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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.01.2009

Alles eine Frage der Perspektive

Stefan Pucher inszeniert in den Münchner Kammerspielen "Maß für Maß"

Von Christoph Leibold

Stefan Pucher bringt Shakespeares Drama ohne aufdringliche Gegenwartsverweise auf die Bühne. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Stefan Pucher bringt Shakespeares Drama ohne aufdringliche Gegenwartsverweise auf die Bühne. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Wer Recht sprechen will, muss wissen, was Recht ist. Was richtig ist und was falsch. Herzog Vincentio ist sich da nicht so sicher. In seinem Reich blühen Unzucht und Zuhälterei. Offenbar gibt es bei den Menschen ein großes sinnliches Bedürfnis, das der sittlichen Ordnung zuwider läuft. Aber Vincentio kann sich nicht dazu durchringen einzuschreiten. Lieber beauftragt er einen Stellvertreter.

Der heißt Angelo, und ist - nomen est omen! - ein wahrer Engel: ein Tugend- und Racheengel. Ein Richter Gnadenlos, der einen jungen Burschen zum Tode verurteilt, weil der sein Mädel geschwängert hat, ohne verheiratet zu sein. Isabella, die Schwester des Todeskandidaten, eine angehende Nonne, fleht Angelo um Gnade an. Worauf er, angeturnt von ihrer Sittsamkeit, der Novizin ein unmoralisches Angebot macht: Isabellas Körper gegen das Leben ihres Bruders. Angelo misst mit zweierlei Maß. Im Titel klingt es an: Shakespeares "Maß für Maß" ist ein Stück über Doppelmoral.

Doch der Titel dieser schwierigen Komödie erlaubt noch eine zweite Interpretation, die Stefan Pucher für seine bestechende Inszenierung an den Münchner Kammerspielen offenkundig noch wichtiger war: "Maß für Maß" handelt auch von der richtige Balance zwischen dem notwenigen Maß an gesellschaftlicher Ordnung und dem größtmöglichem Maß an individueller Freiheit. Ein empfindliches Gleichgewicht: Je nach Standpunkt, verschieben sich die Gewichte. Alles eine Frage der Perspektive.

In Barbara Ehnes Bühnenbild ragen graue und buntgemusterte, in die Tiefe des Raumes hintereinander gestaffelte Wände von oben und beiden Seiten in den Raum, der sich von Szene zu Szene verändert: Mal schieben sich die Wände weiter in den Raum und engen ihn ein, dann weiten sie ihn wieder. Es ist, als würde man in ein Kaleidoskop blicken, und ständig daran drehen. Mit jeder Drehung verändert sich die Sichtweise. Auch hier: Alles eine Frage der Perspektive. Projektionen des Videokünstlers Chris Kondek - schnell geschnittene Bildfolgen, die die Handlung assoziativ illustrieren - erweitern das Spektrum der Sichtweisen.

Doch die eine richtige Sichtweise gibt es nicht. Hat nicht auch Angelo, der Scheinheilige, ein wenig Recht, wenn er Isabellas Weigerung sich ihm hinzugeben in Frage stellt: was ist schon ihrer Unschuld gegen das Leben ihres Bruders? Doch Brigitte Hobmeiers strenge Isabella begegnet Angelos Angebot mit einer Mischung aus kühlem Stolz und Naivität, die einen moralischen Rigorismus verrät, gegen den Angelos Erpressungsversuch geradezu menschlich wirkt.

Denn was wäre seine Lüsternheit auch anderes, als allzu menschliches Begehren? Christoph Luser spielt diesen Angelo denn auch wie einen, der hochgeschreckt ist aus einem schönen Traum. Eben lächelte er noch souverän, weil er mit traumwandlerischer Sicherheit zu sagen wusste, was moralisch recht ist und was nicht. Da kommt diese Isabella, und die schmutzige Fantasie, die ihre Reinheit in ihm auslöst, stellt nicht nur sein Weltbild in Frage, sondern das der angehenden Nonne gleich mit dazu.

Am schlimmsten aber trifft die Verunsicherung den Herzog Vincentio des hinreißenden Thomas Schmauser, der für Recht und Ordnung sorgen müsste, sich davor drückt, und am Ende doch nicht umhin kommt, die Sache wieder ins Lot zu bringen. Schmausers Vincentio ist der personifizierte Zweifel, exzessiv in seinem Leiden an der unlösbaren Aufgabe, Recht herzustellen; ätzend in seinem Zynismus, mit dem er am Ende alles - rein pro forma! - doch zum Rechten wendet.

Was ist Recht? Und wie viel Recht und Ordnung braucht eine Gesellschaft? Wie viel Freiheit darf, muss sein? Fragen, die in Zeiten, da Bürgerrechte im Namen der Sicherheit beschnitten werden, aktueller kaum sein könnten. Das Erstaunliche an Stefan Puchers Inszenierung ist, dass er diesen aktuellen Hintergrund immer mitschwingen lässt, ohne Shakespeares Drama je mit aufdringlichen Gegenwartsverweisen zu überziehen.

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