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Buchkritik | Beitrag vom 08.04.2020

Alberto Giuliani: "Im Wartezimmer der Unsterblichkeit"Fantastische Spekulationen über die Zukunft

Von Michael Lange

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Cover von Alberto Giulianis "Im Wartezimmer der Unsterblichkeit" vor Deutschlandfunk Kultur Hintergrund. (Kösel / Deutschlandradio)
Alberto Guilianis Beobachtungen bestechen durch ihre Genauigkeit, meint Kritiker Michael Lange. (Kösel / Deutschlandradio)

Der Italiener Alberto Guiliani ist ein preisgekrönter Reporter. Sein Buch „Im Wartezimmer der Unsterblichkeit“ beweist, warum: Detailreich und bildgewaltig erzählt er darin von ungewöhnlichen Menschen und ihren Zukunftsvisionen.

Nachdem ihm zwei Wahrsager einen frühen Tod vorhergesagt haben, macht sich der preisgekrönte Reporter Alberto Guiliani auf die Suche nach der Zukunft. Er trifft Astronauten, die virtuell zum Mars reisen, und Wissenschaftler, die durch Gentechnik oder Klonen den Tod überwinden wollen.

In einer bildhaften Sprache voller Symbole und mit vielen Details beschreibt Alberto Guiliani Orte und Menschen, die irgendwie mit der Zukunft zu tun haben.

Eine Reise in die Welt von morgen

Seine Weltreise beginnt in Hawaii, wo sechs junge Forscher isoliert in einer Art Marsstation auf einem einsamen Vulkan leben. Wie bei späteren Marsmissionen dürfen sie nur in Raumanzügen ihre Station verlassen. Giuliani interessiert sich besonders für den jungen Astrobiologen Damien und dessen Motivation für das Experiment.

Nach einigen Gesprächen bilanziert er: "Durch die Teilnahme am Experiment will Damien sich auf die Suche nach einer neuen Welt machen, weil er die alte nicht lieben kann."

Von Hawaii bis Südkorea

Seine Reise führt den Reporter auch in ein Klonlabor in Südkorea, eine Genbank in China oder in Bestattungsinstitute, die die Toten nicht begraben oder einäschern, sondern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft einfrieren.

Er schaut sich unterirdische Bunker an, in denen Millionäre sich so einrichten, dass sie abgeschottet von der Welt Atomkriege, Seuchen oder Klimakatastrophen überleben können, während draußen die Welt zugrunde geht. Natürlich gehören auch jede Menge Waffen zur Ausrüstung, um die Vorräte und den Luxus gegen die große Masse derer zu verteidigen, die nicht vorgesorgt haben.

Wunderbar bildreiche Beobachtungen

Alberto Guilianis Beobachtungen bestechen durch ihre Genauigkeit. Er beschreibt jede Einzelheit der Landschaft, der Einrichtung oder im Verhalten der Menschen. Ihnen gilt sein eigentliches Interesse. Immer wieder gelingt es ihm, ihre inneren Beweggründe aufzudecken. Dabei wird nicht immer klar, woher sein Wissen genau stammt.

Anscheinend weiß er Bescheid über ihre Kindheit, ihr Leben und ihre Beziehungen, auch wenn er nur wenige Stunden mit diesen Menschen verbracht hat. Möglicherweise verschwimmen hier aber auch Fantasie und Realität.

Die Wissenschaft hinter den dargestellten Zukunftsvisionen interessiert den ansonsten neugierigen Reporter wenig. Wissenschaftliche Möglichkeiten und fantastische Spekulationen kann und will er nicht auseinanderhalten.

Wo beginnt und endet Wissenschaft?

Er fragt nicht nach, wie realistisch die Auferstehung des Mammuts ist oder ob es in Nordkorea wirklich massenhaft geklonte Soldaten gibt. Wissenschaftliche Zukunftsvisionen oder Verschwörungstheorien stehen gleichberechtigt neben tatsächlichen Erkenntnissen.

Seine Schilderungen gleichen einem gemalten Bild, in dem die Landschaft ebenso zum Ausdruck kommt wie die Fantasie des Malers.

Die Freiheit beim Schreiben ermöglicht es dem italienischen Reporter, bildhaft die Motivation der Menschen zu beschreiben, denen die Zukunft wichtiger ist als die Gegenwart. Er berichtet auch über das Unsichtbare. Sein Buch ist zwar nicht immer sachlich korrekt, vermittelt aber intensive Eindrücke eines Suchenden. So verführt es zum Nachdenken über unseren Umgang mit der Zukunft und ist schon deshalb lesenswert.

Alberto Giuliani: "Im Wartezimmer der Unsterblichkeit. Ein Reisebericht aus der Welt von morgen"
Aus dem Italienischen übersetzt von Elisabeth Liebl
Kösel Verlag, München 2020
240 Seiten, 20 Euro

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