Akustisches Kammerspiel um Liebe und Verrat

Rezensiert von Adelheid Wedel |
Die Erzählung "Das Jagdgewehr" machte den japanischen Schriftsteller Yasushi Inoue weltberühmt. Die 1949 entstandene Geschichte handelt von einer Dreierbeziehung, die alle Beteiligten in die Einsamkeit treibt. Einzig die psychologischen Vorgänge stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, was die Hörbuch-Version zu einem faszinierenden Kammerspiel macht.
"Ich habe hier drei Briefe liegen, die man mir geschickt hat."

Geheimnisvoll deutet die Stimme des Erzählers - gelesen von Christian Kracht - an, dass es sich um drei Briefe von außergewöhnlicher Wichtigkeit für den Empfänger handelt; es sind Briefe von drei Frauen, drei sehr unterschiedliche Abschiedsbriefe.

"Herr Misugi. Bei dieser förmlichen Anrede fühle ich, wie trotz meines Alters - ich bin zwar erst 33 - mein Herz laut vor Erregung pocht, als schriebe ich einen Liebesbrief. Ich habe in den vergangenen Jahren viele solcher Briefe verfasst. Doch wie war es nur möglich, dass nicht einer an Sie gerichtet war. ... Finden Sie das nicht auch seltsam?"

So beginnt der Brief der Ehefrau Midori, die Hannelore Elsner intensiv und mit viel Einfühlungsvermögen gestaltet. Sie legt in ihre Stimme den ganzen Charakter ihrer Protagonistin, einer begehrenswerten, sich ihrer Attraktivität bewussten Frau, die es aber hingenommen hat, dass ihr Mann sie von Beginn ihrer Ehe an mit einer anderen betrügt. Sie hat es ertragen, hat sich auf ihre Weise mit Affären gerächt - und war doch bei alldem einsam und unglücklich.

Auch die Tochter der Geliebten wendet sich mit ihrem Brief an den Onkel. Darin offenbart sie ihm, dass sie nun, nach dem Selbstmord ihrer Mutter, von der verbotenen Liebe aus deren Tagbüchern erfahren hat, ein Motiv, das an den amerikanischen Erfolgsfilm "Brücken überm Fluss" erinnert. Shoko ist abgrundtief enttäuscht:

"Meine Zunge ist wie gelähmt vor Schmerz. Wie hätte ich mir eine Liebe vorstellen können, die von der Sonne nicht beschienen wird. Eine Liebe, die irgendwoher irgendwohin fließt, tief in der Erde, ein unterirdischer Strom. Mama hat mich 13 Jahre lang getäuscht."

Mavie Hörbiger vermittelt mit ihrer Kunst, diesen Brief zu lesen, alle Gefühle, die diese junge Frau durchziehen: naiv, ungläubig zuerst, am Ende dazu entschlossen, den Onkel nie wieder zu sehen.

Am quälendsten geht die Geliebte, Saiko, mit sich selbst ins Gericht. Indem sie ihre wahren Beweggründe, ihr anderes Ich, in schonungsloser Suche nach den Ursachen für ihr Verhalten als letzte Liebestat aufschreibt, erlaubt sie dem Hörer einen tiefen Blick in die Vielschichtigkeit menschlicher Beweggründe.

"Was für ein wunderliches Ding ist doch ein letzter Brief: Obgleich das Leben, das dieser Brief enthält, nur 15 oder 20 Minuten wächst, ja trotzdem möchte ich Dir jetzt mein wahres Ich noch offenbaren. Es mag in diesem Augenblick entsetzlich klingen, aber ich habe mich Dir während all der Jahre nicht ein einziges Mal so gezeigt, wie ich wirklich bin. Nur das Ich, das Dir diesen Brief jetzt schreibt, ist mein wahres Ich. "

Die Schauspielerin Sandra Schwittau gestaltet Saiko herb, angefüllt mit lebenslanger Enttäuschung. Nur in der Erinnerung an schöne Momente wird die Stimmlage weicher.

Die drei Briefe, eingebettet in eine Rahmenhandlung, legen Schicht für Schicht die Zusammenhänge zwischen den vier Personen offen, ja sie sezieren sie und erlauben so eine Entdeckungsreise in die menschliche Seele. Inoue verwendet eine Sprache, die präzise formuliert und auch noch kleinsten Regungen genügend Raum gibt. So entsteht ein ruhiges Erzähltempo, das Platz für eigenes Nachsinnen schafft. Seine sprachlichen Bilder treffen genau die Stimmung.

"Weißt du, dass es außer den 30 Farben im Farbtuschkasten noch eine weitere, für Menschen sehr wohl sichtbare Farbe gibt, die der Traurigkeit?"

Bildstark die Phantasie der Ehefrau, die sich einen Geliebten wünscht:

"Ein solcher muss vor allem zwei Eigenschaften haben: einen reizvollen zitronenfrischen Nacken und klare männliche Linien an den Hüften wie eine Antilope."

Im Kontrast zu ihren Träumen zielt der Ehemann in einer Schlüsselszene mit seinem Jagdgewehr auf sie, nicht ahnend, dass Midori ihn im Spiegel dabei beobachtet.

Bestimmte Bilder und Details, die von allen drei Frauen, freilich aus unterschiedlicher Perspektive, erinnert werden - zum Beispiel der mit Disteln bedruckte verführerische Seidenkimono oder die Schlange als Synonym für die verborgene Seite des eigenen Ichs - führen in ein Labyrinth, dessen innerstem Kern man sich allmählich nähert. Letztlich ist es die Einsamkeit, die uns Inoue in vielen Varianten nahe bringt und die sich Schritt für Schritt mit unwiderruflicher Konsequenz für alle Beteiligten vollzieht

"Als ich diese drei an Misugi gerichteten Briefe gelesen hatte, war es schon Nacht geworden. Ich nahm aus der Schublade Misugis Brief heraus und überflog ihn noch einmal. Ich fühlte eine unerträgliche Dunkelheit in seiner einsamen und hübschen Handschrift. Mit Saikos Worten könnte ich sie vielleicht die Schlange nennen, die in ihm haust."


Yasushi Inoue: Das Jagdgewehr
erschienen bei Kein & Aber Records
2 CDs, Spieldauer 124 Minuten
Preis: 19.90 €
Der zugrunde liegende Roman wurde übersetzt von Oscar Benl