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Zeitfragen | Beitrag vom 24.06.2019

Alkoholismus in DeutschlandAm Limit – wie Alkohol die Deutschen süchtig macht

Von Christina Rubarth

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Illustration einer liegenden leeren Weinflasche in der ein Mann betrübt sitzt. (Imago / Mark Airs)
"In Deutschland gibt es keine Trinkkultur", sagt der Psychologe Johannes Lindenmeyer. Ab 16 würden Jugendliche "der Alkoholindustrie zum Fraß hingeworfen". (Imago / Mark Airs)

In Deutschland trinkt man gerne Alkohol. Dass Alkohol den Körper massiv schädigt wissen zwar die meisten - auch Alkoholsüchtige selbst. Doch die Verharmlosung des Alkohols im Alltag und eine starke Lobby erschweren einen Mentalitätswandel.

Mit zehn Fragen will der Selbsttest "Kenn dein Limit" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in wenigen Minuten eine Einschätzung darüber geben, ob man in relativ gesundem Maße Alkohol trinkt, ob man gefährdet ist oder sogar schon krankhaft konsumiert. Ich möchte wissen, wo ich lande.

"Halten Sie pro Woche mindestens zwei alkoholfreie Tage ein?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Ja, das sollte hinkommen. Also, wenn ich nicht gerade im Urlaub bin und ein Aperol Spritz so perfekt zum Sonnenuntergang passt. Aber eigentlich, ja. Krieg` ich hin.

Sehr viele Deutsche trinken tagtäglich. Und deutlich zu viel. Was mich erschüttert: Laut aktuellem Report der Weltgesundheitsorganisation kamen zuletzt auf jeden Deutschen 13,4 Liter reiner Alkohol. Damit liegt Deutschland auf Rang 4 beim durchschnittlichen pro Kopf-Konsum. Weltweit! Knapp zwei Millionen Deutsche gelten als alkoholabhängig.

Der Schnaps in der Colaflasche

Ich bin mit Dietmar Heyn verabredet. Trockener Alkoholiker, Mitte 50 in Jeans und Turnschuhen. Er will mir erzählen, wie der Alkohol sich in sein Leben schlich. Seit einem Bandscheibenvorfall ist er in Rente, hier im FEZ in Berlin - einem Freizeitzentrum für Kinder und Jugendliche – arbeitet er als ehrenamtliche Honorarkraft. Im Orbitall, einer Art Nachbau der Raumstation ISS mit Kontrollraum, Weltraumanzügen, viel Technik.

Normalerweise gibt es hier keinen Alkohol, sagt er, eher Saft und Wasser. An diesem Wochenende aber nutzt eine Soundmesse die Räume, da ist Bier Standardgetränk, deshalb stehen hier jetzt Bierflaschen, sehr viele davon.

Dietmars Job heute: Nicht wie sonst Führungen anbieten, vom All erzählen, sondern Türen aufschließen, Alarmanlagen entschärfen, Bildschirme zum Laufen bringen. Das klappt gerade nicht so, wie er will. Gleich kommen die Aussteller. Aber er bleibt ruhig. Sehr ruhig:

"Meine Frau sagt: Du bist wie eine Schlaftablette. Ich kann zwar auch ganz schön hektisch sein, aber das ist ganz selten. Ist komisch, aber wahrscheinlich auch, seitdem ich damals zur Langzeit-Reha war. Da saß ich wirklich am See und habe so in mich reingehört und gedacht: Nö, das Leben ist viel zu schön, als dass man es mit Hektik und Panik vergeuden muss."

Sein Leben vor der Reha: Zehn Jahre harter Alkoholkonsum täglich, exzessiv, wie er sagt. Pegeltrinker war er, brauchte anderthalb bis zwei große Flaschen Schnaps am Tag. Jahrelang trug Dietmar auch bei der Arbeit eine Colaflasche mit sich rum - als Technik- und Marketingleiter in einem Orchester. In der Flasche nicht nur Koffein, sondern eine ganze Flasche Schnaps, mit Cola aufgefüllt. Kollegen ging er aus dem Weg, damit niemand den Alkohol roch, alle zwei Stunden musste er zur Tarnflasche greifen.

