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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.07.2019

Akram Khan beim Tanzfestival in StuttgartDie düsteren Folgen menschlichen Hochmuts

Von Dorion Weickmann

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Mehrere Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne. Ein Mann hält den Kopf eines anderen Mannes im Zangengriff. (Jean Louis Fernandez / Colours International Dance Festival 2019)
Akram Khans neue Produktion „Outwitting the Devil“ wurde beim „Colours International Dance Festival“ in Stuttgart uraufgeführt. (Jean Louis Fernandez / Colours International Dance Festival 2019)

Akram Khans "Outwitting the Devil" wurde beim Tanz-Festival „Colours” uraufgeführt. Es behandelt das mesopotamische Gilgamesch-Epos und die Frage, warum wir die Grundlagen unserer Existenz zerstören. Es ist ein grandioser, düsterer Wurf, der wenig Hoffnung lässt.

Großartiges Finale beim Tanzfestival "Colours" in Stuttgart, das die Uraufführung der jüngsten Produktion von Akram Khan an Land zog. Der britisch-bengalische Choreograf ist einer der kreativsten Köpfe der Tanzwelt, was er mit "Outwitting the Devil" einmal mehr unter Beweis stellt.

Dafür schickt er sechs fulminante Tänzer seiner eigenen Company auf die Theaterhaus-Bühne und lässt sie um eine der ältesten Überlieferungen der Menschheit kreisen: das mesopotamische Gilgamesch-Epos - vor über 4000 Jahren in Stein gemeißelt. Es erzählt die Geschichte des Königs von Uruk, eines mit Tatendrang so gesegneten wie geschlagenen Kraftprotzes, und seines Gefährten Enkidu.

Dopplung der Hauptfigur Gilgamesch

Khan konzentriert sich auf eine Episode, deren Lücken erst vor wenigen Jahren durch neu aufgetauchte Texttafeln geschlossen wurden: die Zerstörung des Zedernwalds und die Tötung seines Hüters durch den Helden und seinen Helfer.

Fünf Personen auf der Bühne. Zwei Männer auf dem Boden. Zwei Frauen über ihnen. Ein Mann im Hintergrund. Es hat den Anschein, als ob die Frauen den beiden Männern Schmerzen zufügen. (Jean Louis Fernandez / Colours International Dance Festival 2019)Warum, so fragt die Inszenierung, zerstören wir die natürlichen Grundlagen unserer Existenz, obwohl wir um die Folgen wissen? (Jean Louis Fernandez / Colours International Dance Festival 2019)

Der Kunstgriff der Inszenierung ist die Dopplung der Hauptfigur: Der alte Gilgamesch schaut fassungslos auf sein Leben zurück – fassungslos über Gewalt und Verheerung, die er gemeinsam mit Enkidu über Tiere und Natur gebracht hat.

Dominique Petit gibt den Greis, Sam Pratt sein junges Alter Ego – und beide zusammen zeichnen das Bild eines Mannes, der vom Thron des Triumphes in die Niederungen des Todes fällt. Denn darum geht es zuletzt – um die Sterblichkeit, der Gilgamesch ins Gesicht sehen muss, als die Götter den Frevel bestrafen, indem sie Enkidus Leben zertreten.

Über die Selbstüberhebung der Menschen

Khan, der zeitgenössische Tanzstile des Westens mit klassischen indischen Formen fusioniert – hier vor allem mit dem Bharatanatyam –, liest das mythische Geschehen als Gleichung auf die Welt des 21. Jahrhunderts:

Warum, so fragt die Inszenierung, zerstören wir die natürlichen Grundlagen unserer Existenz, obwohl wir um die Folgen wissen? Nicht umsonst hat Khan für diese Teufelsaustreibung – "Outwitting the Devil" heißt so viel wie "Den Teufel überlisten" – Protagonisten aus allen Himmelsrichtungen versammelt.

Ein Mann liegt in einer düsteren Umgebung auf einem Sockel. (Jean Louis Fernandez / Colours International Dance Festival 2019)Das Stück packt die Selbstüberhebung der menschlichen Spezies in packende Bilder. (Jean Louis Fernandez / Colours International Dance Festival 2019)

In der Summe ergibt das eine tänzerische Vielfalt, die der Choreograf mit einer so expressiven wie existentiellen Note einfärbt. So packt das Stück die Selbstüberhebung der menschlichen Spezies in packende Bilder.

Nach "Vertical Road" und "Until the Lions" ist "Outwitting the Devil" Khans dritte Auseinandersetzung mit den Mythen der Menschheit. Es ist ein düsterer Wurf, der wenig Hoffnung lässt. Weil die Bilder so wenig lügen wie die Körper. Grandios.

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