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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.05.2019

Als das Grundgesetz beschlossen wurdeSieger und Besiegte vier Jahre nach Kriegsende

Von Winfried Sträter

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Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Annahme des Grundgesetzes 1949. Das Plenum des Parlamentarischen Rates nimmt in 3. Lesung am 8. Mai 1949 den revidierten Grundgesetzentwurf mit 53 gegen 12 Stimmen an. - 1.Reihe v.l.: Max Reimann, Walter Menzel, Carlo Schmid, Theodor Heuss.  (picture-alliance / akg-images)
Annahme des Grundgesetzes: Das Plenum des Parlamentarischen Rates beschließt am 8. Mai 1949 den revidierten Entwurf mit 53 gegen 12 Stimmen. (picture-alliance / akg-images)

Genau vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm am 8.Mai 1949 der Parlamentarische Rat das Grundgesetz an. Wie war das politische Umfeld damals? Ein Blick in die Welt der Siegermächte - und in das zweigeteilte Deutschland.

Zusammenbruch hieß es immer. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich ein Bundespräsident traute, diesen Begriff für den 8. Mai in Frage zu stellen und zu bekennen: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung", sagte Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985: "Er hat uns alle befreit von dem Menschen verachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft."

Aber selbst Weizsäcker musste sich in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes erst langsam an die Befreiung herantasten und die vorherrschende Perspektive nach dem 8. Mai 1945 in Erinnerung rufen:

"Der Blick zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine dunkle ungewisse Zukunft."

Verdrängte Erinnerung an die Gewalt des Krieges

Zusammenbruch - nicht nur der Häuser, der Städte, der Infrastruktur, sondern auch: der staatlichen Ordnung, des öffentlichen Lebens, der ideologisch gespeisten politischen Vorstellungswelt. Moralischer Zusammenbruch. "Deutschland, Deutschland, über alles": Das war der moralische Druck, den das NS-Regime auf seine Untertanen ausgeübt hatte. Nun lebte man mit der verdrängten Erinnerung an die entfesselte Gewalt des Krieges und das, was man in den Kriegsjahren getan und verbrochen hatte.

Wer alles war "man"? Das wollte man in den deutschen Besatzungszonen lieber nicht wissen, man brauchte ja die verbliebene Kraft, um die Welt wieder neu aufzubauen. Mit allem Ernst haben sich nur die wenigsten Deutschen vergegenwärtigt, was passiert war – so wie Theodor W. Adorno, der 1949 den später berühmt gewordenen Satz formulierte: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch."

1949: Da war der 8. Mai, der Zusammenbruch, die Befreiung, nicht 40, sondern vier Jahre her. Statt die Vergangenheit so schonungslos wie Adorno in den Blick zu nehmen, ging man 1949 lieber in die Kirche. Die Gotteshäuser füllten sich, denn die christlichen Konfessionen kennen zwar Schuld, aber auch Vergebung, sie versprachen neuen moralischen Halt.

Auf der Suche nach moralischem Halt

Und die althumanistische Bildung feierte Wiederauferstehung – auch sie ein Zufluchtsort für die Deutschen. 1949 war Goethejahr, Goethes 200. Geburtstag: Auch bei ihm suchte man Entlastung in der Nachkriegsfinsternis. Aber die Erlösung von allem Bösen boten weder die Kirchen noch die althumanistische Tradition noch Goethe.

Der Verleger Rudolf Augstein auf einem undatierten Archivfoto (picture-alliance / dpa / Karl Schnoerrer)Eine unlösbare Aufgabe? Rudolf Augstein über die Konturen einer neuen Zeit. (picture-alliance / dpa / Karl Schnoerrer)

"Das Licht Goethes strahlt so hell wie nur je, aber es erhellt nicht unsere Zukunft. ... Wir werden … kaum Gelegenheit haben, an der Selbstvollendung harmonischer Persönlichkeiten zu arbeiten. Aber wir werden uns vielleicht in Ehren an eine Aufgabe heranmachen, die so gut wie unlösbar ist."

Das schrieb Rudolf Augstein am 1. September 1949 im "Spiegel", als sich die Konturen der neuen Zeit abzeichneten. Der Tag, an dem die staatliche Zukunft Deutschlands begann, war der 8. Mai 1949. An diesem Tag hatte der Parlamentarische Rat in Bonn seine Arbeit an einer Verfassung für die drei Westzonen abgeschlossen und stimmte über das Werk ab.

