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Studio 9 | Beitrag vom 21.07.2014

AidsNoch lange keine harmlose Krankheit

Aus dem Alltag eines Aids-Kranken

Von Erik Albrecht

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Aids-Schleife (dpa/picture-alliance/Oliver Berg)
3400 Menschen haben sich in Deutschland im vergangenen Jahr mit dem HI-Virus angesteckt. (dpa/picture-alliance/Oliver Berg)

Seit Sonntag tagt die Welt-Aids-Konferenz in Melbourne. Dabei geht es vor allem um die Lage in Schwellenländern. Doch auch in Deutschland leben etwa 78.000 Menschen mit HIV und Aids. Einer davon ist der in Berlin lebende Frank.

Mittags in der Buslinie 187 in Berlin-Schöneberg. Trotz der Hitze von knapp 30 Grad trägt Frank klobige Wanderschuhe, um mehr Halt zu haben. Schnell sucht er einen Sitzplatz, bevor der Bus sich in Bewegung setzt. 15 Minuten dauert die Fahrt bis zum Auguste-Viktoria-Klinikum. Doch selbst die macht er selten ohne Begleitung.

Dabei ist Frank weder alt noch dement. Der 52-Jährige hat Aids. Auch deshalb will er seinen Nachnamen nicht im Radio hören. 1986 wurde er positiv getestet. Damals kam die Diagnose fast einem Todesurteil gleich, sagt er.

"Im Prinzip habe ich Angst gehabt, mein Studium abzuschließen, weil ich wusste, vielleicht überlebst du nicht. Und wofür dann? Das war eben eine andere Zeit, um mich herum sind Freunde gestorben."

Nur ein Auslandsjahr in Paris machte er noch, schloss mit einem Jura-Diplom der renommierten Sorbonne ab. Heute ist Frank einer der wenigen Langzeitüberlebenden aus der Zeit. Erst 2002 brach die Krankheit bei ihm aus. Durch die Immunschwäche erlitt er eine Infektion im Gehirn. Danach musste er mühsam wieder Gehen und Sprechen lernen. Seitdem spielt sich ein Großteil seines Lebens entlang der Buslinie 187 in Schöneberg ab.

"Wenn Strecken unbekannt sind, dann kann ich wirklich verloren gehen. Und dann ärgere ich mich natürlich auch über mich selbst. Das will ja keiner wahrhaben. Aber die Strecke ist relativ einfach. Einsteigen und irgendwann aussteigen. Das geht dann."

Eine Tabu behaftete Krankheit

Kaffeekranz auf der HIV-Station des Berliner Auguste-Viktoria-Klinikus. Frank geht von Tisch zu Tisch und unterhält sich mit den Patienten. Einmal in der Woche betreut er das Café der Berliner Aids-Hilfe. Die meisten Gäste kennt er seit längerem. Vier Männer, meist in bequemen Jogging-Klamotten, sitzen im schattigen Teil des Aufenthaltsraums der Station 12. Schwerkranke besucht Frank auf ihren Zimmern.

"Es ist nicht eine normale Krankheit. Es ist eine Krankheit, die mit sehr vielen Tabus behaftet ist und es gibt immer noch Fälle, in denen sich die Freunde und Verwandten abwenden. Gott sei Dank wird das immer weniger."

Selbstgebrauter Kaffee, Spiele und sonntags ein Stück Kuchen. Mit dem Nachmittagscafé wollen er und seine Mitstreiter ein wenig Abwechslung in den Krankenhausalltag bringen. Vor allem aber haben sie ein offenes Ohr für die Patienten. Frank weiß aus eigener Erfahrung, was in den Patienten vor sich geht. Hier auf der Station rang er vor zwölf Jahren selbst mit dem Tod.