Der Griff zum Wein beim Stress

Auf zwei, drei Weinflaschen am Tag kam Maren, wenn es richtig schief lief. Nicht täglich, erzählt sie, aber alle paar Wochen, dann mehrere Tage am Stück. Wenn der alleinerziehenden Mutter von zwei kleinen Kindern alles zu viel wurde.

"Das ist ja meistens so ein Konstrukt aus mehreren Problemen: Es war dann die finanzielle Sache, sag ich mal, ich habe schon den Briefkasten gar nich mehr aufggemacht aus Angst. Dann der Stress mit dem Ex-Partner, dann haben die Kinder halt nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte. Klar, da hat die Große rebelliert. Die ist halt jetzt in der Phase, vorpubertär, wo sie sich ausprobiert. Und als mir das wirklich alles über den Kopf gewachsen ist, als ich mich so hilflos gefühlt habe, war das dann der Ausweg für mich, um mich selber runter zu fahren."

Illustration eines Kindes mit Teddybär, das in eine Weinflasche blickt, in der eine gefangene Mutter sitzt. (imago / Ikon Images / Mark Airs)Wenn der Alkohol zwischen Mutter und Kind steht. (imago / Ikon Images / Mark Airs)

Die 37-Jährige sitzt in der Sonne, nippt am Milchkaffee, als ich sie treffe. Vor allem für ihre Kinder - jetzt zehn und sechs Jahre alt - hat sie vor fünf Jahren ihren ersten Entzug gemacht. Aber danach wurde der Wein doch wieder Flucht und Trost.

"Man möchte eigentlich nur noch seine Ruhe haben, man möchte nur noch sich und seine kleine Welt haben. Ich habe die Kinder freizeitmäßig schon ganz schön vernachlässigt. Das Nötigste habe ich gemacht. Ich habe die Wäsche gewaschen, sie haben was zu essen gekriegt, in guten Phasen sind wir auch ins Kino gegangen. Aber wenn halt eine schlechte Phase war: Kino versprochen, nicht gegangen, weil dann der Alkohol wichtiger war."

"Wenn Sie Alkohol trinken, trinken Sie an einem Tag typischerweise mehr als ein alkoholisches Getränk - die Frage gilt für Frauen - bzw. für Männer: Trinken Sie mehr als zwei alkoholische Getränke? Ein alkoholisches Getränk ist z. B. ein kleines Glas Bier, ein kleines Glas Wein oder ein doppelter Schnaps." (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Wenn – dann wohl ja. Zwei Gläser Bier oder Radler kommen mir dann auch nicht wirklich viel vor.

Betroffene brauchen Hilfe von Außen

Dietmar Heyn trinkt in seiner Pause jetzt Filterkaffee, schwarz. Und verschwindet auf eine Zigarette - die einzige Droge, die er sich noch gönnt. Alkohol gehörte lange zu seinem Alltag. In der Gartenlaube fing es an, erzählt er, da kannte jeder jeden und hat überall sein Bierchen getrunken. Aus dem einen Bierchen wurde schleichend mehr. Irgendwann war die einzige, die sich noch mit ihm unterhalten hat, die Flasche, die Ehe gescheitert. Dietmar trank weiter, bis eines seiner Kinder ihn rettete.

"Man braucht den Anstupser, also die Erkenntnis selber zu finden, dass man süchtig ist. Unterschwellig weiß man es. Ab einem bestimmten Punkt merkt man, man kommt davon nicht mehr los. Aber man akzeptiert seine Situation irgendwie und sagt: 'Okay, dann ist es so.' Aber wenn jemand von außen sagt, wie in dem Fall meine Tochter, 'Papa, willste nicht was dagegen tun?' - und man hat noch ein Fünkchen klaren Verstand, dann sagt man: 'Okay, mach' ich.'"

Selbstmord auf Raten

Dietmar ließ sich einweisen, machte einen Entzug. Zehn Jahre ist das jetzt her, doch der Wille, wirklich keinen Alkohol mehr anzurühren, kam erst, als die Ärzte eine Leberzirrhose bei ihm feststellten.