53:12 für das Grundgesetz

Der Vorsitzende des Parlamentarischen Rates verkündete das Ergebnis – Konrad Adenauer: "Meine Damen und Herren, das Grundgesetz ist mit 53 Ja-Stimmen gegen 12 Nein-Stimmen angenommen worden."

Statt Verfassung Grundgesetz: Auf diesen Begriff hatte man sich verständigt, um den Eindruck zu vermeiden, dass in Bonn die Teilung Deutschlands beschlossen wird. Zwei Wochen später, am 23. Mai, waren alle formalen Hürden genommen. Adenauer verkündete das Grundgesetz und hob den Leitgedanken aus der Präambel hervor:

"Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, vom Willen beseelt, seine nationale und staatliche Einheit zu wahren, und als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat das deutsche Volk dieses Grundgesetz beschlossen."

Staatliche Einheit, ein gleichberechtigter Staat in einem vereinten Europa: das war eine verwegene Utopie vier Jahre nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands. Auch wenn der Kalte Krieg die weltpolitischen Koordinaten verschob – vergessen hatten die Alliierten nicht, gegen wen sie bis 1945 Krieg geführt hatten.

8. Mai 1949. Die USA, die Sowjetunion, Großbritannien und schließlich auch Frankreich waren die Siegermächte. Aber was hieß das: Sieger zu sein nach diesem zerstörerischsten aller Kriege? Großbritannien hatte den Krieg gewonnen, aber die zuvor größte Weltmacht aller Zeiten hatte ihre Vormachtstellung in der Welt eingebüßt. Mehr noch: Für viele Briten war der Alltag damals so, als hätten sie den Krieg verloren.

Am Piccadilly Circus gehen wieder die Lichter an

London 1949: Ein Sänger und Komödiant namens Hubert Gregg hatte gegen Ende des Krieges für eine Komödie ein Lied geschrieben. "Ich werde mich anzünden, wenn in London die Lichter angehen." Sich anzünden bedeutet: sich betrinken, und dann geht es weiter: "Ich werde mich anzünden wie nie zuvor. An mehr erinnere ich mich nicht." Seine damalige Frau, eine ehemalige Schauspielerin, durfte den Schalter umlegen und die Lichter am Piccadilly Circus gingen an unter dem Beifall der vielen tausend Menschen, die der Zeremonie beiwohnten.

Menschen sitzen auf einem Trümmergrundstück in London, Friday Street, Ecke Watling Street (picture alliance / akg / Paul Almasy)Menschen auf einem Trümmergrundstück in London (picture alliance / akg / Paul Almasy)

Das Einschalten der Neon-Reklame am 2. April 1949 am Piccadilly Circus hatte Symbolcharakter: Nach Jahren der Dunkelheit ward wieder Licht. Das verordnete die Regierung, und darauf hatten die Bürger gehofft. Der Dusterkeit überdrüssig. Der Historiker Colin Sorrensen, lange Jahre am Museum of London tätig, war damals 19 Jahre jung und studierte an der Kunstakademie. Der Optimismus, den der unerwartete Sieg der Labour Party bei den Wahlen 1945 ausgelöst hatte, rückte Utopia in den Bereich des Möglichen.

"Das ist das Utopia, für das wir uns in den 20er und 30er-Jahren eingesetzt hatten", sagt Colin Sorrensen: "Und weswegen wir den Krieg überstanden. Der Krieg bedeutete also nicht nur Sieg über die Feinde, sondern beinhaltete gleichzeitig das Versprechen, eine neue Welt aufzubauen, eine bessere Welt mit mehr Gleichheit und Gerechtigkeit."

Große Teile Londons kriegszerstört

Doch noch immer warf der Krieg seine Schatten. Deutsche Bomben hatten große Zerstörung angerichtet, vor allem im Londoner Arbeiterviertel East End, das an die Hafenanlagen angrenzte. An Wiederaufbau war zunächst nicht zu denken. Colin Sorrensen:

"Mit ein bisschen Fantasie erinnere ich mich noch daran, dass große Teile Londons einfach dem Erdboden gleichgemacht waren. Zunächst gab es starke Beschränkungen, was Aufbauarbeiten und Neubauten angeht. Denn die Industrie war ganz auf Export ausgerichtet, und so wurde damit erst wirklich etwa sechs oder acht Jahre nach Kriegsende begonnen."

