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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.07.2013

Als alles möglich schien

Ulrich Gutmair: "Die ersten Tage von Berlin - Der Sound der Wende", Tropen, Klett-Cotta, Stuttgart, 256 Seiten

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In der Lücke, die das Ende der DDR hervorrief, nistete sich in Berlin in der Nachwendezeit die Clubkultur ein. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
In der Lücke, die das Ende der DDR hervorrief, nistete sich in Berlin in der Nachwendezeit die Clubkultur ein. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Nach dem Mauerfall nutzten einige gewiefte Kulturakteure das Vakuum, das das Ende der DDR hinterlassen hatte, für kreative Zwischennutzungen in leer stehenden Gebäuden. Der Mythos der Berliner Clubkultur wurde geboren und Ulrich Gutmair präsentiert sich als Zeitzeuge dieser mythischen Zeit.

Wie kein anderes Medium kann Musik den Soundtrack einer bestimmten Zeit oder eines individuellen Lebens einfangen. Die Wirkung des jeweiligen Sounds lässt sich, auch ganz ohne Töne, in Worte fassen. Bücher dieser Art, speziell in der Verbindung mit der Musikstadt Berlin, haben zur Zeit Konjunktur: Wolfgang Müller hat sich in "Subkultur. Westberlin 1979 - 1989" autobiografisch mit der Szene rund um den Kreuzberger Club SO 36 im Jahrzehnt vor dem Mauerfall beschäftigt. Felix Denk und Sven von Thülen haben in "Der Klang der Familie" Protagonisten der Berliner Techno-Anfänge ausschließlich selbst zu Wort kommen lassen.

Ulrich Gutmair wählt für sein Buch einen wieder anderen Ansatz. "Die ersten Tage von Berlin" präsentieren ihn in Personalunion als Zeitzeugen, Historiker und Soziologen.

Einer der zentralen Orte seines Buches ist der "Eimer". "Mittwoch wird Berlin zur Kulturmetropole. Völker hört das Signal" – so der Text eines Flugblatts, das die Besetzung des baufälligen Gebäudes im Ostteil Berlins im Januar 1990 ankündigte. Hier entstand einer der legendärsten Clubs und Party-Orte nach dem Mauerfall. Musiker der DDR-Bands Freygang, Ich-Funktion und Die Firma hatten damals die Gunst der Stunde erkannt:

"Da sich im Moment niemand für den Zerfall vieler Häuser zuständig fühlt, haben wir, eine Gruppe von drei Rockbands, die volle Verantwortung für das Haus Rosenthaler Str.68 übernommen."

Ulrich Gutmair beschreibt in seinem Buch, wie dieser Ort - als auch Dutzende weiterer illegaler Zwischennutzungen durch Club-Betreiber, Galeristen oder Künstler samt deren euphorischem Aufbruchgeist – überhaupt entstehen kann und doch bald wieder der Geschichte angehört: den "Eimer" ließ man 2003 räumen. Abgewrackte Häuser wurden in Berlins Mitte vielerorts durch schicke Eigentumswohnungen ersetzt. Heute noch zugängliche Dokumente der Subkultur in einer kurzen anarchischen Übergangsphase sind Mangelware, denn:

"Wer sich dem DJ, der Musik, dem Beat überlässt, will einen Kontrollverlust erleben. Fotografieren lässt man sich dabei nicht gern."

– so Gutmair, der die fehlenden Bilder mit Erinnerungssplittern und/oder Geschichten über zentrale Akteure dieser Zeit füllt. Darunter sind die DJ Mo Loschelder, der Journalist Thorsten Schilling, (1990-1991 Pressesprecher des Ostberliner Magistrats) - oder Jutta Waitz, die durch ihren Job bei der Wohnungsbaugesellschaft Mitte kurzzeitig Räume für kreative und abenteuerlustige Menschen aus der ganzen Welt organisierte.

Auch Gutmairs eigene Erlebnisse haben das Buch geprägt, wenn nicht gar motiviert. Im Oktober 1989 kam er als Student nach Berlin - ein Timing, das ihn bis heute freut:

"Die meisten Leute, die nach dem Fall der Mauer in Mitte unterwegs waren, sprechen über die Vergangenheit mit der heiteren Gelassenheit, die Menschen eigen ist, die wissen, dass sie etwas besitzen, was ihnen keiner nehmen kann."

Schade, dass Gutmair aus den "Ich war dabei"-Geschichten nicht mehr gemacht hat. (Er erwähnt die Unlust vieler Gesprächspartner, nicht alles erzählen zu wollen oder erst, wenn das Band nicht mehr mitläuft.) Nur sporadisch und etwas halbherzig lässt Gutmair seine Interview-Recherchen in ein streckenweise ausuferndes Textgefüge einfließen.

Wiederkehrenden Raum nehmen historische Exkurse zu Straßen und Gebäuden Berlins oder zur Situation der jüdischen Bevölkerung der Stadt ein, die bis zurück ins 19. Jahrhundert reichen und deren Relevanz für die Wendejahre oft nicht einleuchtet - erst recht, weil sie im Eilflug auf wenigen Buchseiten viele Jahrzehnte abhandeln und daher an der Oberfläche bleiben (müssen).

Für die ein oder andere schöne Anekdote bleibt dennoch Platz – wie die von den Volks-Polizisten, die die Regeln des neuen Staates noch nicht so ernst nehmen und nächtliche Teelicht-und Badepartys im öffentlichen Kinderschwimmbad gewähren – nach dem Versprechen der Partygäste, hinterher auch aufzuräumen.

Besprochen von Olga Hochweis

Ulrich Gutmair: Die ersten Tage von Berlin - Der Sound der Wende
Tropen, Klett-Cotta, Stuttgart
256 Seiten, 17,95 Euro

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