"Und da habe ich den Arzt gefragt, 'Ich bin jetzt, ich glaube, seit vier Monaten trocken - wie kann es sein?' Da sag er: 'Sie haben Leberzirrhose im Anfangsstadium und Ihre Organe sind den Suchtstoff jahrelang gewöhnt gewesen und die können jetzt ohne nicht so schnell. Die kommunizieren sozusagen nicht richtig miteinander und die Abwehrfunktion des Körpers war Wasser.' Da haben sie mir zwei mal fünf Liter Wasser abgezogen im Krankenhaus. Und ja, das war natürlich das Endgültige, dass ich gesagt habe: Nie wieder Alkohol."

Hätte er wieder getrunken, sagt Dietmar, wäre das ein Selbstmord auf Raten gewesen.

"Haben Sie in den vergangenen 30 Tagen zu einer Gelegenheit vier bzw. fünf (vier für Frauen, fünf für Männer) oder mehr alkoholische Getränke getrunken - z. B. bei einem Kneipenbesuch, einer Feier oder beim Zusammensein mit Freunden?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Ja. War aber nur an einem einzigen Abend. Nach langer Zeit mal wieder.

Maren trinkt weiter. Bis sie 2017 einen Autounfall baut, unter Alkoholeinfluss. Ihr Wendepunkt.

"Also ich denke, diesen extremen Rückfall habe ich provoziert, um zu sagen: 'So und jetzt brauche ich die Hilfe.' Und dann habe ich im Mai 2018 gesagt: 'So jetzt, Nägel mit Köpfe.' Zum Hausarzt, Einweisung geben lassen, Termin im Krankenhaus, Vorgespräch und und und. Und dann bin ich am 13.06. in eine Entgiftung gegangen."

Maren wollte nicht mehr, dass ihre Tochter in die Mutterrolle schlüpfte, ihre beiden Kinder nach der Schule nach Hause kamen und nicht wussten, war ihre Mutter gut drauf oder trank sie wieder – und: Sie wollte ihrem Körper nicht weiter schaden, plante ihren zweiten Entzug.

Nachhilfe in Sachen Problembewältigung

Christoph Richter ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und verantwortlich für den so genannten qualifizierten Entzug im Vivantes-Klinikum in Berlin-Kaulsdorf, im Osten der Stadt. Er sagt:

"Die Leber - 95% von Alkohol wird über die Leber abgebaut - wird beim chronischen Konsum massiv geschädigt. Was wir auch sehen bei Menschen, die über längere Zeit Alkohol konsumieren, dass die peripheren Nerven, das heißt z. B. in den Beinen oder in den Händen, eine Schädigung bekommen, so dass wir dann Gefühlsstörung bekommen, bis hin, dass man nicht mehr gut laufen kann oder gar nicht mehr läuft."

Die 27 Betten auf der Entzugsstation sind immer voll. Von Alkoholabhängigen, die freiwillig kommen, geschickt von Angehörigen, ihrem Arbeitgeber oder von der Polizei. Ein bis zwei Wochen bleiben sie im Schnitt hier. Nicht nur der Körper wird – wie früher - hier behandelt, sondern auch die Seele.

Problemstrategien stehen auf dem Therapieplan. Damit die Abhängigen lernen, was ihnen statt Alkohol helfen kann. Ein qualifizierter Entzug bietet auch Therapien von Folge- und Begleitkrankheiten, soll die Patienten über die Entlassung hinaus stärken.

Vitamine gegen die Entzugserscheinungen

Am Anfang steht aber der Entzug durch Ersatzstoffe und Vitamine in Pillenform. So soll die Wirkung auf den Körper abgemildert werden, erklärt Oberarzt Martin Bayerl:

"Erhöhter Blutdruck, erhöhte Herzfrequenz, Zittern, Angst, erhöhte Schwitzneigung, Schlaflosigkeit: Das sind ganz typische Entzugssymptome im Alkoholentzug. Das machen Patienten natürlich auch im gewissen Masse auch bei uns durch. Allerdings lindern eben die Medikamente, die erst ab einem gewissen Schweregrad eingesetzt werden. Es gibt auch Alkoholentzüge, wo das gar nicht nötig ist, dann geben wir das auch nicht, genau diese Symptome."

