Als Gott lachte

Die Tora, Teil der hebräischen Bibel, ist lustiger als viele denken. © AP
Von Kirsten Dietrich · 05.01.2008
Der jüdische Witz ist sprichwörtlich und die Geschichten aus dem kleinen Schtedl mit dem übereifrigen Rabbiner sind weit bekannt. Im Gegensatz zu anderen Religionen scheinen im Judentum Glauben und Humor keine Gegensätze zu sein, sondern einander zu ergänzen.
Ein alter Rabbiner liegt im Sterben, ruft seine Frau: Hole den Priester, ich möchte getauft werden.

Sie: Bist du meschugge? Ganzes Leben hast du so für Gott gearbeitet, jetzt möchtest du Christ werden?

Er: Hör gut zu, ich hab nicht viel Zeit, muss gleich sterben: Lieber einer von ihnen stirbt als einer von uns.


Natürlich könnte man über die Judenmission auch empörte Debatten führen, sagt Walter Rothschild, Landesrabbiner von Schleswig-Holstein. Man kann das Thema aber auch so abhandeln: mit einem Witz.

"Wir Juden haben Jahrhunderte lang so gelitten, dass manchmal nichts anderes zu tun gab, als zu lachen, das sagen viele. Das ist die einzige gesunde Reaktion, alle anderen sind einfach ungesund. Man sieht etwas: Absurdität, man sieht die Kluft zwischen dem, was sein soll und was ist, und man lacht."

Wobei mit dem Lachen die Sache ja nicht aus der Welt geschafft ist, aber der Humor eröffnet Unterlegenen zumindest die Wahl einer eigenen Perspektive. Wer lacht, nutzt einen Handlungsspielraum, und sei er noch so minimal. Das zeigen vor allem jüdische Witze aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Zwei Juden sehen zwei Männer mit Hakenkreuz-Emblemen auf sich zukommen. Sagt der eine zum anderen: "Lass uns gehen. Die sind zu zweit, wir sind allein."

"Es ist die Situation des Ausgegrenzten, desjenigen, der auf der Suche ist nach Anerkennung, der darunter leidet, dass er ausgegrenzt wird, und er nutzt den Humor gewissermaßen als Waffe."

Julius Schoeps leitet das Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam. Dort hat ein neues Forschungsprojekt begonnen: Das Zentrum sammelt jüdische Witze.

"Was heißt witzig? Es sind Geschichten, die da erzählt werden, die nachdenklich stimmen und die selbstironisch erzählt werden, und das macht die Sache interessant."

Wer nach Quellen für jüdischen Humor sucht, findet natürlich die Geschichten aus den Schtedln Osteuropas, aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Erzählungen von frommen, manchmal zu frommen Rabbinern und gewitzten Habenichtsen sind so unverwechselbar im Stil, dass sie schon leicht zum Folkloristischen neigen. Dabei sind sie auch ein recht exakter Spiegel der Umbrüche, die die jüdischen Gemeinschaften immer wieder erschütterten. So wie folgende Geschichte, abgedruckt um 1900 im Schlemihl, einem jüdischen Witzblatt:

Ein Schnorrer kommt zu einem Bankier und klagt ihm sein Leid. "Sie können sich nicht vorstellen, wie ich vom Unglück heimgesucht werde. Wo ich gehe und stehe, überall verfolgt mich das Unglück wie mein Schatten. Sehen Sie, Herr Bankier, ich bin zum Beispiel ein Musikant. Trifft mich das Unglück, dass ich verliere mein Instrument." - "Was spielen Sie denn?" sagt der Bankier. - "Das Waldhorn blas ich", gab der Schnorrer zur Antwort. Da öffnete der reiche Mann seinen Schrank und sagte: "Nun beruhigen Sie sich, zufällig besitze ich eins, das will ich Ihnen schenken. Aber spielen Sie mir mal ein Stückchen darauf vor." - "Nu", fragte der Schnorrer, "ist das nicht ein Unglück? Ausgerechnet müssen Sie haben ein Waldhorn?"

Doch Humoriges findet sich schon sehr viel früher, schon im Grunddokument des Judentums: in der Bibel. Religionswissenschaftler Harald-Alexander Korp beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Religion und Humor.

"Über Moses ist kein Lachen vermittelt, aber vom Propheten Abraham und seiner Frau Sara, da gibt es die berühmte Geschichte, dass sie im hohen Alter noch Eltern werden, sie deshalb laut lachte und sagte: Wie kann Gott so etwas prophezeien?"

Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, die ich doch alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

"Sara wurde schwanger, sie bekam einen Sohn, Isaak, das heißt: Gott lacht, diese berühmte Geschichte drückt ein Lachen aus. Die Frage ist: Wer hatte Humor, hatte Gott in dem Sinn Humor, dass er sie nicht bestraft hat, obwohl der Gott des Alten Testaments ja ein eifernder, zorniger Gott ist, hat er das zweifelnde Lachen, das Auslachen zugelassen. In der hebräischen Bibel gibt es sehr viel Humor und sehr viel Wortspiele, die sind sehr schwer zu erklären für Leute, die kein Hebräisch verstehen, aber zum Beispiel ganz am Anfang bei der Schöpfung, die Garten Eden Geschichte, das Wort für ’nackt’, Adam und Eva sind nackt, und das Wort für ’schlau’, die Schlange ist schlau, die klingen fast identisch. Die sind grammatisch unterschiedlich, das ist ein Wortspiel."