Jeder Brite, der den Krieg und die ersten Jahre danach mitgemacht hat, erinnert sich an die Rationierung von Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern. Im Ersten Weltkrieg hatte sie nur sechs Monate gedauert. Nun war die Lage ernster. 14 Jahre lang konnten die Menschen nur das kaufen, was die Regierung erlaubte. Jeder Bürger erhielt eine Art Personalausweis und ein Bezugsscheinheft. Selbst dem Monarchen Georg VI. wurde ein solches braunes Heftchen ausgestellt, mit der Nummer CA570011, dem aufgedruckten Namen, Seine Majestät der König und der Adresse Buckingham Palace, London. Die Hefte wurden erst 1954 endgültig aus dem Verkehr gezogen.

Eine Rationierung war den Briten in beiden Weltkriegen erspart geblieben: Brot. Ab 1946 wurde dann auch Brot zwei Jahre lang rationiert, und das aus einem uneigennützigen Grund, um überschüssiges Getreide vor allem an das hungernde Deutschland exportieren zu können.

"Gemessen am heutigen Lebensstandard regierte die Labour-Regierung in den ersten Nachkriegsjahren ein verarmtes und vom Krieg ausgelaugtes Land", kommentierte der Soziologe A. S. Helsey 1988, und so ging es Premierminister Clement Attlee und seinem Schatzkanzler Stafford Crips vorrangig darum, dem Land wirtschaftlich wieder auf die Beine zu helfen.

Außenminister Bevins große Stunde kam im Frühjahr 1949: Es war die Gründung des Nordatlantikpaktes, um deren Zustandekommen er sich wie kein anderer bemüht hatte.

Die Gründung der NATO war eine Konsequenz des Kalten Krieges, aber mit der Bindung der Militärmacht USA an Europa keine Erfindung militaristischer Kreise, sondern ein Anliegen der britischen Linken, der Labour Party. Großbritannien hatte im Krieg erlebt, dass die Unterstützung durch die USA überlebenswichtig war, um sich verteidigen zu können.

1949 war nicht mehr Deutschland die bedrohliche Macht, sondern die Sowjetunion, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Machtbereich bis nach Mitteleuropa erweitert hatte.

Hitlerdeutschland hatte Stalins bolschewistische Sowjetunion unterwerfen wollen - und hatte erreicht, dass sich das stalinistische Regime bis an die Elbe ausdehnen konnte. Unter den Siegermächten hatte die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg den höchsten Blutzoll für den Sieg entrichtet und dafür den enormen Machtgewinn auf dem europäischen Kontinent erreicht. Die Bevölkerung war stolz auf den Sieg, die kommunistische Partei zelebrierte ihn wie sonst nirgends bei den Siegermächten – aber wie Sieger lebten die Menschen in Moskau und in den Weiten des sowjetischen Imperiums nicht.

Lange Schatten des Krieges in Moskau

Wie sie lebten, die Sieger, in Moskau? In der Regel in einer Kommunalka, einer kommunalen Gemeinschaftswohnung. Wenn sie Glück hatten, in einem eigenen Zimmer pro Familie, auf fünf Quadratmetern zugebilligter Wohnfläche je Person. Küche, Bad, Toilette wurden von allen gemeinsam benutzt und zum nie welkenden Zankapfel. Fröhlich hätten sie gelebt, sagt einer, der mit siebzehneinhalb als Sieger aus einem Krieg zurückkehrte, den sie den Großen Vaterländischen nannten.

Feier zum 70. Geburtstag Stalins mit einem übergroßen Porträt des Gefeierten über der Tribüne mit den Ehrengästen (picture-alliance / akg-images)Stalins Sowjetunion war zwar stärker als je zuvor: Feier zum dessen 70. Geburtstag im Dezember 1949 in Moskau. (picture-alliance / akg-images)

Mit feierlicher Stimme wurden erstmals im März 1949 die neuen Preise im Radio verkündet. Alle lauschten und jeder notierte, ab heute kostet der Zucker nur noch... Als ob man es nicht hätte am nächsten Tag an jedem Laden lesen können. Jede Preissenkung wurde wie ein Geschenk des weisen Väterchens angenommen und war Grund für ein Fest.

