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Interview | Beitrag vom 14.03.2019

Aktionstag gegen StaudämmeDie Schattenseiten der Wasserkraft

Jürgen Berlekamp im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Donau-Stauanlage des Laufwasserkraftwerkes "Kraftwerk Eisernes Tor 1" an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien  (imago / Kurt Kracher )
Das Laufwasserkraftwerk "Kraftwerk Eisernes Tor 1" in der Donau an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien (imago / Kurt Kracher )

80 Prozent des globalen Ökostroms kommt aus Wasserkraft. Klingt erstmal gut, ist aber ökologisch und sozial keineswegs unproblematisch, meint Umweltsystemforscher Jürgen Berlekamp. Unter anderem, weil Wasserkraftnutzung nicht klimaneutral ist.

Stephan Karkowsky: Sollten Sie zu denen zählen, wie ich, denen nicht egal ist, wo ihr Strom herkommt und die zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien setzen, dann müssen Sie jetzt ganz tapfer sein. Vor allem Strom aus Wasserkraft ist nämlich nicht unbedingt so unproblematisch wie wir glauben. Aufmerksam machen soll uns darauf der internationale Aktionstag gegen Staudämme, immer am 14. März, also heute.

Aufklären lassen wollen wir uns vom Umweltsystemforscher Jürgen Berlekamp von der Universität Osnabrück. Guten Morgen!

Jürgen Berlekamp: Schönen guten Morgen, Herr Karkowsky!

Karkowsky: Herr Berlekamp, Wasserkraft liefert 80 Prozent des globalen Ökostroms. Jetzt sagen Sie bitte nicht, alle, die grünen Wasserstrom beziehen, lügen sich eigentlich in die Tasche.

Berlekamp: Nein, das kann man so sicher nicht sagen. Die Wasserkraftnutzung ist schon natürlich eine nachhaltige Nutzung erneuerbarer Energien, aber sie ist zum einen nicht klimaneutral, und zum anderen gibt es eine ganze Reihe von Effekten und Nachteilen, die diese Art der Wasserkraftnutzung mit sich bringt.

"Wasser ist ein klimawirksames Gas"

Karkowsky: Dann fangen wir doch mal beim Klimaneutralen an. Ich habe das natürlich auch immer gedacht, was kann denn am Wasser nicht klimaneutral sein. Da entstehen doch keine Abgase zum Beispiel, oder?

Berlekamp: Das ist eben, glaube ich, nicht ganz richtig, weil zum einen ist Wasser selbst ein klimawirksames Gas aus den großen Reservoiren, die dort entstehen werden. Aus unseren Stauseen, die dort entstehen oder schon vorhanden sind, wird Wasser verdunstet, es gelangt in die Atmosphäre und ist dort klimawirksam, mehr als das, was aus den freifließenden Flüssen in die Atmosphäre gelangt.

Und zum anderen ist es so, dass in den Reservoiren aufgrund der Bedingungen dort, die sauerstoffarm sind oftmals, es zu Zersetzungsprozessen kommt in diesen großen Volumina der Reservoire und dort Methan und CO2 freigesetzt wird.

Karkowsky: Aber sind das denn wirklich erhebliche Prozesse, die einen tatsächlichen Einfluss haben können auf die Klimaveränderung?

Berlekamp: Durchaus. Natürlich nicht so stark wie etwa die fossilen Energieträger. Man geht ungefähr davon aus, dass ungefähr ein Megawatt, was aus Wasserkraft erzeugt wird, nur ein Dreißigstel der Menge CO2 in die Atmosphäre emittiert im Vergleich zu fossilen Energieträgern. Methan ist ein größeres Problem, weil Methan etwa fünfzigmal so klimawirksam ist wie CO2.

"Da bräuchten Sie schon einen Fischfahrstuhl"

Karkowsky: Welche Argumente gegen Staudämme bringen die Gegner denn noch vor?

Berlekamp: Nun, es ist so, dass die Staudämme natürlich zunächst mal ganz offensichtliche Folgen haben. Denken Sie an Umsiedlungen, die notwendig sind, um die entsprechenden Reservoire zu füllen. Diese Reservoire sind teils sehr, sehr groß. Das größte Reservoir oder eins der größten Reservoire am Dreischluchtenstaudamm in China etwa, die zweifache Größe des Bodensees. Da müssen Menschen umgesiedelt werden.

Der Dreischluchten-Staudamm am Yangtse-Fluss nahe der chinesischen Stadt Yichang. Das Bild zeigt, wie Wasser aus dem Damm abgelassen wird. (dpa / picture alliance / Lin Mu)Der Dreischluchten-Staudamm am Yangtse-Fluss nahe der chinesischen Stadt Yichang. (dpa / picture alliance / Lin Mu)

Wir werden in Zukunft etwa 3.700 neue große Staudämme alleine für die Wasserkraftnutzung weltweit haben. Derzeit kann man davon ausgehen, dass ungefähr 80 Millionen Menschen bereits umgesiedelt werden mussten aufgrund der vorhandenen Stauseen.

Es gibt dann natürlich Grenzkonflikte um Wasserverfügbarkeit und Wassernutzung, Effekte auf die Landnutzung, es geht Landschaft verloren, die für die Landwirtschaft genutzt wird. Es gibt Einflüsse auf die Fischerei, aber vor allem kommt es zu einer Fragmentierung unserer Fließgewässer. Das ist ein ganz wesentlicher Effekt, den wir dort sehen, nämlich er verhindert die Wanderung von Arten.

Gleichzeitig kommt es zu einer Abgrenzung von Flussabschnitten. Es findet also kein Austausch zwischen diesen Flussabschnitten statt.

Karkowsky: Nun gibt es aber ja doch Staustufen für Wasserkraftwerke schon lange, auch wenn man keine Staudämme baut, sondern Wasserkraftwerke sind ja auch an Flüssen gang und gäbe, und da hat man ja schon vor 100 Jahren gelernt, wie man damit umgeht, indem man auch die Fische über bestimmte Treppen dann trotzdem den Fluss hinaufleiten kann.

Berlekamp: Das wird allerdings schwierig, wenn Sie einen Staudamm vor sich haben, der etwa 100 Meter Höhe hat, wie das bei den großen Staudämmen durchaus der Fall ist, aber auch so ein Staudamm wie der Möhnesee beispielsweise hat eine Höhe von 30 Metern. Da bräuchten Sie schon einen Fischfahrstuhl, um diese Fische von unten nach oben zu befördern. Also das ist eigentlich nicht möglich.

Das Problem tritt vor allem in Schwellenländern auf

Karkowsky: Wie geht es denn mir als Stromkunden? Kann ich da wählen zwischen guter und schlechter Wasserkraft? Gibt es so eine Art Zertifizierung, die mir als Kunde da die Auswahl erleichtert? Wissen Sie das?

Berlekamp: Ist mir nicht bekannt. Ich denke, dass wir in Europa auch eigentlich nicht so ein großes Problem haben. Europa ist auch nicht der Schwerpunkt des zukünftigen Baus von neuen Wasserkraftwerken. Die Schwerpunkte liegen dort, wo ein Großteil der Bevölkerung noch nicht mit Strom versorgt ist. Wir haben etwa eine Milliarde Menschen, die noch keine Stromversorgung haben, vor allem natürlich in den Schwellenländern.

Die Schwerpunkte der zukünftigen Wasserkraftnutzung sind dann auch in Südamerika, im Amazonasbereich, aber auch in Südostasien, in China, in Indien beispielsweise und in Europa im Balkanbereich, wo in Zukunft etwa 600 neue Stauseen oder -dämme mit einer Kapazität von mindestens einem Megawatt gebaut werden.

Der Soubre-Damm, bisher größtes Wasserkraftwerk der Elfenbeinküste. (imago/Xinhua)Die Elfenbeinküste versucht, ihre Infrastruktur mithilfe ausländischer Investoren auszubauen. Im Bild: der von einer chinesischen Firma gebaute Soubre-Damm, das bisher größte Wasserkraftwerk der Elfenbeinküste. (imago/Xinhua)

Karkowsky: Haben Sie den Eindruck, dass der Bau von Staudämmen ausreichend reguliert ist oder müsste wirklich noch einiges politisch passieren, damit Wasserkraft wirklich zu sauberer Energie wird?

Berlekamp: Da müsste sicher einiges passieren. Das ist sicher das größte Problem, dass in den Schwellenländern heute Staudämme gebaut werden, ohne entsprechende Gutachten vorher zu machen, die Auswirkungen auf die Umwelt zu betrachten. Das wird eigentlich sehr, sehr wenig gemacht. Es werden auch die entsprechenden Entscheidungsträger und Stakeholder nicht mit eingebunden, die Betroffenen nicht mit eingebunden.

Die Baustelle des größten Staudamms Afrikas, des "Grand Ethiopian Renaissance Dam" im Nordwesten von Äthiopien (picture alliance/ dpa/ Gioia Forster)Die Baustelle des größten Staudamms Afrikas, des "Grand Ethiopian Renaissance Dam" im Nordwesten von Äthiopien (picture alliance/ dpa/ Gioia Forster)

Das Problem besteht auch darin, dass diese Großprojekte von Unternehmen oftmals aus China oder USA vorangetrieben werden und auch gebaut werden, die später gar nicht Betreiber dieser Anlage sind. Also da gibt es natürlich auch dann entsprechende Interessenskonflikte. Da soll natürlich auch Gewinn erwirtschaftet werden, und da ist es nicht unbedingt hilfreich für diese Unternehmen, dann Umweltaspekte mit zu betrachten.

Karkowsky: Und auf all diese Aspekte aufmerksam machen soll der internationale Aktionstag gegen Staudämme, immer am 14. März, also heute, und wir haben uns darüber aufklären lassen vom Umweltsystemforscher Jürgen Berlekamp von der Uni Osnabrück. Herr Berlekamp, herzlichen Dank!

Berlekamp: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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