Ohne diese Mittel kann der Körper rebellieren, manche Menschen quälen Halluzinationen, ein Krampfanfall im Alkoholentzug kann sogar lebensgefährlich sein. Im Treppenhaus hängt ein Netz, das depressive Patienten am Springen hindert. Viele Alkoholkranke schaffen es auch nach einem qualifizierten Entzug nicht, abstinent zu bleiben. Und kommen immer wieder auf die Station B2 im 2. Stock.

"Haben Sie in den letzten 12 Monaten erlebt, dass Sie nicht mehr mit dem Trinken aufhören konnten, nachdem Sie einmal begonnen hatten?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Nein. Kann ich nicht behaupten.

Alkoholentwöhnung per Computer

Eine Art Ablehnungstraining als Computerspiel ist einer der einfacheren Methoden, die in der Rehaklinik im brandenburgischen Lindow seit Jahren erfolgreich sind. Schon allein der Anblick von Alkohol kann bei Abhängigen das dringende Bedürfnis nach Alkohol auslösen.

Johannes Lindenmeyer sitzt in seiner Praxis, trägt Anzug und blickt in die Kamera. (picture alliance/dpa/Bernd Settnik)Der Psychologe Johannes Lindenmeyer plädiert für eine gemäßigte Trinkkultur als Gegenmittel zum Alkoholismus. (picture alliance/dpa/Bernd Settnik)

Diesen Mechanismus gilt es zu durchbrechen, erklärt mir Klinikchef Johannes Lindenmeyer.

"Das sieht so aus: Die Leute haben einen Joystick und kriegen abwechselnd alkoholische Getränke gezeigt und nicht-alkoholische. Die alkoholischen Getränke sind die Querformatbilder - und die müssen sie mit dem Joystick möglichst schnell wegschieben, so dass sie verschwinden. Umgekehrt müssen sie die Hochkant-Bilder, das sind die nicht-alkoholischen Getränke, herziehen, damit sie größer werden. Das Großhirn wird also auf das Bildformat gelenkt. Aber in Wirklichkeit ist das Bildformat mit dem Inhalt gekoppelt. So lernen sie indirekt den Alkohol wegzudrücken und die anderen herzuziehen."

Trinkkultur statt Alkoholmissbrauch

Sechs Trainingseinheiten à 15 Minuten, sagt Lindenmeyer, reichen, um erste Erfolge messen zu können. Lindenmeyer ist ein erfolgreicher und gleichsam streitbarer Psychologe. Seine wichtigste These: Jugendliche müssten herangeführt werden an Alkohol. Auf seinen Vorschlag hin, Kindern in der Schule einen vernünftigen Umgang mit Alkohol beizubringen, folgte Entrüstung, samt Story in der Bild-Zeitung.

"Wir müssen Trinkkultur entwickeln! In Italien ist es so, dass Jugendliche sehr früh von ihren Familien gezeigt kriegen, was ein relativ risikoarmer Alkoholkonsum wäre - integriert in Mahlzeiten, Familienfeste und so weiter. Hierzulande ist es so, dass wegen eines überzogenen Jugendschutzes jegliches Thematisieren von Alkohol und versuchsweise Trinken unter 16 als Verführung gilt, das Suchtgedächtnis auslöst oder sonst was. Ab 16 sind das autonome Kunden, die der Alkoholindustrie zum Fraß hingeworfen werden, und die das Trinken unbeaufsichtigt untereinander lernen. Und dann lernen sie halt Scheiß'. Das ist die gestörte Trinkkultur. Wenn wir das nicht wegkriegen, dann bleibt es auch so."

Die Entzugserscheinungen treiben aus dem Bett

Sandy Kühn, 43 Jahre, sehr viele Tattoos, auch an den Beinen, die seine Shorts frei gibt. Sandy ist zum zweiten Mal in der parkähnlichen Klinik am Gudelacksee. Er legt den Pfeil auf den Bogen, schießt. "Der wirkliche Effekt kommt auch oft, wenn man hier barfuß sitzt zum Beispiel, also dass man so in sich geht, das ist wie so eine Art Yoga, bloß mit Bogen."

