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Studio 9 | Beitrag vom 21.03.2016

Aktivist Axel FriedrichDer Schreck der Autoindustrie

Von Ernst-Ludwig von Aster

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Axel Friedrich, der frühere Leiter des Verkehrs-Ressorts im Umweltbundesamt (imago / Wolf P. Prange)
Im Unruhestand: Axel Friedrich (imago / Wolf P. Prange)

Es ist ein bisschen wie David gegen Goliath: Axel Friedrich ist pensionierter Umweltbeamter und kämpft für saubere Luft und gegen die Autolobby. Die Industrie will ihn ausbremsen, die Umweltverbände sind froh, dass er da ist. Doch der Druck, den er aushalten muss, ist enorm.

Axel Friedrich eilt durch die Bahnhofshalle, Richtung Ausgang. Plötzlich stoppt er. Ein alter Bekannter kreuzt zufällig seinen Weg

"Ey! Toyota oder Fiat?"

Toyota oder Fiat? Die beiden Rentner stecken die Köpfe zusammen, der alte Greenpeace-Mann und der frühere Abteilungsleiter vom Umweltbundesamt. "Fiat", sagt Friedrich. Und grinst. In seinem Rucksack hat er neue Abgasmessungen. Die werden bei der Autolobby wieder für Unruhe sorgen.

"Es gibt viele Kollegen, die einfach an diesem massiven Einfluss, an diesem massiven Druck zerbrochen sind. Man muss schon stabil psychisch sein, um das auszuhalten. Es hört sich zwar komisch an, wenn ein Bundeskanzler Schröder ins Telefon schreit: 'Der Kerl muss weg!". Das Umweltminister mich absägen wollten, das war schon fast normal, aber der Bundeskanzler ist schon was anderes." (lacht)

Heute kann er darüber lachen. Damals war es nicht so lustig: Friedrich verlor seine Zuständigkeit für den Verkehrsbereich als Abteilungsleiter. Heute ist der Umweltbeamte pensioniert. Und widmet sich mit Freude seinem alten Lieblingsthema: Der Luftreinhaltung und dem Verkehr.

"Ich habe das Privileg, nur das zu machen, was ich machen möchte. Und das ist ein Riesenprivileg."

Der Insider ist ein Schrecken für die Autoindustrie. Und ein Glücksfall für die Umweltverbände.

Gut 30 Journalisten warten bei der Bundespressekonferenz. Die Deutsche Umwelthilfe präsentiert neue Abgasmessungen. Axel Friedrich sitzt rechts außen auf dem Podium, er hat die Untersuchungen koordiniert. Und ein Modell von Fiat/Chrysler auf den Prüfstand gebracht.

Friedrich reckt sein abgenutztes Tablet in die Höhe, präsentiert eine Schlagzeile aus einer italienischen Zeitung: "Fiat hält alle Vorgaben ein", heißt es da. Darunter ein Bild des Konzernchefs mit gefalteten Händen. Friedrich lächelt verschmitzt.

Er legt das Tablet auf das Tisch, greift zum Pointer, federt vom Stuhl, geht fünf Schritte zum großen Smartboard.

"Hier sehen sie das Auto: Einen Fiat 500 Crossover, SUV, Vierradantrieb, neuestes Modell Euro 6."

Ein roter, bulliger Diesel-Allrad-PKW. Auf dem Prüfstand einer Schweizer Fachhochschule. Denn in Deutschland, sagt Friedrich, ist es fast unmöglich, unabhängige Untersuchungen durchzuführen. Zu eng sind die Verbindungen zwischen Autoindustrie, Prüfstellen und Universitäten.

Autos fürs Labor gebaut

Unterschiedliche Prüf-Zyklen, NOX-Emissionen, kalter Motor, warmer Motor - im Plauderton präsentiert Friedrich die Daten. Wieder einmal liegen Welten zwischen den Stickoxid-Werten aus dem Labor und dem Realbetrieb.

"Es kann nicht sein, dass ich ein Auto baue, das nur im Labor funktioniert. Wir haben die Laborluft sauber gemacht. Nur da wohnen nicht so viele Leute. Wir brauchen eine Lösung, die unsere Atemluft, unsere Umwelt verbessert."

Profitgier ist die Quelle hoher Abgaswerte, das ist Friedrichs Fazit. Denn technische Lösungen sind längst vorhanden. Und noch nicht mal teuer. Schließlich halten Export-Modelle von BMW und Daimler in den USA die viel strengeren Grenzwerte ein…

Nach gut einer guten Stunde ist Friedrich wieder auf der Straße, zu Fuß, ein paar hundert Meter sind es, bis zum Hauptbahnhof.

"Wir haben die Chance jetzt zum ersten Mal seit langem, das System neu zu gestalten. Wir haben jetzt ein Fenster von sieben bis acht Monaten, wenn wir es bis dahin schaffen, das System neu zu gestalten, dann haben wir vielleicht in Zukunft eine Chance Autos zu haben, wo das drin ist, was draufsteht..."

Schnell noch einen Abstecher in den Bahnhofskiosk. Zum Regal mit den Autozeitschriften.

"Es ist überhaupt kein VW-Skandal, VW ist ein graues Schaf, wir haben auch schwarze Schafe, heute haben wir tiefschwarze Schafe geschehen."

Geld sparen zu Lasten der Umwelt

Doch konkreter will er nicht werden. Die Anwälte der Automobilhersteller reagieren schnell mit Unterlassungsklagen. Und einstweiligen Verfügungen. Die deutsche Umwelthilfe darf aus einem derartigen Schreiben zurzeit noch nicht einmal mehr zitieren. Friedrich schüttelt den Kopf: Prozesse, Politiker, Prüfstellen, Kraftfahrtbundesamt – der Einfluss der Autoindustrie war selten so deutlich sichtbar. Und somit der Mangel an unabhängiger, staatlicher Kontrolle:

"... dass die Zulieferindustrie, dass die Entwickler alle zusammenhängen hier ein System zu schaffen, wie man die Öffentlichkeit einfach betrügen kann. Nämlich hier Geld zu sparen zu Lasten der Gesundheit, zu Lasten der Umwelt, zu Lasten des Verbrauchers..."

Ein Blick auf die Uhr, jetzt muss er zu Gleis 8. Am Abend soll er in Elmshorn einen Vortrag vor Studenten halten. Natürlich zum Thema Luftreinhaltung. Und dann muss er sich dringend zuhause blicken lassen. Sonst gibt es da dicke Luft.

"Ich habe mal eine schöne Diskussion mit meiner Frau gehabt, als sie meinte, sie wollte mich mal wieder sehen, da habe ich gesagt, mache den Fernseher an. Fand sie nicht so lustig, obwohl es gestimmt hat..."

Demnächst aber geht es mit der Familie in den Urlaub. Versprochen ist Versprochen:

"Ich bin zwei Wochen dann auf nem Boot keine Verbindung zur Außenwelt, dann kann ich mich wirklich mal erholen..."

Und dann kann auch die Automobilindustrie mal zwei Wochen durchatmen.

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