Alltagskunst

Von Anette Schneider |
Das Genre - also die Darstellung von Arbeit, von alltäglichen Tätigkeiten - wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts durch Abstrakte und Konzeptkunst weitgehend verdrängt. Doch immer gab es Künstler, die das Genre nutzten, um damit ihre Sicht auf Wirklichkeit zu zeigen. Das Gerhard Marcks Haus in Bremen stellt drei von ihnen vor.
Boxer und Musiker, Postboten und Landarbeiter, Bettler und Striptease-Tänzerinnen, Liebespaare und Lesende - 60 Genreskulpturen zeigt das Gerhard Marcks Haus. Bildhauerarbeiten, meist zwischen 10 und 30 Zentimetern klein, die alltägliche Tätigkeiten zeigen - und damit etwas, was in der Kunst eigentlich längst verpönt ist. Denn, so Jürgen Fintschen, Leiter des Gerhard Marcks Hauses und Organisator der Ausstellung:

"Nachdem im 19. Jahrhundert das Genre, die Darstellung des Alltäglichen, irgendwelche Dinge verrichtenden Menschen eigentlich zur Entzauberung der Kunst - also des großen Historienbildes, der Romantik und des Klassizismus - beigetragen hatte, haben die modernen Bildhauer, die modernen Maler das eigentlich als eine völlig unkünstlerische Aufgabe verstanden. Das rückte dann als pure Erzählung, als etwas Prosaisches aus der Kunst mehr und mehr raus, wurde fast vollständig vergessen, hinter dann eben nun wieder anderen Ideen, Konzepten halt."

Ein Rundgang durch die Ausstellung macht schnell deutlich: Das Genre birgt mindestens genauso viele künstlerische Herausforderungen wie andere Themen. Gleich ob bei Gruppendarstellungen oder Einzelpersonen. Denn auch wenn eine Arbeit noch so klein ist, geht es stets auch um Fragen nach dem Verhältnis von Raum und Bewegung. Auch sei es ein Irrtum anzunehmen, weil man etwas erkennt, habe man verstanden, worum es geht, betont Jürgen Fintschen, denn natürlich ginge es im Genre nicht um die naturalistische Wiedergabe von Wirklichkeit:

"Etwas zu schildern, ist auch immer etwas zu abstrahieren. Sie müssen immer ausscheiden. Und es ist eine ganz, ganz große Aufgabe, das Wesentliche aus dem so unendlich Vielfältigen unserer Wirklichkeit herauszufiltern. Aber für eine bestimmte Zeit, für die letzten 50, 60, 70 Jahre war das offensichtlich nicht mehr genug, es ist jedenfalls mehr und mehr aus dem Blickfeld geraten."

Nicht so für Gerhard Marcks, Gerhart Schreiter und Waldemar Grzimek. Geboren zwischen 1889 und 1918, gestorben in den 1970er beziehungsweise 80er Jahren - schufen sie großformatige Skulpturen, Denkmale, antifaschistische Mahnmale und - widmeten sich dem Genre. Viele Kleinplastiken entstanden, die nun in Gruppen und nach Themen geordnet auf mehreren großen Sockeln präsentiert werden.

Der Bremer Künstler Gerhart Schreiter entpuppt sich dabei als genauer Beobachter der Menschen, der in seinen Arbeiten Zeittypisches einfängt, verallgemeinert und dafür charakteristische Haltungen entwickelt. In den 50er und 60er Jahren zeigt er zum Beispiel immer wieder Menschen mit Fahrrädern, damals noch ein Statussymbol: So sieht man eine junge Frau stolz neben ihrem Fahrrad stehen und sich der Welt zeigen. Oder: sechs, sieben Arbeiter mit ihren Rädern auf dem Weg in den Feierabend. Aufgehalten von einer roten Ampel stehen sie in einer Reihe nebeneinander, einander zugewandt, miteinander plaudernd. Schreiter greift sanfte, organische Formen auf, die seinen Themen, in denen es oft um Bewegung geht, angemessen sind. Wie bei den Radrennfahrern: Tief gebeugt sitzen sie in ihren Sätteln und treten in die Pedalen. Jeder Einzelne ist genau ausgearbeitet - gleichzeitig sind alle Teil einer rasanten Vorwärtsbewegung.

"Das ist ja eines der ganz, ganz großen Themen der Bildhauerei überhaupt, weil die Bildhauer ja nicht die Gelegenheit haben wie die Maler ihren ganzen illusionistischen Erfindungsreichtum aufzuwenden, um Bewegung, Schnelles, Fahrendes da reinzukriegen. Das können Bildhauer nicht. Sie sind immer gebunden an den Pflock des Augenblicks, an den einen, in Bronze eingerorenen Moment einer Bewegung. Aber trotzdem sozusagen das Davor und das Danach im Kopf des Betrachters möglich zu machen und auf diese Weise Bewegung da reinzukriegen, ist eine ganz ganz große Leistung. Und dazu gehören die Rennfahrer von Schreiter."

Gerhard Marcks begann mit den Kleinplastiken 1933, als ihm ständig Berufsverbot drohte. Die Arbeiten verkaufte er als Sammlerstücke, und seine Käufer registrierten die in ihnen beinhalteten Spitzen gegen die Nationalsozialisten genau. Seine Ende der 30er Jahre entstandene "Säerin" ist zum Beispiel eine zarte, auf dem Boden hockende Frau. Und seine kleine Kellnerin scheint unter der Last ihres Tabletts fast zu zerbrechen. In beiden Figuren verweigert Marcks das vorgegebene bodenständig-mütterliche Frauenbild und erzählt von der Gefährdung des Menschen in unmenschlichen Zeiten.

Der Kommunist Waldemar Grzimek ringt nach der Befreiung vom Nationalsozialismus um ein neues Menschenbild: 1948 war er Professor in Westberlin, wurde 1951 aus politischen Gründen entlassen und ging in die DDR. Seine frühen Figuren sind auf das Wesentliche reduziert. Aufrecht stehen sie. Selbstbewusst. Die Beigaben sind auf das allernötigste reduziert: Etwa auf ein Arbeitsgerät, mit dem sich jemand beschäftigt.

"In dieser sehr strengen, sehr knappen Art sind die Gestalten stets sehr selbstgewisse Gestalten, die Vorbild sind. Und die Aussage ist ganz klar. Sehr verknappt: 'Ich stehe hier, ich mache das.' Und das wird in solch einer Form anschaulich. Und das ist der Weg gewesen, den der sozialistische Realismus in den 50er und 60er Jahren in der DDR ganz unabhängig von all dem, was an Einflüssen aus der Sowjetunion kam, gemacht hat. Das war eine bedeutende Leistung, für die Grzimek Vorreiter damals war."

Seit der Vorherrschaft der Konzeptkunst ist figürliche Bildhauerei fast völlig aus der Rezeption verschwunden. Entsprechend halten sich die Vorurteile gegen sie. Etwa, das Genre sei eine "unkünstlerische" Aufgabe und "rein erzählerisch". Die Ausstellung "Nichts als Arbeit!" räumt mit dieser noch immer in vielen Köpfen verankerten Vorstellung auf. Mit Marcks, Schreiter und Grzimek stellt sie drei sehr unterschiedliche Aspekte des Genres vor, sodass sich drei sehr unterschiedliche Blicke auf Wirklichkeit entdecken lassen. Und drei Wege, wie Künstler für ihre Sicht auf Welt um adäquate Formen ringen.

Service: Die Ausstellung "Nichts als Arbeit!" ist vom 2. März bis 1. Juni 2008 im Gerhard Marcks Haus in Bremen zu sehen.