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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2017

Akhmed Shakib PouyaVage Hoffnung auf eine Rückkehr nach Deutschland

Albert Ginthör im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Der afghanische Arzt und Künstler Ahmad Shakib Pouya (rechts) in der Mozart-Oper "Zaide" im Theater am Gärtnerplatz in München. (Lioba Schöneck)
Der afghanische Arzt und Künstler Ahmad Shakib Pouya (rechts) in der Mozart-Oper "Zaide" im Theater am Gärtnerplatz in München. (Lioba Schöneck)

Der afghanische Musiker Ahmad Shakib Pouya lebt derzeit in Kabul im Untergrund. Er kehrte freiwillig zurück, um seiner Ausweisung zuvor zu kommen. Der Musiker Albert Ginthör hat ihn begleitet: Er warnt angesichts der Abschiebungen nach Afghanistan vor einer Aufgabe unserer Werte.

Der Musiker und Künstler Ahmad Shakib Pouya lebt seit einem Monat in Kabul im Untergrund – für sich kritisch äußernde Künstler wie ihn ist die Situation in seinem Heimatland  bedrohlich. Pouya wollte einer drohenden Abschiebung aus Deutschland zuvor kommen und reiste vor einigen Wochen freiwillig nach Afghanistan aus. Dort wollte er einen Antrag auf Wiedereinreise stellen – wir haben über diesen Fall bereits in "Fazit" berichtet

Bei der Ausreise nach Afghanistan wurde Pouya von Albert Ginthör begleitet, Geiger des Staatstheaters am Gärtnerplatz, wo er ebenfalls als Musiker beschäftigt war. Ginthör ist inzwischen wieder nach Deutschland zurück gekehrt.

Pouya einzige Chance ist ein Künstervisum 

Ginthör berichtete im Deutschlandradio Kultur über die derzeitige Situation Pouyas. Er habe gestern einen Termin in der Deutschen Botschaft wahr genommen. Dort habe er seinen Arbeitsvertrag für eine Produktion der Münchner Schauburg nach dem Fassbinder-Stück "Angst essen Seele auf" vorlegen können. Diese Tatsache sei in der Botschaft  "wohlwollend aufgenommen worden", sagt Ginthör:

"Ich denke, dass die einzige Chance für ihn ist, über ein Künstlervisum wieder zurück zu kommen. Und dieses Stück scheint exemplarisch für seine Situation und unglaublich gut für ihn geeignet zu sein, das hier zu spielen beziehungsweise dieses Angebot jetzt vorlegen zu können."

Es sei für Künstler und Schriftsteller nicht möglich, sich ohne Schutz in Kabul in der Öffentlichkeit zu zeigen, so schildert Ginthör seinen Aufenthalt in Afghanistan. Er habe vier Wochen lang mit Pouya in einem streng bewachten Hotel verbracht:

"Es wurde dringendst davon abgeraten, auch nur vor die Tür zu gehen. Und wir hätten gar nicht vor die Tür gehen können und dürfen."

Ginthör: "Wir sollten unsere Werte nicht aufgeben"

Ginthör ging auf die Kritik von Innenminister Thomas de Maizière an dem von einigen Bundesländern verhängten Abschiebestopp nach Afghanistan ein. Er sei "langsam entsetzt" über die deutsche Politik:

"Ich denke, dass der Wahlkampf bei uns nicht rechtfertigt, dass wir all das oder woran ich bisher geglaubt habe – dass wir unsere Werte aufgeben sollten. Das befremdet mich jetzt schon sehr."

"Die Zeit der anonymen Masse ist vorbei"

Pouya habe in Deutschland die  Freiheit der Kunst kennen gelernt und verfüge mittlerweile über ein ihn unterstützendes Netzwerk, meint Ginthör. Bei anderen Flüchtlingen sei das meistens nicht der Fall. Notwendig sei ein Nachdenken über die Situation von Flüchtlingen:

"Ich glaube, man muss sich jeden einzelnen Fall anschauen. Die Zeit der anonymen  Masse ist vorbei. Man muss sich anschauen: Wo kommen sie her? Wovor laufen sie weg? Wollen wir sie bei uns haben? Können wir sie bei uns bleiben? Sind sie selbst auch in der Lage, sich auf uns einzustellen? Diese Fragen muss man stellen und dann auch beantworten."   

Der Zahnarzt, Musiker und Künstler Ahmad Shakib Pouya ist vor acht Jahren nach Deutschland geflohen und hat in Frankfurt und München arbeiten können – dann aber wurde er in das "sicheres" Herkunftsland Afghanistan ausgewiesen. Noch während vom Härtefallausschuss sein Antrag geprüft wurde, wurde die Anweisung aber bereits vollstreckt. Pouya ist dem zuvor gekommen, in dem er selbst ausgereist ist.  

Mehr zum Thema

Ahmad Shakib Pouya - Odyssee eines afghanischen Musikers
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 24.01.2017)

Drohende Abschiebung nach Afghanistan - Hauptsache Überleben
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