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Buchkritik | Beitrag vom 03.04.2018

Alexander Schimmelbusch: "Hochdeutschland"Satire und Pamphlet über die Finanzindustrie

Von Felix Florian Weyh

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Das Buchcover von Alexander Schimmelbusch - "Hochdeutschland" vor einem Wald im Nebel. (Unsplash/Daniel H. Tong / Klett-Cotta)
In "Hochdeutschland" nimmt Alexander Schimmelbusch die Finanzindustrie in den Blick. (Unsplash/Daniel H. Tong / Klett-Cotta)

Ein Investmentbanker ist angewidert vom eigenen Erfolg und beschließt, den chancenlose und gescheiterte Kreaturen ihren Reichtum zurückgeben. Alexander Schimmelbuschs Roman "Hochdeutschland" mischt Gesellschaftssatire und politisches Pamphlet.

Victor befindet sich mit 39 im "Rentenalter für Investmentbanker", verdient aber als Bankteilhaber immer noch 30 Millionen im Jahr. Er besitzt 102 Wohnungen und beutet emotionslos seine als "Häftlinge" betrachteten Untergebenen aus. Gewissensbisse? Keine. Schließlich hat Victor selbst jahrelang bis zum Kollaps auf dem "Galeerendeck" geschuftet. Unmoralisch findet er weder seinen Zynismus, noch die Geschäfte, die ihm ein Leben in der Oberschicht bescheren. Beim Banking gilt der "strategische Vorteil der Abwesenheit irgendeiner Über­zeu­gung". Sprich: Moral ist als Handlungsfaktor irrelevant.

Was bleibt da psychisch? Der blasierte Ennui eines entleerten Menschen, den alles anekelt. Gefühle erfährt Victor nur im Umgang mit Victoria, seiner kleinen Toch­ter. Und weil er für sie ein Waffeleisen benötigt, verschlägt es ihn eines Tages in die Niederungen eines Elektronik-Discounters. Welch ein Schock! Denn dort laufen Menschen herum, die ganz anders sind als er: die Manövriermasse des Neoliberalismus, chancenlose und gescheiterte Kreaturen. Und Victor verspürt urplötzlich den Impuls, deren Los zu verbessern.

Reichtumsobergrenze

100 Seiten lang schreibt Alexander Schimmelbusch in "Hochdeutschland" an einer Gesellschaftssatire über die Finanzindustrie, dann wechselt er das Genre. Denn Victor muss seinen aufsteigenden Groll zu einem politischen Pamphlet zusammenfassen. Dessen Grundidee: die Obergrenze. Keine gegen Flüchtlinge allerdings, sondern eine gegen Reichtumsmaximierung: Wer mehr als 25 Million Euro als Vermögen besitzt, soll konfiskatorisch besteuert werden. Das Geld fließt dann in eine staatliche Fondsgesellschaft, die German Investment Authority (GINA).

In ebenso flammenden wie politisch schlichten Worten, die von der jungen Sahra Wagenknecht stammen könnten (aber ebenso gut ins Portfolio der AfD passen), fantasmagoriert der Investmentbanker die größte Umverteilungsaktion der deutschen Geschichte herbei – ein nationa­ler Fonds von internationaler Sprengkraft. Das ist Planwirtschaft 2.0, um die Globalisierung mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Sozialistisch? Nationalistisch? Oder einfach nur wie ehedem dominant, statt deutscher Panzer walzt deutsches Geld alles nieder?

Raum für politische Ideen

Umgesetzt wird das Konzept immerhin von einem türkischstämmigen Politiker, Victors altem Studienfreund Ali Osman. Der mit Döner reich gewordene Kreuzberger Ex-Grüne kandidiert auf einer eigenen Liste und erobert mit rechtslinken Schlagworten aus Victors Umverteilungspamphlet das Kanzleramt. Victor wird zum Chef der "Deutschland AG" und verfügt über 50 Billionen Investitionskapital. Deutschland ist wieder wer! Und Victor eine Art Oligarch.

15 Jahre später erliegt der Finanzrevolutionär einem Anschlag der libertären "Porsche Armee Fraktion" (PAF) - und der Leser fragt sich: "Bitte was habe ich da gelesen?" Einen gedanklichen Parforceritt. Belletristik bietet einen Raum, politische Ideen zu äußern, die man sich im politischen Raum nicht zu äußern trauen würde. Zunächst ist "Hochdeutschland" über weite Strecken Satire. Aber wie Rafael Seligmann in seiner Polit-Gro­tes­ke "Deutsch meschugge" dekliniert auch Alexander Schimmelbusch Möglichkeiten politischer Veränderungen durch populistische Verführung durch. Die Warnung davor und die Faszination davon liegen eng beieinander.

Braucht ein Mensch mehr als 25 Millionen Euro? Nein. Die Enteignung erscheint rational, doch was aus der Zueignung dieses Kapitals an neue Verfügungsherrscher entsteht, wird im angehängten Schlusskapitel kaum reflektiert. Die politische Provokation verpufft im literarischen Scherz.

Alexander Schimmelbusch: "Hochdeutschland"
Tropen Verlag, Köln 2018
214 Seiten, 20 Euro

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