Das Problem ist, sagt Walther Rothschild, ist diesen Humor auch zu finden. Man muss die Sprachkenntnis haben, und man darf nicht in einem Respekt erstarren, der gerade aus Ehrerbietung an der humorvollen Absicht der Texte vorbeigeht. Diese Form des Humors ist nicht so leicht vermittelbar wie die pittoresken Schnurren aus dem Schtedtl.

"Hauptproblem für christliche Theologen ist, die verstehen einfach den ganzen Humor nicht, die sind viel, viel zu ernst. Und für deutsche Theologen muss man das verdoppeln."

Wie humorvoll ist die Bibel? Nicht nur Christen und Juden sind da unterschiedlicher Auffassung, auch innerhalb des Judentums gibt es da verschiedene Ansichten. Yehuda Teichtal ist in Berlin Rabbiner der messianischen jüdischen Gemeinschaft Chabad Lubawitsch.

"Ich glaube, wir müssen zwischen Humor und Freude in der Bibel trennen: Sie hat keinen Humor, aber sie hat Fröhlichkeit."

So konservativ Rabbiner Teichtals religiöse Heimat ist, so streng ist auch sein Verständnis von Freude.

"Man sagt zum Beispiel, dass Abraham, als Gott ihm gesagt hat, er soll seinen Sohn als Opfer bringen, Abraham sein Vertrauen in Gott dadurch gezeigt hat, dass er am nächsten Morgen extra früh aufgestanden ist, um mit Freude die Wünsche von Gott zu füllen. Wir sehen, dass Freude einen Grundbasis und das Fundament vom jüdischen Glauben ist."

Eine nicht so vertraute jüdische Interpretation von Freude: Eifer für Gott. Freude darüber, das Werk Gottes tun zu können, auch wenn das heißen kann, den eigenen Sohn zu töten. Das ist nicht mehr der selbstironische Humor der chassidischen Geschichten, der auch das Schwere leicht macht. Der liberale Rabbiner Walter Rothschild setzt andere Schwerpunkte:

"Es gab früher vielleicht in dem Tempel mit Priestern und Opferkult und dem ganzen Brimborium und Ritus eine ernsthafte Atmosphäre, aber man sieht zur gleichen Zeit in den Büchern über König David und anderen, wie sie getanzt haben und getrunken und sie hatten auch dabei Spaß. Und ich bin relativ sicher, sie haben dabei auch Witze erzählt."

Dennoch, da sind sich der liberale und der orthodoxe einig: Ein grundlegender Sinn für Humor ist allen Richtungen des Judentums eigen. Religionswissenschaftler Harald-Alexander Korp sieht ihn sogar als Grundprinzip.

"Das faszinierende am Judentum finde ich, dass der Streit mit Gott, der produktive Streit, Israel heißt ja übersetzt ’Die mit Gott streiten’, mit den Mitteln von Humor und Witz ausgetragen wird. Da ist Humor und Witz Mittel der Aufklärung und etwas, das den Glauben voranbringt. Das Judentum hat fast immer, man kann ein paar Ausnahmen finden, eine Pluralität gekannt: mehrere Meinungen, mehrere Versionen Bibeltexte oder rabbinische Auslegungen. Es gab immer einen Kontrast. Und innerhalb dieser Kontraststellen, der Räume zwischen den Kontrasten, konnte man kreativ denken. Kreativ denken heißt manchmal witzig denken. Man sucht Worte, die ganz ähnliche Laute haben oder ähnliche Bedeutung haben, aber schönen Kontrast machen. Das ist ein Spiel, aber es hilft."

Humor als Überlebensmittel, Humor auch als Auseinandersetzung mit Gott: Im Judentum ist das Lachen fast schon theologische Methode, wenn man Humor als einen Weg versteht, die Spielräume zwischen dem scheinbar Unveränderlichen zu sehen. Die von Mose überlieferten Gesetze scheinen wenig Platz dafür zu lassen. Vielleicht widmete sich das Judentum von Anfang gerade deshalb so gründlich diesen Spielräumen und kultivierte den Humor auch als religiöses Prinzip, das Unterschiede weder verwischt noch verschärft, sondern pointiert.

"Wir müssen wissen, dass Freude kein Widerspruch zu Ernsthaftigkeit ist. Freude geht Hand in Hand mit Ernstsein. Freude bedeutet, wenn ein Mensch ein bestimmtes, klares Ziel hat. Nur durch Freude kann ein Mensch auch Gott richtig dienen. Humor ist ein Teil davon. Humor ist nicht ein Ziel für sich. Aber Humor bringt Menschen zu positiver Energie. Man hat nur einen Gott im Judentum: Der gleiche Gott bringt Leben und Tod, Reichtum und Armut, gute Zeiten und schlechte Zeiten. Es ist der gleiche Gott. Er lacht nicht immer, ich hätte auch nicht gerne einen Gott, der immer nur Scherze und Witze macht. Das Leben ist schwer genug, aber dass Gott lachen kann, ist mir sehr wichtig."