Immerhin, es gibt wieder Autos russischer Produktion und Schuhe mit hohen Absätzen aus dem Kombinat Pariser Kommune. Die berühmte Schokoladenfabrik "Roter Oktober" füllt wieder die als Präsent bis heute unschlagbaren Pralinenschachteln, die Parfümfabrik "Neue Morgenröte" kreiert die Marken: "Roter Mohn" und "Heimatliches Moskau". Die Frauen tragen Frisuren wie überall zu jener Zeit. Die Locken nach hinten mit Kämmchen aufgesteckt, Pünktchenkleider mit weißem Kragen sind modern, unvermeidlich das dunkle Kostüm.

1949 wird mit dem Bau der Moskauer Lomonossow-Universität in den Leninbergen begonnen, 1953 wird sie fertig sein. Aber all das darf nicht darüber hinwegtäuschen: 88 Prozent aller Investitionen – praktisch ebenso viel wie während des Krieges – fließen in die Schwerindustrie. Die Produktion wurde aus strategischem Interesse seit 1940 mehr als verdoppelt. Auch die Sowjetunion ist 1949 zur Atommacht geworden.

1949, vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, lebten die Sieger nicht unbedingt wie Sieger. Stalins Sowjetunion war zwar stärker als je zuvor – aber was hatte die Bevölkerung in ihrem Alltag davon? Die Schatten des Krieges waren in Moskau und der Sowjetunion viel länger als in Großbritannien, Frankreich und insbesondere den USA. Die Amerikaner, die im Krieg zwar Opfer gebracht, aber keine Zerstörungen erlitten hatten, sind nach 1945 in der Zukunft angekommen, mit der weltweiten Strahlkraft des "American way of life".

Der Siegeszug des "American way of life"

Die USA waren die siegreichste der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs.

"Ich sah nichts, außer Lichtstreifen, die sich bewegten", erzählt Hans Ephraimson: "Die Freunde erklärten mir, das seien Automobile auf dem Highway und fragten: Wie gefällt dir Amerika? Ich sagte, das seien interessante Lichtstreifen, aber sonst hätte ich nichts gesehen."

Hans Ephraimson landete 1949 im Hafen von New York, damals einem der belebtesten ganz Amerikas. Zusammen mit den anderen Fahrgästen und Seemännern ging er von Bord und verschwand sofort im Gewühl jener Stadt, die auch damals einen ähnlich mythischen Ruf hatte wie heute, als Stadt des Glitzer und Glamour, als Stadt des Broadway und der 5th Avenue, und als Moloch mit allen Gegensätzen.

Hans Ephraimson reiste nach New York, um seine Eltern zu besuchen, die er elf Jahre lang nicht gesehen hatte. Sie hatten rechtzeitig Nazi-Deutschland verlassen und kamen über Italien in die USA, während Hans Ephraimson die Kriegsjahre in der Schweiz verbrachte und 1945 nach Deutschland zurückging, um beim Wiederaufbau zu helfen – ein Schritt, der ihm bei seinen jüdischen Freunden den Ruf eines Verrückten einbrachte.

Blick über Manhattan mit dem Empire State Building, aufgenommen ca. 1950 (picture alliance / Glasshouse Images / JT Vintage)Blick über Manhattan: Hans Ephraimson reiste nach New York, um seine Eltern zu besuchen. (picture alliance / Glasshouse Images / JT Vintage)

Offiziell fuhr er 1949 als Korrespondent des "Rheinischen Merkur" nach New York, eine damals nicht ganz alltägliche Reise:

"Drei Monate vor meiner Abreise hatte die Bundesregierung ihre ersten Devisenkontingente bekommen. Mir wurde damals erlaubt, als Korrespondent einer angesehenen Zeitung, Geld mitzunehmen. Meine Devisenzuteilung war die Zuteilung von neun Monaten von Nordrhein-Westfalen für sämtliche Dollardevisen, so dass es keine Touristengelder gab und auch die meisten Familien in Deutschland sich nicht erlauben konnten, nach Amerika zu kommen."

Während die deutschen Städte als Folge des Krieges immer noch ruiniert waren, hieß es in New York 1949 schon wieder "business as usual". Amerika hatte im Krieg Soldaten geopfert, aber im eigenen Land nicht die geringsten Verluste erlitten, der Krieg hatte sogar noch Wohlstand gebracht. Das amerikanische Volk war wohlhabender und besser ernährt als irgendeines in Europa: Während das jährliche Einkommen pro Kopf der Bevölkerung in keinem europäischen Land 800 Dollar überstieg, lag es in den Vereinigten Staaten bei 2500 Dollar.