Zehn Jahre hat er intensiv getrunken, sagt er, zu Hochzeiten eine Flasche Bourbon Whiskey am Tag.

"Man kann gar nicht mehr länger schlafen, weil der Körper sich dann schon meldet wegen dieser Entzugserscheinung. So um fünf Uhr, würde ich behaupten. Die anderen schlafen noch, da steht man heimlich auf, geht nach hinten. Dann macht man sich da seinen Drink. Den trinkt man und unmittelbar danach setzt dann auch ein ganz normaler Alltag ein. Man geht sich dann die Zähne putzen, die anderen stehen auf und man ist da einfach schon eine halbe Stunde eher wach gewesen."

Das schlechte Gewissen nach dem Rückfall

Nach vier Jahren Abstinenz, nach Scheidung, neuer Wohnung, neuer Arbeit, wurde ihm vor ein paar Monaten eine Flasche Havana Rum zum Feierabend zum Verhängnis.

"Ich habe an dem Tag zwei Gläser getrunken, hatte meinen Schwips, der war auch gar nicht schön. Man hat da keinen Spaß dran, sondern man hat echt ein schlechtes Gewissen, das lässt das irgendwie gar nicht zu, dass es irgendwie schön ist für einen. Und danach habe ich über's ganze Wochenende nichts mehr angerührt. Am Montag allerdings bin ich von der Arbeit gekommen und da war halt leider - ich hätte den Rest wegkippen sollen - noch die Flasche im Kühlschrank, die angebrochene. Naja, und da ist man dann wieder rangegangen. Und danach war es wie eine Spirale, ging immer schneller."

Ihm war klar, er will wieder in die Klinik zur Langzeitreha. Und diesmal ist sein Ziel, länger abstinent zu bleiben. Für sich – und für seinen kleinen Sohn. Zwölf Wochen verbringt Sandy hier mit individuell angepassten Gesprächen, Vorträgen, Trainings.

"Genusstraining zum Beispiel, also wieder Sachen genießen zu können - gerade nach seelischem Schmerz, dass man halt alles wieder schön findet, wenn hier so ein Eichhörnchen angetippelt kommt, wo man vorher keine Zeit oder mit sich zu tun hatte, ja. Man ist hier mit Leuten unter sich, die ähnliche, gleiche Probleme haben, wo man auch sehr schön sehen kann, es ist halt nicht der typische Netto-Asi, der immer der Alkoholiker immer, sondern es sind Leute wie Du und ich, ich sag' mal, ganz normal aus dem Leben, die einfach... Ja, der eine hat's mit dem Alkohol, der andere irgendwie nicht. Aber trinken tun wir in der Gesellschaft überall sehr viel und auch so ziemlich zu jedem Anlass."

Rückfälle sind Teil der Krankheit, rund die Hälfte greifen nach dem Entzug wieder zum Alkohol. Eine Langzeittherapie kann das Risiko senken. Viele schaffen es aber nie in eine Abstinenz. Sandy Kühn ist einen wesentlichen Schritt längst gegangen. Er hat sich seine Alkoholsucht eingestanden.

"Ist es in den letzten zwölf Monaten passiert, dass Sie wegen des Trinkens Erwartungen, die man normalerweise an Sie hat, nicht mehr erfüllen konnten?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Nein! Bzw. ein Gläschen Bier spüre ich schon am nächsten Tag und bin dann müde und schlapp. Das beeinflusst natürlich den Alltag.

Die Selbsthilfegruppe hilft beim abstinent bleiben

Dietmar Heyn sitzt am Empfang der Suchtberatung Marzahn-Hellersdorf – vorher war er Logistikfacharbeiter, Fuhrpark-, und Lagerleiter, Transportunternehmer, hatte eine ABM-Stelle in einem Space Club für Jugendliche, war Technik- und Marketingleiter.

