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Fazit | Beitrag vom 03.08.2021

Aktivist Witali Schischow tot aufgefundenWie sicher sind belarusische Oppositionelle im Ausland?

Florian Kellermann im Gespräch mit Gabi Wuttke

Aktivistinnen und Aktivisten in Kiew (Ukraine) halten zum Gedenken Porträts des belarussischen Oppositionellen Witali Schischow in der Hand. Er wurde erhängt in einem Park gefunden, nicht weit von seinem Zuhause entfernt. (imago images / ZUMA Wire)
Aktivisten in Kiew gedenken des belarusischen Oppositionellen Witali Schischow. Er wurde erhängt in einem Park gefunden, nicht weit von seinem Zuhause entfernt. (imago images / ZUMA Wire)

Der belarusische Oppositionelle Witali Schischow wurde tot in Kiew aufgefunden. Die Polizei geht von Mord aus. Präsident Lukaschenko habe ein Exempel an Kritikerinnen im Ausland statuieren wollen, sagt Korrespondent Florian Kellermann.

Erhängt an einen Baum im Park – so wurde der Demokratieaktivist und Oppositionelle Witali Schischow im ukrainischen Kiew aufgefunden. Die Polizei geht von Mord aus.

"Ich würde vermuten, dass es sich hier tatsächlich um ein Gewaltverbrechen handelt", sagt Florian Kellermann, Korrespondent für Belarus und die Ukraine. Er glaube, es handele sich dabei um einen fingierten Suizid, "hinter dem in Wahrheit Mord steckt". Sicher kann er es noch nicht sagen. Die ukrainische Staatsanwaltschaft verfolge beide Versionen: Mord oder Suizid.

Familie unter Druck gesetzt

"Es ist ein schwerer Schlag für die belarusische Diaspora in der Ukraine", sagt der Journalist. Schischow habe in Kiew das Belarusische Haus gegründet, das vielen Immigranten geholfen habe, vor allem vielen Oppositionellen. "Dass er eine relativ wichtige Figur war, stärkt natürlich die These, dass man ihn aus dem Weg räumen wollte."

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Mit Blick auf die erzwungene Landung im Fall Protasevich sei sichtbar, dass Lukaschenko "zu einigem Aufwand" bereit sei, um Kritikern, die sich nicht im eigenen Land befinden, habhaft zu werden.

So habe die Olympionikin Kristina Timanowskaya gesagt, nachdem sie ihre Regierung kritisiert hatte, sie sollte vom Geheimdienst aus Tokio entführt werden. Polen bot ihr Asyl an.

Außerdem wären Sicherheitskräfte bei ihrem Vater aufgetaucht. "Dieser Faktor ist wichtig", sagt Kellermann, "Die Familie wird gerne in die Verfolgung mit einbezogen, um die Kritikerinnen und Kritiker letztendlich in die Knie zu zwingen." So würden Eltern psychisch unter Druck gesetzt oder gedroht, man werde die Kinder wegnehmen.

Die vermeintlich einzige Aufgabe

Der Eindruck für Kellermann bestehe, dass der belarusische Sicherheitsapparat sich nur noch damit beschäftige, wie er Aktivistinnen und Oppositionelle aufspüren, einschüchtern oder beseitigen könne.

Denn Präsident Lukaschenko habe nicht nur in der eigenen Bevölkerung Probleme, sondern offen mit Europa und der EU sowie – abseits der Öffentlichkeit – mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der in der Vergangenheit als sein Unterstützer galt.

Trotzdem könne sich Lukaschenko halten. "Ein Schlüssel dafür ist dieser loyale Sicherheitsapparat", sagt Kellermann. "Er kann sich vollkommen auf diese Strukturen verlassen, die er da geschaffen hat."

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Lukaschenko möchte das Bild erzeugen, dass Oppositionelle nicht mal mehr im Ausland sicher sind und Widerstand keine Option ist, glaubt Kellermann.

Ende Mai fingen belarusische Sicherheitsbeamte den Flug des Bloggers Roman Protasevich ab und sperrten ihn in seinem Heimatland ein. Protasevich war auf dem Weg zurück in sein litauisches Exil.

Unter Tränen sagte er in einem Video, er habe Massenproteste gegen den Präsidenten Alexander Lukaschenko organisiert – in Belarus eine Straftat. Seine Familie und externe Beobachter sind überzeugt, dass der Blogger das Geständnis unter Folter abgelegt habe.

(sbd)

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