in unserer Gemeinschaft half uns zu überleben. Wir sind dagegen, dass diese sehr intime Erfahrung medial ausgeschlachtet wird. Man muss sie in ihrer wirklichen Dimension akzeptieren."

40 Jahre nach der Pressekonferenz in Santiago sitzen 14 der 16 Überlebenden aus den Anden erneut auf einem Podium in der chilenischen Hauptstadt. Sie sind zu Gast in der Grange-School, jener englischen Elite-Schule, aus der die chilenischen Rugbyspieler stammten, die vor vier Jahrzehnten gegen die uruguayische Mannschaft spielen sollten.

Es sei ein wichtiger Tag für die Chilenen und für die Uruguayer, sagt der Direktor der Schule, als er die Überlebenden begrüßt. Im Auditorium ist es mucksmäuschenstill. Immer wieder treten die 16 Uruguayer, die 72 Tage unter Extrembedingungen inmitten der Anden überlebten, vor Schülerinnen und Schülern auf. Ihnen ist es wichtig, gerade jungen Menschen zu vermitteln, wie sehr unbändiger Überlebenswille jeden Einzelnen inspirieren kann. Carlitos Paez spricht die Schüler im Saal direkt an:

"Ich bin fest davon überzeugt, dass das eine Geschichte für junge Leute ist. Ich war damals 18 Jahre alt, andere 22, 23. Ich glaube, unsere Geschichte nützt jungen Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Wir haben uns über den Weg der Bescheidenheit geistig bereichert und dabei die Existenz Gottes gespürt. Man kann sich aus dieser Geschichte vieles für das eigene Leben herausfiltern und man sieht, dass es nicht immer ältere Menschen sind, die die Richtung vorgeben. Auch Jüngere können das. Es geht nicht darum, unsere Erfahrungen zu übernehmen. Aber jeder sollte erkennen, dass das Leben einen Sinn hat."

Nach der Diskussion sind die Überlebenden der Anden-Tragödie umringt von Schülern. Bereitwillig beantworten sie die Fragen der Jugendlichen. Die extremen Erfahrungen auf dem Gletscher machen Schüler wie Jonathan, Carlos und Patricio nachdenklich.

"Es ist schon eine sehr gute Erfahrung, das zu hören. Man nimmt sich das sehr zu Herzen. Wenn ich mal in einer schwierigen Situation stecke, werde ich mich daran erinnern, wie sie jetzt darüber denken."

"Ich habe mich an ihre Stelle versetzt. Ich dachte wie es wäre, wenn ich und meine Freunde dort abstürzen würden. Aber es ist schwierig, sich da reinzudenken. Vor allem jetzt, 40 Jahre danach. Und ihr Humor. Sie reden sehr locker über alles. Das ist eine schöne Erfahrung."

"Ich denke, dass diese Erfahrung nicht bedeutete, dass sie ab sofort ein sorgenfreies Leben hatten. Sie zeigte ihnen aber, dass sie nach diesem Berg jeden anderen Berg bewältigen konnten. Und es war ja auch so, dass danach viele von ihnen große Probleme bekamen. Aber es verwundert nicht, dass sie all diese neuen Hürden dann auch bewältigten."

Emotionen pur am Rande des Rugbyspiels am 40. Jahrestag des Absturzes der Fairchild-Maschine. Für die damals verstorbenen 29 Flugzeuginsassen wird ein Olivenbaum gepflanzt, eine Tafel erinnert an die tödlich Verunglückten. Dann fliegen Helikopter heran. Es sind die Original-Hubschrauber, die vor vier Jahrzehnten die uruguayischen Männer aus der Eiswüste ausflogen, sie landen auf dem Spielfeld. Einige der Überlebenden springen heraus, breiten die uruguayische Nationalflagge aus. Coche Inciarte und seine Kameraden kämpfen mit den Tränen:

"Ich hisse hier auf chilenischem Grund und Boden die Fahne meines Vaterlandes. Ich hoffe, dass mein Herz diesen Emotionen, die bei uns all das hier hervorruft, standhält."

Nach 40 Jahren können die beiden Clubs, die Old Christians aus Montevideo und die Old Boys aus Santiago ihre Rugbypartie endlich spielen. Die Begegnung geht unentschieden aus. Es ist nicht die Zeit für Gewinner und Verlierer.

Der Jahrestag des Absturzes, die Feiern, das Gedenken an die Verstorbenen - all das hat die 16 Überlebenden in diesen Tagen wuchtig zurückversetzt auf den Berg. Auf einen Berg, der ihr Leben geprägt hat, der sie nie loslassen wird. Den Männer wie Eduardo Strauch, Roberto Canessa und Carlitos Paez auch nicht loslassen wollen.

Strauch: "Manche von uns sagen im Rückblick, wir hätten uns entmenschlicht. Für mich ist es genau das Gegenteil. Noch nie davor war ich so sehr Mensch. Wir waren pure Menschen ohne irgendeine Maske unserer Zivilisation. Ich gehe jedes Jahr wieder auf den Berg und schüttele all die Verschmutzung der Zivilisation ab. Für mich ist das ganz klar."

Canessa: "Das ist Sturm und Drang - Gewitter und Passion. Das ist das wahre Leben. Man kann mittelmäßig leben oder auch im Extremen. Ich habe für mich das intensive Leben gewählt. Nach einem heftigen Gewitter wird es wieder wunderschön. Und für mich heißt das: Ohne das Gewitter hätte ich nie die wunderbare Seite dieses Berges erfahren - ich ganz allein für mich."

Paez: "Ich glaube, es ist eine fantastische Geschichte. Sie hat alles, was dazugehört. Leben, Tod, Mut, Freundschaft, nichts fehlt. Unser Verdienst war, dass wir zum Leben 'ja' statt 'nein' sagten."

Weltzeit

Jugend in Bosnien-HerzegowinaDer Traum vom Frieden
Gruppenbild: junge Leute aus der bosnischen Stadt Jajce (Sabine Adler / Deutschlandradio)

War der Krieg vor fast 25 Jahren nicht genug? In Bosnien-Herzegowina breiten sich neue ethnische Spannungen aus. Bereits Kinder werden in der Grundschule nach Ethnien separiert unterrichtet. Doch eine Schule in Zentralbosnien begehrt dagegen auf.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur