Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 08.12.2019
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 26.11.2019

Albrecht von Lucke über die BauernprotesteIgnorante Abwehrhaltung bringt nichts

Moderation: Korbinian Frenzel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Viele Bauern stehen bei einer Protestaktion gegen das Agrarpaket der Bundesregierung auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor und halten Plakate mit der Aufschrift "Ideologie macht nicht satt" und "Bauern sind nicht die Prügelknaben der Nation, sondern Eure Ernährer!".  (picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)
Protest in Berlin: Bauern fühlen sich als "Prügelknaben der Nation". (picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa)

Tausende Bauern haben in Berlin gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung protestiert. Der Publizist Albrecht von Lucke findet: Bauern sollten nicht alle Umweltschutzmaßnahmen rundweg ablehnen. Er sieht sie aber auch als Leidtragende.

Bauern sind mit ihren Traktoren aus ganz Deutschland nach Berlin gekommen: Bei ihrer Demonstration buhten sie Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) aus. Albrecht von Lucke, Redakteur bei den "Blättern für deutsche und internationale Politik", verteidigt die neuen Richtlinien für mehr Umweltschutz:

"Es ist ja nicht grundlos, dass die Bundesregierung reagiert. Sie ist fast schon gezwungen, weil Brüssel gesagt hat: Die Nitratwerte sind so hoch, dass wir dort klar eine Düngeverordnung verschärfter Art brauchen. Das sind ganz klare Vorgaben."

Die Bauern sind nicht die neuen Gelbwesten

Allerdings seien die Bauern auch "Leidtragende einer Kultur", die seit Jahren immer weniger Geld für Lebensmittel ausgebe: "Da gilt es meines Erachtens aber von den Bauern, auch offener zu sein und neue Allianzen einzugehen und nicht diese zum Teil ignorante Abwehrhaltung einzunehmen, die man von manchen Verbänden lange kennt, die eigentlich nur sagt: Alles des Teufels!"

Albrecht von Lucke im Porträt (imago/Jürgen Heinrich)Der Publizist und Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke (imago/Jürgen Heinrich)

Dass die Bauern den Gelbwesten in Frankreich ähneln, glaubt von Lucke nicht. Die Gelbwesten hätten - bevor sie gewalttätig wurden - eine "enorme Sympathiewelle und Solidarisierung  in der Bevölkerung" vorgefunden.

Viele hätten den Protest gegen höhere Benzinpreise als berechtigt empfunden. "Das liegt hier meines Erachtens völlig anders", so der Politikwissenschaftler. Vor allem würden die Bauern nicht auf Verständnis stoßen, wenn sie die Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen rundweg ablehnten:

"Sie müssen sich dort mehr auf den Stand setzen und sich überlegen: Wie können wir strategisch unsere Interessen besser schützen, indem wir beispielsweise Lebensmittelpreise strukturell erhöhen?"

Der Publizist ist überzeugt, dass eine Kampagne gegen die Macht der Ketten und Discounter notwendig sei, um gegen den "ungeheuren Preisdruck" vorzugehen. Eine weitere Kampagne müsse den Menschen deutlich machen, weniger und dafür besseres Fleisch zu essen. "Da muss ein Bewusstseinswandel her", so von Lucke.

(bth)  

Das gesamte Gespräch mit Albrecht von Lucke hören Sie hier:


Der Imkermeister Thomas Radetzki, Vorsitzender der Aurelia-Stiftung, findet, dass die Bauern zu Recht sauer seien und sieht den Hauptgrund in einer verfehlten EU-Agrarpolitik. Seine Stiftung versuche, eine "Brücke zwischen Landwirtschaft und Umweltschutz zu bauen". Das Bienensterben und das Bauernsterben hätten eine gemeinsame Ursache: "Das ist die ständige Intensivierung, dass nur die Großen überleben." Das Gespräch mit Radetzki hören Sie hier:

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur