Akten-Einsichten

Stasi-Akten © Bundesbildstelle Bonn
Rezensiert von Jens Brüning · 10.04.2006
Ein Brand im Rundfunkhaus, ein Attentat auf Erich Honecker, das unerwartete Ableben eines amerikanischen Country-Sängers, das sind Fälle, die immer wieder Anlass zu Spekulationen und neuen Enthüllungsgeschichten gaben. Jan Eik hat sich die Akten einiger von der DDR-Staatssicherheit untersuchter Vorkommnisse noch einmal vorgenommen und mit den Ermittlern gesprochen. Das Ergebnis seiner Nachforschungen hat er in "Besondere Vorkommnisse - Politische Affären und Attentate" dokumentiert.
Am 16. Februar 1955 brannte es auf der Baustelle für den Block B des Rundfunkgeländes an der Nalepastraße in Oberschöneweide. Die ganze Nacht lang versuchten über 200 Feuerwehrleute, das flammende Inferno einzudämmen. Der Neubau sollte den großen Sendesaal und die Hörspielstudios umfassen. Entsprechend war der Sachschaden nach der schließlich erfolgreichen Brandbekämpfung.

Umso glücklicher schätzten sich die mit den Ermittlungen beschäftigten Organe, dass sie schon am frühen Morgen nach dem Brand einen Verdächtigen hatten: einen jungen Bauingenieur, der in Westberlin wohnte und in seiner Aktentasche eine Zeitung aus den Westsektoren mit sich führte. Im Handumdrehen wurde er zum amerikanischen Agenten erklärt, der Brandstiftung beschuldigt und im Gefängnis der Staatssicherheit entsprechend bedrängt. Jan Eik:

"Das ist ein ganz erschreckendes Dokument der frühen Staatssicherheitsdinge, die also gar nicht den Versuch gemacht haben, zu ermitteln, was ist denn wirklich passiert, stattdessen hatten sie einen Verdächtigen, der den 'Telegraf' in der Tasche hatte, und auf den wurde dann so lange eingewirkt, bis er ein Geständnis ablegte, was man ihm nachher dann als strafverschärfend, dafür hat er drei Jahre gekriegt, dass er sich hat zu diesem Geständnis erpressen lassen."

Durch Dauerverhöre und Schlafentzug zermürbt, hatte der Bauingenieur die abenteuerlichsten Geschehensabläufe, die ihm die Verhörspezialisten vorlegten, bestätigt. Und obwohl er seit 1991 voll rehabilitiert ist, obwohl bekannt ist, dass der Brand durch erhitzte Baulampen entstand, geistert nach wie vor die Mär vom heimtückischen Sabotageakt durch die Zeitungen. Dabei kann sich jeder beruflich Interessierte ohne weiteres über die Tatsachen informieren, wie Jan Eik das gleich nach der Wende machte.

"Ich hab’ den Rundfunkbrandstifter kennen gelernt, ich hab’ die Akten zum Honecker-Attentat noch zu DDR-Zeiten gelesen, ich hab’ die passenden Akten zu Dean Reed gefunden und auch zum Absturz von Werner Lamberz in der libyschen Wüste, den Abschlussbericht, und all diese Dinge, die erstaunlicherweise vor mir noch niemand an der Stelle gesucht und gefunden hatte."

Da Lamberz, der im Politbüro für Agitation und Propaganda zuständige Sekretär, als Sonderbotschafter auf dem Wege nach Äthiopien war, fand sich die entsprechende Akte über den Unfall in der libyschen Wüste unter den Äthopien-Papieren. Unter "Libyen" suchte man stets vergeblich, und so waren Berichte in Illustrierten und Zeitungen oft nur wüste Spekulationen. Jan Eik hat sich für seine Nachforschungen direkt zu den Quellen begeben:

"Da waren noch etliche Leute tätig, die diese Dinge zum Teil selbst bearbeitet hatten, zum Teil auch bei der damals anderen Firma Staatssicherheit. Das waren ja ausgebildete Kriminalisten, die auch durchaus daran interessiert waren, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Die Untersuchungen sind immer ganz korrekt geführt worden, zumindest in den Bereichen, wo ich das untersucht habe."

Die Untersuchungsergebnisse wurden allerdings in besonderen Fällen auf höherer Ebene verschleiert:

"Bei dem Selbstmord von Dean Reed ist es ja auch so gelaufen, da hat man das auch alles verschwiegen und so, und ich weiß von den Bearbeitern der Stasi, dass die darum gekämpft haben, den Angehörigen zu sagen, Kinder, der hat Selbstmord begangen, hier ist der Abschiedsbrief. Das durfte nicht sein aus Staatsinteresse. Ein amerikanischer Friedenskämpfer bringt sich eben nicht in der DDR um."

Auch nachdem – unter anderem von Jan Eik – die lange durch Gerüchte und irreführende Details verfälschten Tatsachen der im Buch "Besondere Vorkommnisse – Politische Affären und Attentate" geschilderten Fälle richtig gestellt wurden, hielten sich die Legenden und wurden wieder und wieder kolportiert:

"Die letzte Geschichte war also bei Dean Reed, dass nach – also der Brief ist 86 geschrieben und 90 veröffentlicht, und im Jahr 2004 kam jemand auf die geniale Idee zu sagen: 'Im Archiv entdeckt: Jetzt die große Sensation! Der Abschiedsbrief von Dean Reed!' Da konnte ich wirklich nur dazu sagen: Sommerloch!"

Zu diesen immer wieder auftauchenden Sensationen gehört auch der Tod eines Ofensetzers, der stark angetrunken mit seinem Auto in die Nähe einer Autokolonne des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker geriet. Als er angehalten wurde, schoss er auf die Sicherheitsbeamten. Die schossen zurück, und der Mann richtete daraufhin die Pistole auf sich selbst und starb an einem Kopfschuss. In den Sensationsblättern der Bundesrepublik wurde aus diesem Sachverhalt "Das Honecker-Attentat von Klosterfelde."

Jan Eik hat vier "Besondere Vorkommnisse" gründlich nachrecherchiert und spannend erzählt. In dem Buch sind nur fünf von vermutlich sehr vielen "Besonderen Vorkommnissen" geschildert. Sie wurden wegen ihrer Brisanz von den DDR-Oberen unter dem Deckel gehalten und weckten daher das besondere Interesse der West-Medien. Das Vertuschen bauschte ebenso wie das Spekulieren mangels Einblick banale, wenngleich tragische Ereignisse über den Anlass hinaus auf. Wenn aus dieser akribischen Nach-Recherche eine Lehre zu ziehen wäre: Ehrlich währt am längsten.

Jan Eik (Mitarbeit: Klaus Behling): Besondere Vorkommnisse - Politische Affären und Attentate
Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2006
256 Seiten, 12,90 Euro