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Buchkritik | Beitrag vom 07.05.2021

Alec MacGillis: "Ausgeliefert"Wie Amazon die USA spaltet

Von Vera Linß

Das Buchcover "Ausgeliefert" von Alec MacGillis ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Deutschlandradio / Verlag S. Fischer)
"Ausgeliefert" von Alec MacGillis ist ein aufrüttelnder Bericht, der zuallererst die Politik mahnt, urteilt Vera Linß. (Deutschlandradio / Verlag S. Fischer)

Innerhalb eines Vierteljahrhunderts ist aus Amazon ein führender Tech-Konzern geworden. Wie dramatisch der Erfolg des Onlinehändlers den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den USA bedroht, schildert der Journalist Alec MacGillis in "Ausgeliefert".

Von Donald Trump hört man derzeit deutlich weniger als früher. Auch die Gründe für seinen Wahlerfolg 2017 sind nur noch selten ein Thema – jetzt, da Joe Biden im Weißen Haus regiert. Dabei geht die Spaltung des Landes, die Trump viele Wähler gebracht hat, weiter.

Bis 2030 werden 54 US-Städte und mehr als 2000 Landkreise wirtschaftlich abgehängt sein, prognostiziert das McKinsey Global Institute. 25 Metropolen dagegen werden boomen.

Folgen der ungebremsten Konzentration von Marktmacht

Schuld an dieser Ungleichheit ist die ungebremste Konzentration von Marktmacht, sagt der Investigativ-Journalist Alec MacGillis. Ganz vorn dabei: Amazon. Zehn Jahre lang hat der preisgekrönte Reporter verfolgt, wie der Tech-Gigant zu einem der umsatzstärksten Unternehmen der USA wurde.

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Sein Fazit: Amerika steht im Schatten des Handelsriesens. Denn der Service, den 2017 allein in den USA mehr als 80 Millionen regelmäßig nutzten, krempelt die amerikanische Wirtschaft radikal um.

In Seattle, Dayton, Washington D.C., Baltimore, Columbus – kurz: Überall dort, wo Amazon Büros, Lagerhallen und Rechenzentren eröffnet, ist das zu spüren.

Mit den Menschen vor Ort gesprochen 

Alec MacGillis ist dorthin gereist, hat mit dem einstigen Stahlarbeiter William Bodani gesprochen, der jetzt im Akkord Transportbänder mit Kundenbestellungen bestückt.

Er hat in El Paso Teresa Gandara getroffen, die sich mit ihrem Pencil Cup Shop gegen das Preisdumping des Onlinehändlers stemmt. Und er lässt Todd Swallows zu Wort kommen, der für zehn Dollar die Stunde Pappkartons zusammenbaut, die für den Versand von Waren dringend benötigt werden.

Die Zahlen dahinter: dramatisch. 76.000 Arbeitsplätze vernichtet Amazon jährlich im Einzelhandel, doppelt so viele, wie es selbst geschaffen hat, zitiert der Journalist den Wirtschaftsprofessor Scott Galloway.

Parallel wächst die Einkommensschere. In Seattle etwa, Hauptsitz des Unternehmens, erzielen 20 Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des Einkommens der Stadt.

Eine Menge an Fakten, die beeindruckt

Alec MacGillis liefert aber nicht nur eine beeindruckend umfangreiche Faktensammlung. Herausragend ist auch, dass er nicht die Digitalisierung als Schuldigen für die Fehlentwicklung ausmacht.

Vielmehr ist sie Ergebnis eines Geschäftsgebarens, das nur vorgibt, dem Gemeinwohl zu dienen. Unzählige ersparte Steuermillionen etwa hat Amazon hinter verschlossenen Türen aushandeln können, wie MacGillis akribisch auflistet.

Am verheerendsten aber sei, dass Politik und lokale Behörden dieses Spiel mitmachten. Aus Angst, im Standortwettbewerb leer auszugehen, aber auch ideologisch motiviert. Paradoxerweise galt Amazon 2018 bei Anhängern der Demokraten als die vertrauenswürdigste Institution der USA.

Extreme Ungleichheit ist "politisches Gift"

Etliche Mitarbeiter der Obama-Administration lobbyieren inzwischen für den Tech-Giganten. Viele Wähler der Demokraten sind zudem mit dem Aufstieg Amazons reich geworden. Extreme Ungleichheit sei wie "politisches Gift", so MacGillis´ Fazit. 

Und so mahnt sein aufrüttelnder Bericht, dass zuallererst die Politik aufwachen und ihren Umgang mit Amazon überdenken muss, weil sonst die Spaltung Amerikas auch unter Joe Biden fortschreitet.

Alec MacGillis: "Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon"
Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Schnettler und Bert Schröder
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021
448 Seiten, 26 Euro

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