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Buchkritik | Beitrag vom 20.02.2021

Alexander Kareno: "Auto halt!"Mit der Russenschaukel durch den Berliner Großstadtalltag

Von Michael Braun

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Zu sehen ist das Cover des Buches "Auto halt!" von Alexander Kareno. (Deutschlandradio / Die Andere Bibliothek)
Es ist ein Glücksgriff, dass nun rund hundert Jahre nach der Erstausgabe der "Aufzeichnungen eines Berliner Chauffeurs" diese neu ediert erscheinen. (Deutschlandradio / Die Andere Bibliothek)

Das Taxi wurde im Berlin der 20er zum magischen Vehikel. Der russische Emigrant Alexander Kareno hat 1929 seine Erfahrungen als Chauffeur aufgeschrieben. Sie sind eine Sittengeschichte der Metropole, die damals als zweite russische Hauptstadt galt.

In den turbulenten Jahren der Weimarer Republik verwandelte sich Berlin zu einem Zentrum der russischen Emigration. "Die Russen in Berlin", so schrieb damals der Literaturtheoretiker Viktor Schklowski, "ziehen ihre Kreise um die Gedächtniskirche wie Fliegen um den Kronleuchter".

Die Buslinie zum Kurfürstendamm nannte man "Russenschaukel". Einer unter den 300.000 Russen, die 1922 nach Berlin kamen, war Alexander Matankin, ein etwas zur Hochstapelei neigender Geisteswissenschaftler und Journalist.

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Zuerst ging er als angeblicher "Professor der Don-Universität" hausieren und arbeitet dann als Lehrer am russischen Gymnasium. Nach seiner Entlassung entschloss er sich 1926, seinen Lebensunterhalt als Taxichauffeur zu verdienen. Sein Taxi erwies sich bald als sehr besondere "Russenschaukel".

Auto erhöht Zikulation der Phantasien

In dieser Zeit verfasste er unter dem Pseudonym Alexander Kareno ein Bericht über seine Jahre als Fahrer. Dieser wurde zuerst als Fortsetzungsroman in der größten russischen Tageszeitung Berlins veröffentlicht und erschien dann 1929 in Buchform.

Man muss es nun einen Glücksgriff nennen, dass der Verlag Die Andere Bibliothek rund hundert Jahre nach der Erstausgabe der "Aufzeichnungen eines Berliner Chauffeurs" diese Ethnographie des Berliner Großstadtalltags neu ediert hat. Karenos Aufzeichnungen liefern eine schnörkellos erzählte Sittengeschichte der Metropole. In dieser hat sich durch das neue Verkehrsmittel Auto nicht nur die Mobilität der Stadtbewohner erhöht, sondern auch die Zirkulationsgeschwindigkeit ihrer Phantasien und Obsessionen potenziert.

Von liebeshungrigen Nachtschwärmern 

"Ein Chauffeur ist ein herrenloser Hund, den man auf die Straße geworfen hat", so markiert Kareno den prekären Status der Taxichauffeure, die bei äußerst dürftigen Erträgen am Tag und in der Nacht viele Stunden unterwegs sind. "Für die meisten", so bilanziert Kareno, "war die Autodroschke die letzte Zuflucht des Schiffbrüchigen". Viele Seiten seines Berichts widmet er den liebeshungrigen Nachtschwärmern auf ihrer Suche nach einem flüchtigen Lustgewinn.

Das Nachwort von Jekatherina Lebedewa und Natascha Timoschkowa bietet eine ebenso lehrreiche Lektüre wie die Impressionen des Taxichauffeurs selbst. Hier werden wir darüber aufgeklärt, wie aus dem lässigen Beobachter der Berliner Taxi-Rasanz nach Hitlers Machtergreifung ein übler Mitläufer des Naziregimes wurde. Alexander Karenos Aufzeichnungen aus dem Berlin der Zwanzigerjahre bleiben indes eine bedeutende Momentaufnahme aus einer Zeit, als Berlin noch "die zweite Hauptstadt Russlands" war.

Alexander Kareno: "Auto halt! Aufzeichnungen eines Berliner Chauffeurs"
Aus dem Russischen übersetzt von Arthur Luther
Mit Illustrationen von Astrid Nippoldt
Die Andere Bibliothek, Berlin 2021
308 Seiten, 44 Euro

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