Alma M. Karlin: "Dann geh ich in den grünen Wald"

    Eine Autorin bei den Partisanen

    06:19 Minuten
    Buchcover zu "Dann geh ich in den grünen Wald. Meine Reise zu den Partisanen"
    Eindrucksvolles Bild von Überlebenswillen und Widerstand: Alma M. Karlins "Dann geh ich in den grünen Wald". © Drava Verlag
    Von Carsten Hueck · 04.10.2021
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    Die jetzt erstmals auf Deutsch veröffentlichten Erinnerungen der Reiseschriftstellerin Alma M. Karlin aus den Jahren 1938-1945 zeugen eindrücklich von Entrechtung und Verfolgung während der NS-Zeit.
    Es beginnt mit einer Schikane, getarnt als Verwaltungsakt: Die Gemeinde Cilli in der Untersteiermark, einst österreichisch, nun slowenisch, teilt 1938 der bekannten Reiseschriftstellerin Alma M. Karlin mit, dass das von ihr bewohnte Elternhaus einer Straßenerweiterung wegen niedergerissen werden soll. Eine adäquate Unterkunft wird ihr nicht geboten. Sie überlässt das Haus daraufhin schweren Herzens ihrem Nachbarn – der seit längerem schon daran interessiert ist. Von ihm erhält sie dafür wenigstens eine Villa außerhalb der Stadt. Natürlich wird das Stadthaus nicht abgerissen, doch in der Villa wird sie nicht heimisch. So zieht Alma M. Karlin mit ihrer Lebensgefährtin in ein kleines, abseits gelegenes Weingartenhäuschen.

    Die Gestapoagentin als Buchhändlerin

    Dort erhält sie bald Besuch von einer Buchhändlerin, die sich in Briefen als glühende Verehrerin der Schriftstellerin vorgestellt hatte. Doch je länger der Besuch sich im Haus aufhält, desto seltsamer erscheint er den beiden Frauen. Und am Ende finden sie heraus, dass die Person, die sie beherbergen, keineswegs Buchhändlerin, sondern Gestapoagentin ist.
    Unter dem Titel "Dann geh ich in den grünen Wald" werden nun erstmals in deutscher Sprache die autobiografischen Aufzeichnungen Alma M. Karlins aus der Zeit 1938 – 1945 veröffentlicht. Es sind vier große Kapitel, in denen sie beschreibt, wie sie von einer populären und auflagestarken Autorin binnen kurzer Zeit zur Entrechteten und Verfolgten wird.
    Karlin, Tochter eines k.u.k. Offiziers und einer Lehrerin, sprach zehn Sprachen, war auch Journalistin, Sprachlehrerin, Forscherin und Amateuranthropologin. In den 1920er-Jahren reiste sie um die Welt, lebte eine zeitlang in Skandinavien, hielt Vorträge, war bekannt für Witz und Ironie, Wahrheitsdrang, intellektuelle Eigenständigkeit und ihre unabhängige Lebensweise.

    Bedrohung und Deportation

    1941 wird das Königreich Jugoslawien von den Achsenmächten besetzt, Slowenien soll "deutsch" werden, ein brutales Programm der "Entslawisierung" setzt ein. Karlin, bekannt als Gegnerin der Nazis, gerät selbst ins Visier. Sie verliert ihre Publikationsmöglichkeiten, wird bedroht, verhaftet, in ein Sammellager deportiert. Davon berichtet sie im Kapitel "Der Transport". Es ist zugleich auch ein vielschichtiges Porträt ihrer Mitgefangenen, der Solidarität, die sie, die ja deutsch schreibt, von diesen erfährt. Kontakte und Glück verhelfen ihr zur Freilassung, sie ist aber weiterhin in ihrer Existenz bedroht. Im Spätsommer 1944, entschließt sie sich, "in den Wald", zu den Partisanen zu gehen, um mit deren Hilfe nach England zu gelangen.
    Zu diesem Zeitpunkt ist die Autorin Mitte 50, körperlich geschwächt, gesundheitlich angegriffen und mittellos. Was es heißt, in solchem Zustand einen 300 Kilometer langen Marsch in sicheres Gebiet auf sich zu nehmen, mit aufgeweichten Schuhen, ohne ausreichend Nahrung, beschreibt die Autorin im Kapitel "Bei den Partisanen". Es würdigt Kameradschaft und Opferbereitschaft, kritisiert aber auch die Borniertheit der Kommunisten unter den Freiheitskämpfern, die ihr die Weiterreise nach England am Ende verwehren.

    Unbedingter Wille zur ästhetischen Form

    Fünf Jahre noch hat Alma M. Karlin nach der Befreiung zu leben. In dieser Zeit ordnet sie ihre Aufzeichnungen. Sie vermitteln ein eindrucksvolles Bild von Überlebenswillen und Widerstand, den politischen Verwerfungen jener Zeit, slowenischer Geschichte und dem Anspruch, durch Literatur Mensch und Welt zu verbessern.
    Das anhaltende Bemühen der Autorin, selbst in bedrohlichsten Situationen nicht die Fasson zu verlieren, ihr unbedingter Wille zu ästhetischer Form und Unterhaltung, irritiert mitunter aber doch. Ihr Pathos wirkt stellenweise unfreiwillig komisch, ihre esoterischen Neigungen lassen sie auch egozentrisch erscheinen. Dennoch erfährt man viel über eine außergewöhnliche Frau und ein Kapitel des Zweiten Weltkrieges, das hierzulande sonst nur wenig wahrgenommen wird.

    Alma M. Karlin: "Dann geh ich in den grünen Wald. Meine Reise zu den Partisanen"
    Herausgegeben von Jerneja Jezernik
    Drava Verlag, Klagenfurt 2021
    250 Seiten, 21 Euro

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