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Tonart | Beitrag vom 18.07.2019

"Algo Ritmos" von Kevin Johansen Amerikanische Musikstile in fröhlicher Allianz

Von Katrin Wilke

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31. August 2012 - Caracas, Venezuela - Konzert des argentinischen Singer-Songwriters Kevin Johansen im Banca Cultural Center von BOD-Corp. (imago stock&people)
Steht seit neun Alben und mehreren Jahrzehnten auf der Bühne: Der argentinische Singer-Songwriter Kevin Johansen (imago stock&people)

Der US-argentinische Singer-Songwriter Kevin Johansen wuchs zwischen vielen Kulturen und mit vielen Sprachen auf, und seine Musik spiegelt diese Vielfalt wider. Mittlerweile lebt er in Argentinien und hat nun sein neuntes Album "Algo Ritmos" draußen.

"Noche Ideal" – eine fast altmodisch anmutende Popballade und eins der 13 Lieder aus Kevin Johansens neuem, nunmehr neunten Album. Die dem Titel nach, "ideale Nacht" vergeht mit oberflächlichem Party-Smalltalk. Selbst wenn es später eine Art Liebeslied zu werden scheint und es – wie fast immer bei dem US-argentinischen Singer-Songwriter – leichtfüßig daherkommt. In seinen Liedern lässt er sich und uns mit all unseren Brüchen und Ambivalenzen letztlich nie wirklich "ideal" aussehen.

Das Doppel- bis Mehrdeutige ist ja praktisch auch schon in der DNA eines mindestens zwischen zwei Welten aufgewachsenen und lebenslang pendelnden Menschen. Kevin Andrew Johansen, so sein voller Name, erblickte 1964 in Alaska das Licht der Welt. Der Vater US-Amerikaner, die Mutter aus Argentinien und offenbar daran "schuld", dass ihr Sohn schon sehr früh die Zahlen weitaus weniger liebte als die Worte. Sein sprachspielerischer Witz ist aus seiner Musik nicht wegzudenken.

"Ich denke, es hat auch viel zu tun mit den zwei Kulturen. Allein die Existenz zweier Sprachen veranlasst zum Wortspiel. Noch dazu sprach meine polyglotte Mutter sieben Sprachen wie Französisch, Deutsch, Italienisch – all die europäischen Sprachen gefielen meiner Mutter. Stark diese Präsenz einer Person, die gerne Sprachen studierte", sagt der Musiker.

Betrachtet augenzwinkernd die Hipsterszene Argentiniens

"Ich weiß nicht, ob ich rappe oder trappe. ob ich hässlich oder schön bin. Ehrlich gesagt, ist es mir egal, solange es sich reimt und Sinn hat" heißt es hier in diesem lässig-sanften Rausschmeißer des Albums. Der 55-jährige betrachtet augenzwinkernd die urbane Hipsterszene Argentinien, wo er seit 2000 fest beheimatet ist, und bricht - einmal mehr - eine Lanze für die unperfekte, uneitle Schönheit. Seine sonore Basstimme lässt sich - mal singend, mal rappend - genüsslich davontragen auf den Rhythmen einer Cumbia. Ein quasi "panamerikanisches" Pflänzchen wie Kevin Johansen selber...

"Was mir an der Cumbia als Genre gefällt, ist, dass sie 'präkolumbinisch' ist, also auf die Zeiten vor Kolumbus zurückgeht. Das finde ich interessant, dass da zuerst das Indianische war, das sich dann mit dem Afrikanischen und mit dem Mestizischen und dem Kreolischen gekreuzt hat. Und daraus gingen verschiedene Cumbia-Typen hervor. Ich sage immer: Du hörst die Cumbia von Alaska bis Chile und Argentinien, überall. Die nordamerikanischen Indianer auch... Das ist auch Cumbia (lacht)."

Johansen singt mal Englisch, mal Spanisch, mal Brasilianisch

Der Titel des neuen Albums "Algo Ritmos" verweist wortspielerisch auf den rhythmischen, musikalischen Reichtum beider Amerikas. Aus dem schöpfen seine, mal auf Englisch, mal auf Spanisch, auch mal in brasilianischem Portugiesisch verfassten Folk-Popsongs. Neben Cumbia findet sich bei dem Sänger und Gitarristen natürlich der Tango des Mutterlandes, eine mexikanische Ranchera, ein Bolero, aber auch der Esprit des französischen Chansons. Alles in hemmungslos-fröhlicher, eigenwilliger Allianz mit der Musik seiner US-Sozialisation – Rock, Jazz oder Country. Diesen eklektischen Wagemut erlernte Kevin Johansen Ende der 1990er während seiner zehn New Yorker Jahre, ausgerechnet im legendären CBGB-Club in Manhattan.

"Ich fand mit CBGB's einen Ort, dessen Chef The Ramones, Talking Heads, Blondie entdeckt hatte – die Punk-Szene – und an dem ich mich fokussieren und erste Auftrittspraxis bekommen konnte. Ein Live-Gefühl mit dem Publikum. Man konnte dort auch Liveaufnahmen machen. Ein sehr schöner Prozess für mich. Ich nannte Hilly Kristal, den Chef vom CBGB's, immer liebevoll meinen 'Mentor Tormentor' – wortspielerisch für 'Folter-Mentor' (lacht). Denn er meinte immer: Los, komm – mische doch deine zwei Kulturen, hab keine Vorurteile! Entspann dich! – Das war sehr wichtig!"

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