"Dieser Moment, wo die Erkrankung anfängt, das ist ein Schock. Weil: Plötzlich wird das real. Alles, was vorher Traum oder Ängste waren, werden real. Und meistens hat man dann auch noch Bilder im Hinterkopf, so wird es enden. Was nicht sein muss heutzutage. Aber das ist schon gravierend: Es gibt ein Vor- und Nachher."

Zwar sind heute die Medikamente deutlich besser. Trotzdem ist es immer noch schwer, sich in einem Leben mit Aids zurechtzufinden – Menschen dabei zu helfen, ist auch für Frank selbst zu einem neuen Lebensinhalt geworden. Seit dem Ausbruch der Krankheit vor zwölf Jahren ist er arbeitsunfähig. Schon kleine Dinge strengen ihn an.

Wenig später im Café Ulrichs. Nach getaner Arbeit belohnt sich Frank mit Käse-Quark-Torte und Milchkaffee. Gleichzeitig sind sie für ihn Notwendigkeit. Die Torte soll in seinem Magen die Grundlage schaffen, damit er HIV-Medikament nehmen kann.

Depression, Magenprobleme, Schlafstörungen und dauernde Müdigkeit 

Auch sein Gegenüber Steven ist positiv. Der 29-Jährige mit Piercings in Ohrläppchen und Augenbrauen erzählt Frank, er habe seit einem halben Jahr eine neue Tablettenkombination. Depression, Magenprobleme, Schlafstörungen und dauernde Müdigkeit – zehn Jahre hat er mit den Nebenwirkungen der alten Kombi gelebt.

"Da hat man dann schon drüber nachgedacht und hat dann aber jahrelang bei meiner Ärztin gekämpft und gesagt, ich möchte ungern einen Therapiewechsel, weil ich nicht weiß, wie wirken die neuen Medikamente, und halten die wirklich auch wieder so lang. War schwer."

Während er redet, drückt er die Hand seines Freunds Basti. Die beiden sind frisch verliebt. Basti ist HIV-negativ. Nur wenige Partner hätten in der Vergangenheit so entspannt reagiert wie er, sagt Steven. Dabei ist die Gefahr, sich zu infizieren, auch in einer Beziehung gering, wenn Therapie und Verhalten stimmen.

"In erster Linie ist es wirklich immer ein Schritt zurück und: Oh! Wenn man nicht gerade einen Partner hat, der selber HIV-positiv ist, sondern jemanden der negativ ist, dann ist immer schwierig. Wie geht er damit um und alles drumherum. Das ist ganz klar.“

Steven will seine Infektion nicht verstecken. Die rote Aids-Schleife an seinem Rucksack fällt sofort ins Auge. Auch sein alter Arbeitgeber wusste Bescheid. Doch mittlerweile hat Steven einen Job als Sachbearbeiter. Die Arbeit im Call Center war zu viel Stress für seinen Körper. Er arbeite genau so effizient wie jeder HIV-Negative, sagt Steven. Trotzdem sei das Thema im Job jedes Mal wieder schwierig:

"Viel mehr hat man die Angst, wie reagieren Kollegen, wie reagiert dein direkter Vorgesetzter, was kommt da auf dich zu.“

Am Abend taucht Frank auf dem Weg nach Hause noch in das Grün des Alten St. Matthäus-Kirchhofs nahe seiner Wohnung ein. Jetzt bei der Hitze gießt er jeden Abend die Grabstätte "Denk mal positHIV". Klassische Säulen zieren die Familiengruft aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist letzte Ruhestätte für Menschen, die an Aids gestorben sind. Viele der 34 Namen auf den schwarzen Marmortafeln der Gruft kannte Frank persönlich. Der letzte Eintrag ist vom 20. Mai diesen Jahres.

"Die erste Bestattung war 2003, also eigentlich – das hört sich jetzt böse an – nach dem großen Sterben, aber seit 2003 sind eben 40 Personen alleine hier bestattet worden. Also man kann nicht sagen, dass keiner mehr an Aids stirbt und Aids behandelbar ist. So einfach ist es leider nicht."

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