Eineinhalb Millionen Menschen pilgerten im April 1949 zur alljährlichen Osterparade vor die St. Patrick's Cathedral auf der 5th Avenue, der damit größten Osterparade bis zu diesem Zeitpunkt. Dem Reporter allerdings ging es in seinem Bericht für eine Wochenschau nicht um das Osterfest, sondern um die neueste Mode, die die Besucher zur Schau stellt.

Menschen mit großen Hüten mit Obstkollektionen, futuristischen Mützen und 7-Jährige in feinsten Anzügen lachen in die Kamera. Die 5th Ave. ist voll von edel gekleideten Menschen.

New York – nicht nur eine Glitzer-Metropole

Aber New York war nicht nur Glitzer. 1949 brachte die erste ernste wirtschaftliche Rezession seit Kriegsende. Die Arbeitslosenziffer stieg auf sieben Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Das Bruttosozialprodukt ging um etwa neun Milliarden Dollar zurück. Eine Steuersenkung, die zu erhöhten Ausgaben führte, hielt diese Abwärtsbewegung auf. In New York waren die positiven und negativen Auswirkungen des Krieges zu spüren: Vollbeschäftigung, zunehmende Urbanisierung, aber auch Überbevölkerung, schlechte Wohnverhältnisse, Anstieg der Jugendkrimialität, unzureichende Schulen.

Eine Wochenschau aus dem Jahre 1949 thematisierte die schlechten Verhältnisse in Schulen. Im gleichen Jahr wurde eine bundesweite Kommission eingerichtet, die Vorschläge zur Verbesserung der Schuleinrichtungen macht.

Präsident Truman, der 1948 zu einer zweiten Amtsperiode gewählt worden war, legte dem Kongress ein Gesetzesprogramm vor, das jedem Amerikaner einen "Fair Deal", eine faire Chance, geben sollte. Der Kongress blockierte die geplanten Subventionen für die Landwirtschaft und auch die vorgesehenen Maßnahmen zur Krankenversicherung.

USA, New York 1949. Keine der Siegermächte ist so stark aus dem Zweiten Weltkrieg herausgekommen wie die USA. Aus ihrer Position der Stärke unterstützten sie Westdeutschland und Westeuropa, um die Konkurrenz durch die Sowjetunion als zweite Supermacht einzudämmen.

Ende der Berliner Blockade als großer Erfolg des Westens

Den ersten großen Sieg errangen die Amerikaner mit ihren westlichen Verbündeten unmittelbar nach dem vierten Jahrestag des Kriegsendes: "Achtung, Achtung, hier ist RIAS Berlin! In Kürze hören Sie ein Kommuniqué der vier Großmächte über die Aufhebung der Berliner Blockade."

Nach über zehn Monaten gab Stalin die Blockade der Berliner Westsektoren auf: "In den Hauptstädten der vier Großmächte wurde um 14 Uhr offiziell bekanntgegeben, dass die Blockade Berlins und die Gegenblockade am 12. Mai aufgehoben wird."

Ein Flugzeug im Landeanflug auf Berlin, beobachtet von vielen Leuten. (picture-alliance / akg-images)Während der Berlin-Blockade musste Westberlin mit Flugzeugen versorgt werden. (picture-alliance / akg-images)

West-Berlin blieb frei. Stalins Versuch, die Westmächte aus der deutschen Hauptstadt heraus zu drängen, war gescheitert.

Und jetzt in diesem Augenblick geht die schwarz-weiße Schranke hoch und der erste Jeep überschreitet hier kurz nach 12 Uhr die Sektorengrenze, ein Fliederstrauß wird ihm gereicht, dahinter sofort der zweite Jeep, ebenfalls von der amerikanischen Militärpolizei, der dritte Wagen, ein deutscher Mercedes, gesteuert von einer reizenden jungen Dame, die sich sofort dahinter her klemmt.

"Die Aufhebung der Blockade ist der größte Erfolg, den wir seit Jahren errungen haben", so der Regierender Bürgermeister Ernst Reuter in einer Ansprache: "Dieser Erfolg ist umso wertvoller, weil er mit friedlichen Mitteln errungen ist und weil er der Bevölkerung nicht nur Berlins, sondern auch des Ostens und darüber hinaus der ganzen Welt die Hoffnung gibt und geben wird, dass man mit friedlichen Mitteln Vieles erreichen kann, wenn man ein klares Verständnis dafür hat, was politisch möglich ist und was man politisch erreichen kann."

