Expertentum in der Politik

"Die Heilige Dreifaltigkeit der Pandemie"

05:50 Minuten
Christian Drosten (r-l), Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, Lothar Wieler, Präsident vom Robert Koch-Institut (RKI), und Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, äußern sich in der Bundespressekonferenz zur aktuellen Coronalage.
Virologe Christian Drosten, Lother Wieler vom Robert-Koch-Institut und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach treten wie ein Triumvirat aus Expertentum und Politik auf. Der Soziologe Alexander Bogner findet das ambivalent. © picture alliance / dpa / Kai Nietfeld
Alexander Bogner im Gespräch mit Ute Welty · 15.01.2022
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In der Krise wird der Ruf nach Experten laut, die der Politik die Richtung weisen sollen. Die Pandemie ist ein Beispiel. Der Soziologe Alexander Bogner warnt: Politiker sollten sich informieren, aber nicht "Demokratie durch Expertokratie" ersetzen.
Lothar Wieler, Christian Drosten und Karl Lauterbach sind derzeit die Gesichter der Pandemie. In der Bundespressekonferenz stellten sich der Chef des Robert Koch-Instituts, der Chefvirologe der Berliner Charité und der Bundesgesundheitsminister am Freitag wieder den Fragen der Journalisten. Geballte Corona-Expertise, denn auch der Minister ist ausgebildeter Mediziner und Gesundheitsökonom.
Der Soziologe Alexander Bogner findet die Botschaft, die dieses Bild von der „Heiligen Dreifaltigkeit der Pandemiebekämpfung“ sendet, jedoch ambivalent. Der Wissenschaftler, der am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der österreichischen Akademie der Wissenschaften forscht und ein Buch über den Einfluss von (zu viel) Expertentum auf die Demokratie geschrieben hat, sagt: „Auf der einen Seite freuen wir uns, dass die Politik zum Ausdruck bringt, dass sie der Wissenschaft folgt. Auf der anderen Seite entsteht der Eindruck: Politik und Wissenschaft sind sehr eng miteinander verkoppelt.“

Politik darf sich nicht von Experten steuern lassen

Für Bürger und Bürgerinnen, die der Politik wenig Vertrauen entgegenbrächten, entstehe so schnell der Eindruck: „Die stecken unter einer Decke.“ Wichtig sei es deshalb, daraufhin zu weisen: „Die Politik entscheidet, die Politik informiert sich durch Expertise. Aber die Politik wird nicht durch Expertise ferngesteuert. Es gibt auch kein Triumvirat, das aus Minister und Experten besteht.“

Alexander Bogner: "Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet"
Reclam, Ditzingen 2021
132 Seiten, 6 Euro

Bezogen auf Karl Lauterbach meint Bogner, es sei auf jeden Fall gut, wenn ein Minister über eine gewisse Expertise verfüge. Doch sei dies keine Voraussetzung dafür, um gute Politik zu machen. Dass eine Expertenregierung eine Zeit lang gut funktioniere, habe in Österreich die Interimskanzlerin Brigitte Bierlein 2019/2020 unter Beweis gestellt.

Nur die Klugen mitreden lassen? Nicht gut!

Jedoch bestehe gute Politik auch aus klugen Kompromissen und daraus, ein breites Meinungsspektrum in der Bevölkerung zu berücksichtigen, betont der Soziologe: „Demokratie statt Expertokratie!“
Politik dürfe nicht mit Wissenschaft verwechselt werden. Bogner distanziert sich hierbei von den Gedanken des US-Politikwissenschaftlers und Autors Jason Brennan, wonach nur die Klugen mitreden dürfen „und die Dummen ausgeschlossen werden müssen“.
(mkn)

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