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Buchkritik | Beitrag vom 11.02.2021

Alem Grabovac: "Das achte Kind"Eine Kindheit zwischen Schmorbraten und Gewalt

Von Ursula März

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Das Cover von Alem Grabovacs „Das achte Kind” vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund. (Hanser / Deutschlandradio)
Alem Grabovac, der wie seine Romanfigur 1974 als Sohn einer Kroatin und eines Bosniers geboren wurde, lebt als freier Autor und Journalist in Berlin. (Hanser / Deutschlandradio)

In "Das achte Kind" erzählt Alem Grabovac von einer zerrissenen Kindheit: Die Woche über bei deutschen Pflegeeltern, am Wochenende bei der Mutter, die als „Gastarbeiterin“ in einer Fabrik schuftet, wächst Alem in zwei Welten auf.

Mehr Zeitgeschichte kann sich in einer Figur kaum bündeln. Alem, der Icherzähler des Romans, der genauso heißt wie dessen Autor Alem Grabovac, verdankt die politische Beiladung seiner Biografie nicht zuletzt der Tatsache, dass er gleich drei Väter hat: seinen leiblichen Vater Emir, ein kroatischer Ganove, den er nicht kennengelernt hat.

Seinen deutschen Pflegevater Robert, Journalist bei einer Motorradzeitschrift, der noch Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches Hitler nachtrauert, Juden für alle Übel der Welt verantwortlich macht und in der schwäbischen Provinz ein tadellos reguliertes Familienleben führt.

Und Dusan, den Stiefvater. Er ist ein Säufer und cholerischer Schläger, mit dem sich Alems Mutter zusammentut. Ende der sechziger Jahre hat sie ihr Bergdorf im kroatischen Hinterland verlassen, um in Frankfurt in einer Schokoladenfabrik zu arbeiten.

Mit einer Lüge aufgewachsen

Sechs Wochen nach Alems Geburt 1974 trifft sie mit den Pflegeeltern Robert und Marianne ein Arrangement, das für viele "Gastarbeiter", wie sie damals hießen, der einzige Ausweg war: Von Montag bis Freitag lebt Alem bei der deutschen Familie. Die Wochenenden verbringt er bei der Mutter und dem Unhold Dusan.

Hier Schmorbraten mit Knödeln, Sonntagsausflüge, Naziverherrlichung, "Dalli, Dalli" im Fernsehen und Campingurlaube in Italien. Dort Ohnmacht, Tristesse, Enge und Gewalt.

Dazwischen ein Junge, dessen Herkunftsbedingungen zerrissener und komplexer kaum vorstellbar sind. Er ist das achte Kind neben den sieben leiblichen seiner Pflegeeltern, die sich liebevoll um ihn kümmern und nicht zuletzt seinen Bildungsaufstieg befördern.

Und er ist das Kind einer Frau, die ihn mit einer Lüge aufwachsen ließ. Sein Vater Emir starb nicht, wie sie behauptet hat, als er noch klein war. Er saß in einem jugoslawischen Gefängnis. Mit der Aufdeckung dieser Lüge beginnt die Erzählung und schlägt dann den Bogen in die Vergangenheit. Mit dem Besuch des erwachsenen Alem am Grab des Vaters endet sie.

Rückversicherung in der Realität

Alem Grabovac, der wie seine Romanfigur 1974 als Sohn einer Kroatin und eines Bosniers geboren wurde, lebt als freier Autor und Journalist in Berlin. Er dürfte geahnt haben, dass der Stoff seines Debüts "Das achte Kind" die Rückversicherung in der Realität benötigt, um dem Verdacht der Übertreibung, wenn nicht der Kolportage zu entgehen, und hat sie deshalb erkennbar als Autofiktion angelegt.

Eine gute und plausible Entscheidung, die der gesellschaftspolitischen Relevanz des wuchtigen Stoffes durchaus zugutekommt. Aktuelle Flucht- und Migrationsgeschichten gibt es mittlerweile zahlreich in der deutschen Literatur. Ihre Vorgeschichte aber, die der ersten Arbeitseinwanderer in die alte Bundesrepublik, ist keineswegs auserzählt. "Das achte Kind" füllt eine Lücke.

Grabovacs Erzählstimme ist die eines wertfreien Chronisten in eigener Sache. Frei von Polemik, Verurteilung und politischer Anklage. Der Leser soll sich selbst ein Bild machen aus dem Material, das der Roman im Stil eines Berichts vor ihm ausbreitet.

Ein wenig geht diese skrupulöse Zurückhaltung auf Kosten der erzählerischen und stilistischen Ausgestaltung. Ein wichtiges, auch spannendes Buch ist "Das achte Kind" gleichwohl.

Alem Grabovac: "Das achte Kind"
Hanserblau, München 2021
255 Seiten. 22 Euro

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