Sein Berufsleben ist – auch aufgrund der Wende - geprägt von Veränderungen und Neustarts. Dass er immer wieder neu anfangen musste, habe ihm geholfen, die Alkoholsucht zu durchbrechen, sagt er. Jetzt nimmt Dietmar hier ein paar Stunden in der Woche Gespräche an, vergibt Termine. Sein Vorteil: Er kennt die Probleme derer, die hier anrufen – Abhängige, Angehörige.

Heute trifft sich im Nachbarhaus eine Selbsthilfegruppe, für Dietmar mit das Wichtigste, um langfristig abstinent zu bleiben.

"Zuerst habe ich mir unter einer Selbsthilfegruppe was völlig anderes vorgestellt. Man kannte das ja aus amerikanischen Filmen. Man kommt da rein, 'Hallo, ich bin Dietmar' - und dann sagt die ganze Gruppe 'Hallo Dietmar'. Nein, das war überhaupt nicht so, diese lockere Atmosphäre und es ging nicht nur um diese Suchtthema Alkohol. Sondern das ging so um Sachen, die jeden betreffen, was man für persönliche Probleme hat und wichtig ist. Ich wusste von vornherein: Alles, was in der Gruppe besprochen wird, bleibt auch in dem Raum. Das wird also nicht nach außen getragen."

Eine Lobby für Alkoholiker fehlt

Heute ist es nicht seine, sondern die Gruppe seiner zweiten Frau, die sich trifft. Sie ist ebenfalls trockene Alkoholikern. Sie haben sich in der Selbsthilfe kennengelernt. Ich darf hospitieren, dabei sein, zuhören, Fragen stellen. Voraussetzung: Das Mikro bleibt aus.

Besonders Feiertage und Geburtstage, lerne ich hier, sind große Fallen für trockene Alkoholiker. Was fehlt ist oft das Verständnis für ihre Situation. Und das Wissen, dass Alkoholsucht eine Krankheit ist, nichts, was man von heute auf morgen abstellen kann. Die Männer und Frauen erzählen von ihren eigenen Geburtstagen, wenn die Gäste nicht auf Alkohol verzichten wollen, von Situationen, in denen sie als Spielverderber gelten, weil sie nicht mehr mittrinken.

Was fehlt, sagen sie, ist eine Lobby für Alkoholiker. Und informierte Angehörige. Denn die können viel falsch machen, mit kränkenden Kommentaren, überzogenen Forderungen. Sich in dieser Gruppe hier immer wieder zu vergewissern, wie tief man einmal gesunken ist, helfe ihnen, stark zu sein, sagen sie. Auch weil sie sich nie sicher sein können, nicht doch rückfällig zu werden.

"Kam es in den letzten 12 Monaten vor, dass Sie am Morgen ein alkoholisches Getränk brauchten, um sich nach einem Abend mit viel Alkoholgenuss wieder fit zu fühlen?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Nein. Noch nie. Konterbier und so? Nein.

"Alkohol ist nicht gut für uns, wissen wir eigentlich alle"

1 Euro 80 kostet das Wasser, das ich in einer Berliner Eckkneipe bestelle. Das kleine Bier, das vor Chrille steht, 1,50. Chrille ist 40, hat seine Arbeitskleider noch an, er ist Maler und Lackierer, sagt er. Jeden Tag ist er hier. Seit gut 20 Jahren, rechnet er mir vor.

"Wenn ich mir meine Kiste Bier mit nach Hause hole, mir da oben eine Druckbetankung gebe, dann bringt mir das auch nichts, dann sitze ich doch lieber in der Kneipe oder in der Gastronomie oder sonst wo oder im Spätkauf und trinke lieber da mein Bier und kann mich wenigstens noch mit irgendwelchen Menschen unterhalten. Ansonsten, wie sagt man so schön, ansonsten vegetiert man so vor sich hin und irgendwann ist gar nichts mehr."

Er trinkt nur abends, zum Feierabend. Also eigentlich, sagt er. Vielleicht auch mal vorher aus Langeweile, wenn er Zeit oder Urlaub hat. Jetzt sitzt er mit vier, fünf Männern in der Kneipe, davon einer alleine am Tresen, einer am Spielautomaten.

