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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.07.2018

Alexander von Humboldt / Ottmar Ette (Hrsg.): "Das Buch der Begegnungen" Amerika vor 200 Jahren entdecken

Von Susanne Billig

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Cover "Das Buch der Begegnungen" von Alexander von Humboldt / im Hintergrund ein Bild Humboldts in seinem Bilbiothekszimmer (Random House / picture alliance/akg-images / Collage: Deutschlandradio)
Humboldt hat seine Beobachtungen in seinen Reisetagebüchern genau festgehalten. (Random House / picture alliance/akg-images / Collage: Deutschlandradio)

Seine unbändige Neugier hat Alexander von Humboldt zum Weltenentdecker gemacht. Die Eindrücke seiner Amerika-Reise lassen sich nun im "Buch der Begegnungen" nacherleben - eine gelungene Auswahl von Humboldts Aufzeichnungen, sagt unsere Rezensentin.

Begegnungen mit Sklaven. Immer wieder. Frauen, die all ihre Kräfte aufbieten, um sich von ihren Peinigern loszureißen und zu ihren geraubten Kindern zu gelangen. Junge Männer, auf Märkten feilgeboten, die Haut mit glänzendem Kokosöl eingerieben, damit das Spiel der Muskeln, die auszubeutende Arbeitskraft, besser zur Geltung kommt.

Aufzeichungen eines präzisen Beobachters

"Alexander von Humboldt – Das Buch der Begegnungen" nennt Ottmar Ette seine überaus gelungene Auswahl an Aufzeichnungen aus den amerikanischen Reisetagebüchern des berühmten Naturforschers. Vom Manesse Verlag bibliophil präsentiert mit Leineneinband, Lesebändchen, pergamentartigem hochwertigen Papier und farbig abgesetzten Randbemerkungen, zeigt diese Zusammenstellungen Humboldt als begabten Schriftsteller, präzisen Beobachter sozialer Situationen und Meister der treffsicheren Charakterdarstellung. In wenigen Sätzen gelingt es dem Welterkunder, all die Matrosen und Kapitäne, Söldner und Kommandanten, Missionare, Bergarbeiter und Indianer zum Leben zu erwecken, die auf der fünfjährigen Reise seine Wege kreuzen.

Kreuz und quer...

Die Aufzeichnungen lassen aber auch die ungeheure Bandbreite der wissenschaftlichen Disziplinen erahnen, mit denen Humboldt sich auseinandersetzte, wenn er sie nicht sogar begründete – von der Alt-Amerikanistik über die Pflanzengeographie und Gesteinskunde bis hin zur Kunst- und Kulturgeschichte. Mit einem Kunstgriff macht es der führende Humboldt-Experte Ottmar Ette zudem möglich, sich dem Buch auf ganz verschiedene Weise zu nähern: Einmal lässt es sich linear lesen, denn die Auswahl folgt der Chronologie der originalen Tagebücher und fächert die Südamerikareise auf vom ersten Fernweh Humboldts über all die Umwege, Abenteuer und Forschungsunterfangen unterwegs bis zu seiner Auseinandersetzung mit dem Tod angesichts der schweren See, in die er auf der Heimreise geriet.

... auf Humboldts Pfaden

Das Buch kann aber auch, je nach Neugier und Interessenlage, quer gelesen werden, denn es bietet neben dem normalen Inhaltsverzeichnis auch einen "Leseparcours" an: Ottmar Ette teilt die Tagebuchaufzeichnungen verschiedenen Themengebieten zu, so dass sich alle Einträge etwa über "Reisegefährten", "Bergbesteigungen", "Männer und Frauen", "Religion und Mythen", "Zivilisation und Barbarei" in der Zusammenschau lesen lassen – eine wunderbare Idee, die nicht nur dem vernetzten Denken Humboldts Rechnung trägt, sondern auch zeigt, wie sich während der langen Reise Umbrüche und Verschiebungen in dessen Denken ereignen.

Kritik an der Sklavenhaltung

Die Sklavenhaltung, so erkennt man auf diese Weise deutlich, wird Humboldt immer widerwärtiger. Seine seitenlangen hautnahen Beschreibungen der Grausamkeiten, mit denen völlig verrohte christliche Mönche die indigene Bevölkerung drangsalieren, prügeln und massenhaft ermorden, gehören, so schwer sie sich ertragen lassen, ohne Zweifel zu den literarischen Höhepunkten dieses Buches. Wer nicht zu begegnen weiß, wie Humboldt es vermochte – neugierig, offen, vorurteilsfrei – wird in der Ferne das eigene Elend nur wieder aufs Neue gebären.

Alexander von Humboldt: "Das Buch der Begegnungen. Menschen – Kulturen – Geschichten aus den Amerikanischen Reisetagebüchern"
Herausgegeben von Ottmar Ette
Manesse Verlag, München 2018
416 Seiten, 45 Euro

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