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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 25.11.2015

Albert EinsteinDer pietätlose Gehirn-Klau

Von Susanne Billig

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Albert Einstein (imago/United Archives)
Undatiertes Foto von Albert Einstein (imago/United Archives)

Albert Einstein hatte es wohl nicht gewollt. Nach seinem Tod 1955 entnahm der US-amerikanische Pathologe Thomas Harvey heimlich dessen Gehirn und verschickte kleine Würfel davon an Hirnspezialisten. Teile davon befinden sich heute in Medizin-Museen.

"Ich achte stets das Individuum und hege eine unüberwindliche Abneigung gegen Gewalt und gegen Vereinsmeierei. Aus allen diesen Motiven bin ich leidenschaftlicher Pazifist und Antimilitarist."

Albert Einstein war ein Mann mit vielen Interessen, der die Welt aus verschiedensten Perspektiven reflektierte. Seine Relativitätstheorie geriet so kompliziert, dass man sie Laien nur ganz einfach erklären kann: Die Erde verbiegt den Raum so stark, dass Newtons Apfel wie auf einem Gummituch quasi automatisch zu Boden gleitet, weshalb, nach einigen gedanklichen Zwischenschritten, ein Mensch in der obersten Etage des Empire State Buildings nach 80 Jahren eine zehntausendstel Sekunde älter ist als seine Zwillingsschwester im Erdgeschoss.

1955 starb der geniale Raumzeit-Entdecker in einem amerikanischen Krankenhaus. Sein Körper wurde verbrannt, die Asche an unbekanntem Ort verstreut. Etwas aber blieb zurück: Der Pathologe Thomas Harvey, zuständig für die Obduktion des Leichnams, sägte den Kopf des Atomphysikers heimlich auf, zog das Gehirn heraus und konservierte es. Im Nachhinein ließ er den pietätlosen Übergriff von der Familie des Toten absegnen – und begann zu forschen.

Zunächst fotografierte der Pathologe das Gehirn. Dann schnippelte er hunderte kleiner Würfelchen heraus, hobelte Gewebeschnitte ab und schickte sie an Hirnspezialisten überall in den USA. Sie sollten herausfinden, was Einsteins Gehirn so besonders machte. Doch lässt sich das überhaupt an äußeren Merkmalen erkennen? Für Professor Frank Heppner, Direktor des Instituts für Neuropathologie an der Berliner Charité, sind das

"althergebrachte Konzepte und es gibt vielerlei Evidenz, dass der Bessere, Klügere kein größeres oder schöneres Gehirn hat. Spontanes Beispiel: Ich glaube, wenn man den Fußballer Thomas Müller anschaut, würde man nicht denken, dass er einer der besten Fußballer auf dieser Welt ist. Und für das Hirn ist das eigentlich noch wesentlich ausgeprägter."

Dieser Meinung waren auch Harveys Zeitgenossen – sie konnten an den Gewebeproben nichts Besonderes finden.

Thomas Harvey musste erst einmal sein Leben sortieren. Wegen des Gehirn-Klaus verlor er seine Stelle, seine Ehe ging in die Brüche. In den nächsten Jahrzehnten zog das in Einweckgläsern platzierte Gehirn mit dem Arzt, der sich inzwischen als Farbrikarbeiter verdingte, von Bundesstaat zu Bundesstaat, mal unter Bierdosen in einer Kühlbox verstaut, mal im kühlen Keller seines Wohnhauses, mal beim Saufkumpan nebenan.

Eine Beule vom Geigeüben

Erst Jahrzehnte später erinnerte sich die Forschung wieder an Einsteins Gehirn. Eine Reihe von Wissenschaftlern schwatzte dem alternden Thomas Harvey Gewebebröckchen und Fotografien ab und meinte, überall Zeichen überragender kreativer Intelligenz zu finden: Zwar sei Einsteins Gehirn fünfzig Gramm leichter als das eines durchschnittlichen Mannes, dafür aber mit ausgeprägtem Vorderhirn ausgestattet, hieß es. Einige Forscher präsentierten einen um 15 Prozent verbreiterten Scheitel-, andere eine Asymmetrie der Schläfenlappen. Man fand eine Beule vom frühen Geigeüben im rechten motorischen Cortex und beide Hirnhälften überdurchschnittlich dicht miteinander verknüpft. Doch – hat das wirklich etwas zu bedeuten?

Hepper: "Hier gilt erneut, Stichwort Normvariante, dass es bei verschiedenen Individuen ganz andere Verschaltungen gibt und Ausprägungen, so dass die Bandbreite extrem groß ist, was wiederum ein Grund ist, warum wir letztlich keinen Rückschluss machen können, wenn wir nur ein Gehirn anschauen."

Entgegen populären Mythen der Hirnforschung ist Fachleuten längst bekannt, dass sich anspruchsvolle geistige Vorgänge gar nicht einzelnen Hirnregionen zuordnen lassen. Ebenso wenig sitzt das Gehirn als einsame Kommandozentrale oben im Kopf und erteilt Befehle wie ein preußischer Soldatenkönig.

"Wir reden heutzutage eigentlich eher über die Systemmedizin und unser neues Verständnis, nämlich dass alle Organe, insbesondere auch das Gehirn, mit dem Rest des Körpers kommunizieren, in engem Kontakt stehen – wo zum Beispiel das Immunsystem Einwirkungen auf das Gehirn hat. Und die Idee, dass um das Gehirn eine Mauer drum rum ist und das sozusagen ein separates Kompartiment ist, ist obsolet. Also da wissen wir inzwischen viel mehr und das ist auch wichtig für unser Grundverständnis für Medizin."

"Neuromythologie" nennen es Kritiker inzwischen, wenn manche Forscher oder Journalisten aus heutigen, noch immer bescheidenen hirnbiologischen Kenntnissen viel zu weitreichende Schlüsse ziehen. Dennoch publizieren selbst renommierte Fachmagazine unverdrossen immer neue Interpretationen der Einsteinschen Gehirnstrukturen. Auch der japanische Professor für Wissenschaftsgeschichte, Kenji Sugimoto, konnte ein Stückchen Hirnmasse ergattern. Er legte es in einen Pappbecher, betrat eine Karaoke-Bar, schwenkte den Becher in Händen und besang – auf YouTube ist es zu sehen – sein Idol.

Geld verdienen mit Einsteins Gehirn

Auch andernorts versuchen Forscher, der Großartigkeit ihrer Helden per Hirnschau auf die Spur zu kommen. So befinden sich Lenins graue Zellen längst in einem Aggregatzustand einunddreißigtausend feinster Scheibchen, zerteilt im extra gegründeten "Institut des Hirns" in Moskau. Einsteins Denkorgan fand seine letzte Unruhestätte in mehreren amerikanischen Medizin-Museen und weltweit lässt sich für zehn Dollar eine Einstein-Hirnfoto-App auf‘s iPad laden – der Erlös fließt an die Museen zurück.

Übrigens: Thomas Harvey schaffte auch Albert Einsteins Augen beiseite. Sie ruhen heute in einem Safe in New York City. 

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