Chrille weiß, dass er zu viel trinkt, redet selbst von Sucht: "Alkohol, wissen wir alle, ist nicht gut für uns. Das wissen wir eigentlich alle, aber wir verstecken uns dahinter."

Der Mann am Tresen gibt Chrille noch einen aus. Das letzte Bier für heute.

"Hatten Sie während der letzten 12 Monate wegen Ihrer Trinkgewohnheiten Schuldgefühle oder Gewissensbisse?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Ja, wenn ich zu schlapp war am nächsten Tag, obwohl ich wirklich nicht viel getrunken habe.

Die starke Lobby der deutschen Alkoholindustrie

Überall werden Menschen in Deutschland rund um die Uhr mit Alkohol konfrontiert, in der Werbung, im Supermarkt. In Berlin ist das Wegbier fester Bestandteil. Auch in der U-Bahn wird getrunken. Nur der übermäßige Alkoholgenuss ist laut Hausordnung der Verkehrsbetriebe verboten.

Andere Länder sind da viel weiter: Russland hat die Wodkapreise erhöht, in Schweden darf Alkohol erst mit 20 gekauft werden, in Schottland gelten Mindestpreise, in Frankreich stehen deutliche Warnhinweise auf den Flaschen – ähnlich wie bei uns auf Zigarettenpackungen. Doch die deutsche Alkoholindustrie hat eine starke Lobby, ganz anders als die Süchtigen. Da kann auch noch so gut gemeinte Aufklärung nicht viel erreichen.

"Kam es während der letzten 12 Monate vor, dass Sie sich nicht mehr an den vorangegangenen Abend erinnern konnten, weil Sie getrunken hatten?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Filmriss? Nein. Das ist sehr, sehr lange her. Ein paar Jahre.

Regelmäßig Sport kann helfen

Dietmar Heyn macht sich warm – im Fitnessstudio. Selbst hier, zwischen Hanteln und Yogamatte werden an der Bar mehr alkoholische Getränke angeboten als alkoholfreie. Dietmar bleibt bei seinem Wasser. In seiner Jugend war er Leistungsschwimmer – sportlich war er immer, sagt er – spielte Fußball, Volleyball. Mit dem Alkohol vernachlässigte er dann nicht nur sich, sondern auch den Sport, wurde schlapp, zum Hungerhaken. Was man nicht isst, trinkt man, sagt Dietmar.

"Die Gesundheit, das allgemeine Wohlbefinden, wenn man alkoholkrank ist, ist am Boden, auf Deutsch gesagt. Und wenn dann auch die inneren Organe noch mit angegriffen werden, dann sagt man, ist man schon auf der Endgeraden."

Seit zweieinhalb Jahren ist Sport wieder Teil seines Lebens. Dietmar leitet eine Tischtennisgruppe für Abstinente in Marzahn, jeden Dienstag an zwei Platten. Dietmars T-Shirt leuchtet neonfarben, sein Aufschlag ist hart, trotz leichtem Bäuchlein. Genau wie bei seinem Gegner. "Live the Moment" steht auf dessen T-Shirt – Lebe im Augenblick.

"Der wichtige Punkt ist, regelmäßig Sport treiben. Also Bewegung haben, was für den Körper tun und immer einen festen Termin in der Woche haben. Und das ist gerade für viele, die, ich sag mal, frisch kommen, sehr wichtig, dass die in ihren Tagesablauf ein bisschen Struktur kriegen. Da ist so ein Termin nicht schlecht."

"Hat in den letzten 12 Monaten ein Verwandter, Freund oder auch ein Arzt schon einmal Bedenken wegen Ihres Trinkverhaltens geäußert oder vorgeschlagen, dass Sie Ihren Alkoholkonsum einschränken?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Nein, war nie Thema. Beziehungsweise eher früher, zu Studienzeiten. Da habe ich es hin und wieder übertrieben.