Bundeshauptstadt: Bonn schlägt Frankfurt am Main

Aber - als Satellit des Westens im Osten, als Insel im Roten Meer, wie sich die Westberliner selbst sahen, konnte die Halbstadt nicht Regierungssitz des westdeutschen Staates sein. Also wählte der Parlamentarische Rat, der das Grundgesetz erarbeitet hatte, auch einen provisorischen Regierungssitz für die Bundesrepublik. In der Endausscheidung ging es am 10. Mai um Bonn oder Frankfurt am Main. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb sprach schon vor der Entscheidung seinen Dank aufs Band:

"Unsere Stadt Frankfurt hat die Nachricht, dass sie zur Bundeshauptstadt gewählt wurde, keineswegs mit dem Gefühl irgendeines Triumphes gegenüber anderen deutschen Städten, die gleichfalls zur Wahl standen, aufgenommen, sie gibt vielmehr ihrer Freude Ausdruck, dass der Parlamentarische Rat in Bonn nach rein praktischen und sachlichen Gesichtspunkten entschieden und damit dem Wunsche des größten Teiles der deutschen Bürger der Westzonen entsprochen hat."

Nein, nicht Frankfurt, sondern, ziemlich überraschend, aber auch bezeichnend für die neue Zeit: Bonn. Eine Entscheidung mit Fernwirkung. Nach der Wiedervereinigung 1990 wäre Frankfurt, 1848 Sitz der Nationalversammlung, wohl dauerhaft Regierungssitz geblieben. Aber 1949 signalisierte das beschauliche Bonn den provisorischen Charakter, den der Weststaat haben sollte. Und Bonn war auch Ausdruck dafür, wie klein die deutsche Nachkriegswelt geworden war, nachdem sich der deutsche Weltmachtwahn in der Hitlerzeit ausgetobt hatte.

"Wenn wir jetzt sehen", so Kurt Schumacher, "welche Opfer die Deutschen gebracht haben in dem hoffentlich vorübergehenden Verlust ihrer staatlichen Existenz, in dem hoffentlich vorübergehenden Verlust weiter landwirtschaftlicher Gebiete des deutschen Ostens, in der hoffentlich vorübergehenden Zerreißung Deutschlands in nationaler, kultureller, wirtschaftlicher und staatlicher Hinsicht, und wenn wir das wirtschaftliche Desaster anschauen, nun, werte Versammlung …"

Dann ahnt man, wenn man diese Wahlkampfrede des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher 1949 hört, wie weit der Weg war, sich auf die Nachkriegsrealität einzustellen. Der Sozialdemokrat Schumacher hatte mehr Mühe, die Zeichen der Zeit zu erkennen als sein konservativer Gegenspieler Konrad Adenauer, der 1949 den ersten Kampf ums Kanzleramt gewann:

"Während in der bisherigen Staatengeschichte bei Zusammenbrüchen von Staaten und Staatsregimen stets eine Regierung da war, die auf irgendeine legitime oder legitimierte Weise von der abtretenden Vorgängerin die Aufgaben übernahm, bestand in Deutschland nach 1945 auf vielen Gebieten bis jetzt ein Vakuum. Eine völlige Leere. Daraus mögen Sie die geschichtliche Bedeutung der Bundestagswahl erkennen. Bei Ihnen, den Wählern, liegt es am letzten Ende, wie diese Leere ausgefüllt werden soll."

Konrad Adenauers Sicht auf die deutschen Nachkriegsrealitäten 1949 war derart nüchtern und pragmatisch, dass ihm die Wähler bei der ersten Bundestagswahl folgten – und bei den nächsten Bundestagswahlen immer mehr.

DDR: Mit Pathos in die Eigenstaatlichkeit

Die DDR begab sich 1949 mit ganz anderem Pathos als die Bundesrepublik auf den Weg in die Eigenstaatlichkeit.

