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Wortwechsel | Beitrag vom 23.04.2021

AlkoholkonsumRisikoloses Trinken gibt es nicht

Moderation: Annette Riedel

Illustration eines Paares, das durch eine Tür in einer Weinflasche geht. (imago / Ikon Images / Gregory Baldwin)
Ein Gläschen in Ehren ... (imago / Ikon Images / Gregory Baldwin)

Bier, Wein und Schnaps spielen in Deutschland eine große Rolle: zum Genuss, zur Entspannung, als soziales Schmiermittel. Doch Trinken kann bestenfalls risikoarm sein. Wie finden wir – individuell und als Gesellschaft – das richtige Maß beim Alkohol?

In Deutschland konsumieren 95 Prozent der Erwachsenen Alkohol. Manche nur das berühmte Gläschen in Ehren zu besonderen Anlässen. Aber rund zehn Millionen Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren trinken in riskanten Ausmaßen. Viele sind sich gar nicht bewusst, dass für die Gesundheit vergleichsweise risikoarmes Trinkverhalten schon jenseits von täglich 1/8 Liter Wein bei Frauen und 1/4 Liter bei Männern (bzw. 1/2 Liter Bier) aufhört. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen empfiehlt zudem, an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol zu verzichten.

Bestandteil der Kultur

Rund 200 Krankheiten können durch Alkoholkonsum ausgelöst oder verschlimmert werden. Dass der Konsum von Alkohol in bestimmten Fällen auch gesundheitsfördernd sein könnte, weist der Alkoholforscher und Mediziner Helmut K. Seitz zurück: "Das ist ein Mythos".

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Aber Alkohol ist auch ein Genussmittel und aus dem Sozialleben nur schwer wegzudenken. Unkontrollierte Trunkenheit wird in der Gesellschaft weitgehend abgelehnt. Aber mäßiger Konsum von alkoholischen Getränken ist grundsätzlich akzeptiert.

Das gemeinsame Trinken kann nicht nur geschäftsfördernd wirken, es gehört auch zum Kulturgut. Das "gesellige, maßvolle Trinken" von Wein und Bier sei "seit Jahrhunderten Bestandteil der Kultur", betont die Politologin Ulrike Ackermann. Es gelte individuell eine "sinnvolle Balance zwischen Maßhalten und Hingeben" zu finden. Verbote nützten da nichts.

Enorme gesamtgesellschaftliche Kosten

Es sei zutiefst menschlich, "Alterität" zu suchen, also Abwechslung. "Dafür benutzen wir Rauschmittel", argumentiert der Soziologe und Historiker Hasso Spode. Dass aber andererseits durch gesundheitsgefährdenden Alkoholkonsum enorme gesamtgesellschaftliche Kosten entstehen, darauf verweist die Gesundheits- und Arbeitsökonomin Annika Herr, "allein durch Produktivitätsausfälle" und "hohe Gesundheitskosten". Die dagegen zu rechnenden Steuereinnahmen seien vergleichsweise "eher gering".

Wie hat sich die Haltung zum Trinken über die Zeit verändert? Wie wird das Thema anderswo diskutiert? Wie gefährdet sind Jugendliche? Muss Alkoholkonsum von Gesetz wegen weiter begrenzt werden - und wenn ja, wie? Welches Maß beim Alkoholkonsum ist erstrebenswert? Abstinenz oder ein aufgeklärter, verantwortungsbewusstes Konsum? 

Darüber diskutieren:

Prof. Dr. Ulrike Ackermann, John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung, Bad Homburg
Prof. Dr. Annika Herr, Institut für Gesundheitsökonomie, Leibniz Universität Hannover
Prof. Dr. med. Helmut K. Seitz, Gastroenterologe und Alkoholforscher 
Prof. Dr. Hasso Spode, Historiker und Soziologe, Leibniz Universität Hannover und TU Berlin

Die Sendung ist entstanden in Kooperation mit der Volkswagenstiftung im Rahmen einer Online-Veranstaltung.

(AnRi)

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