Die Verharmlosung des Alkoholkonsums im Alltag

Maren steckt sich eine Zigarette an. Das Rauchen will sie sich auch abgewöhnen, später. Ihre Priorität jetzt: Ihr Leben wieder in den Griff kriegen, abstinent bleiben. Aus Sachsen zog sie deshalb vor einem Jahr zurück nach Berlin. Weil hier ihre Mutter und ihre Schwester wohnen - ihre beiden großen Stützen. Maren ist Zahnarzthelferin, arbeitet im Schichtdienst. Dazu ihre Kinder, ihre Selbsthilfegruppen und Therapien. Ohne die Hilfe ihre Familie würde sie das nicht schaffen, sagt sie.

"Schwierig finde ich die Momente, wenn man nach der Arbeit nach Hause kommt, auf dem Balkon sitzt, noch so ein schöner lauer Sommerabend und so denkt: 'Ohja, so´n Cocktail oder ein Glas Wein wär' jetzt nicht schlecht.' Aber dann koche ich mir einen Tee oder einen Kaffee oder mache mir irgendeine Limo, und dann geht es schon."

Wenn jemand neben ihr Alkohol trinkt, dann stört es sie nicht, sagt sie, aber sie ärgert sich über rosafarbene Schnapsflaschen in der Werbung, über Flachmänner an der Kasse, direkt neben den Süßigkeiten für Kinder – über diese Verharmlosung des Alkoholkonsums.

"Haben Sie während der letzten 12 Monate sich oder eine andere Person unter Alkoholeinfluss verletzt?" (Selbsttest "Alkohol - Kenn Dein Limit")

Nein. Wobei ich im angetrunkenen Zustand bestimmt schon mal eine gewisse Aggressivität an den Tag gelegt habe.

So, ich warte auf mein Testergebnis. Im Vergleich mit vielen anderen in meinem Umfeld, trinke ich eher wenig - schätze ich. Und dann das:

"Ihr Testergebnis zeigt an, dass zumindest eine Ihrer Antworten im orangefarbenen Bereich liegt. Nach Ihren Angaben im Test ist es wahrscheinlich, dass Alkohol bereits zu viel Raum in Ihrem Leben einnimmt. Vielleicht ist der Konsum von Alkohol für Sie oft die einzige Möglichkeit, auf belastende Situationen und schmerzliche Gefühle zu reagieren und wenigstens für ein paar Stunden Entlastung und Entspannung zu finden. Doch vermutlich haben Sie bereits auch erlebt, dass Alkohol keines Ihrer Probleme löst, sondern jedes einzelne noch vergrößert und neue verursacht. Sie sollten deshalb unbedingt weniger Alkohol trinken."

Oha.

Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Stärke

Dietmar ist seit 10 Jahren trocken, Sandy hat seine zweite Langzeitreha gerade hinter sich, Marens Tochter vertraut ihrer Mutter langsam wieder. Ich habe jetzt eine leichte Ahnung davon, wieviel Ehrgeiz, Durchhaltevermögen und Stärke es braucht, sich seine Alkoholkrankheit einzugestehen und sie bekämpfen zu wollen.

Und obwohl Dietmar einen so gefestigten und geerdeten Eindruck bei mir hinterlassen hat, sagt er, selbst er sei sich nicht zu 100 Prozent sicher, dass er trocken bleiben wird. Mit seiner Frau an seiner Seite, stehen die Chancen aber immerhin nicht schlecht. Dass sie das gleiche Schicksal teilen, vielleicht ist es hier gar von Vorteil:

"Wir stützen uns gegenseitig. Und ich habe zu ihr auch gesagt, weil sie gesagt hat, man kann ja nie 'nie' sagen, selbst nach zehn Jahren: Selbst wenn dir mal im schlimmsten Falle sowas passieren würde, ich wäre für dich da - und andersrum weiß ich das genauso. Und da würde keiner den anderen verurteilen. Andersrum stützen wir uns natürlich auch in unserer Abstinenz, muss ich sagen."

Mitwirkende dieses Features:

Autorin: Christina Rubarth
Regie: Cordula Dickmeiß
Ton: Martin Eichberg
Redaktion: Carsten Burtke
Produktion: Deutschlandfunk Kultur, 2019

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