Mehrer Männer applaudieren Wilhelm Pieck nach seiner Wahl zum Präsidenten der DDR. (picture-alliance / dpa)Wilhelm Pieck (M.) nach seiner Wahl zum ersten und einzigen Präsidenten der DDR am 11.10.1949 (picture-alliance / dpa)

"Es erscheint mir besonders wichtig an diesen Festtagen der deutschen Nation, auf die großen und schwierigen, aber auch dankbaren Aufgaben zu verweisen. Die mit größter Tatkraft und Entschlossenheit zu erfüllen Ehrenpflicht der ersten Regierung unserer Deutschen Demokratischen Republik sein wird."

Wilhelm Pieck war soeben zum Präsidenten der DDR gewählt worden. Sein Pathos sollte überdecken, dass dieser Staat kaum Spielraum hatte, sich eigenständig zu entwickeln, weil er von der Besatzungsmacht am engen Zügel geführt wurde.

"Das ist ein Akt der weitsichtigen und großmütigen Staatspolitik, den die Regierung der sozialistischen Sowjetunion unter der Führung ihres weisen Premierministers, Generalissimus Stalin, gegenüber dem deutschen Volke vollzieht."

Wenn irgendwer nach dem beispiellos zerstörerischen Zweiten Weltkrieg die Hoffnung gehabt haben sollte, dass die Welt danach zum Frieden bekehrt sei, dann war diese Hoffnung trügerisch. Die neuen Gegensätze prallten sehr schnell aufeinander – in einem ideologischen und militärischen Wettrüsten, das mehrfach bis an den Rand eines Weltkrieges führte."

Die Härte dieses globalen Konflikts scheint schon in einer Wahlkampfrede des CDU-Politikers Erich Köhler 1949 auf:

"Die Welt steht im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen Kreuz und Sklavenpeitsche. Zum Kreuz bekennen wir uns gemeinsam. Dieses Kreuz ist die allein sieghafte Macht, die die Neuordnung der Welt bestimmen wird."

Nach dem Weltkrieg kein Frieden, sondern Kalter Krieg. Und doch gab es damals eine fundamentale Veränderung. In Europa.

Idee einer friedlichen Europäischen Gemeinschaft

"Der Albdruck der Kriegsgefahr, der Kriegsangst, zwischen den sechs Staaten ist nunmehr endgültig gewichen. Soweit noch Konflikte bestehen und das Misstrauen noch nicht überall ausgemerzt ist, mit der Möglichkeit eines Krieges zwischen diesen sechs Staaten rechnet ernstlich niemand mehr."

Der französische Außenminister Robert Schuman verwirklichte 1950/51 seinen Plan, die Kohle-, Eisen- und Stahlproduktion von sechs Staaten einer gemeinschaftlichen Kontrolle zu unterstellen: Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Bundesrepublik Deutschland.

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt den Politiker Robert Schuman (picture-alliance / akg-images)Der französische Außenminister träumte damals von einem "Klein-Europa". (picture-alliance / akg-images)

"Kohle, Eisen und Stahl sind nunmehr Gemeingut geworden einer europäischen Bevölkerung von 156 Millionen Einwohnern", so Robert Schuman. Kohle, Eisen und Stahl waren entscheidend für die Rüstung und damit für die Fähigkeit, Kriege zu führen. Wenn man diese Industrien dem nationalen Zugriff entzog, konnten die Länder keine Kriege mehr führen. Das war Schumans zentraler Gedanke bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, EGKS, 1951: "Klein Europa, sagt man."

Nachdem man in Europa die zerstörerischen Kräfte des Nationalismus erlebt hatte, war das in der Tat eine fundamentale Kehrtwende. Klein-Europa bildete 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG, später die EG, die schon mehr Mitglieder hatte, und schließlich, nach dem Ende des Kalten Krieges, die EU. Die Entwicklung brauchte Zeit, aber sie hatte eine – verglichen mit den Verhältnissen bis 1945 – geradezu revolutionäre Logik: Interessenkonflikte, die früher auf den europäischen Schlachtfeldern ausgetragen wurden, wurden nun in Konferenzräumen verhandelt.

Verbindliche Regelwerke schufen die Grundlage für die zunehmende Verflechtung des ehemals kriegerischen Kontinents. Hier hatte, was sonst immer vergeblich gefordert wird, die Politik aus der Geschichte gelernt – und die Gewinner waren und sind die Menschen, die in diesem grenzüberschreitenden Europa leben.

Autor: Winfried Sträter
Mit Einspielungen aus Deutschlandradio-Sendungen von Hans Pietsch, Karin Schorsch und Susanne Burg
Ton: Peter Seyffert
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Martin Hartwig

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