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Im Gespräch | Beitrag vom 16.09.2020

Afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill„Es ist eine Anmaßung, über 54 Länder berichten zu wollen“

Moderation: Ulrike Timm

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Porträt von Bartholomäus Grill zwischen Kamelen. (Privat)
Barholomäus Grill liebt Afrika seit seiner Jugend und berichtet seit Jahrzehnten von dort für "Zeit" und "Spiegel". (Privat)

Seit 40 Jahren berichtet der Journalist Bartholomäus Grill aus Afrika. Mit der Geschichte ist er so vertraut wie mit dem Alltag. Er schaut auf die Vielfalt, nicht nur auf Kriege und Krisen. In seinem jüngsten Buch blickt er auch in die Zukunft des Kontinents.

Auch wenn der afrikanische Kontinent sein ganzes Leben geprägt hat, so bleibt Bartholomäus Grill in seiner Bilanz doch bescheiden. "Es ist eine Anmaßung, über 54 Länder berichten zu wollen", sagt er. Fast alle hat er in den vergangenen 40 Jahren als Korrespondent besucht, vor allem für "Die Zeit" und den "Spiegel".

Ihm ist es wichtig, die Vielfalt zu erkennen und nicht nur auf die Kriege und Krisen zu schauen. "Sähen wir auf Deutschland mit einem so engen Blick wie auf Afrika, wir würden glauben, hier gäbe es nur Neonazis." In seinem jüngsten Buch mit dem ironischen Titel "Wir Herrenmenschen" plädiert er dafür, unser rassistisches Erbe zu überwinden und den kolonialen Blick abzulegen.

"Ich bin Afrorealist"

Denn insgesamt ist Grill ein Optimist, es gebe genug Positives auf dem Kontinent, sagt er. "Ich bin ein Afrorealist," fügt er hinzu. "Afrika muss nur nach der Kolonialzeit den letzten Schritt der Selbstbefreiung tun und seine korrupten Herrscher loswerden." Dann könne Afrika ein "Kontinent der Zukunft" werden.

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Seine Liebesgeschichte mit Afrika begann, als er als Kind im Haus seiner Eltern die grüne Kiste seines Großvaters fand. Der war ein glühender Befürworter des deutschen Kolonialreiches gewesen und hatte dort vielfältiges Material aus der Kolonialzeit aufbewahrt. Dies weckte in dem Jungen eine Begeisterung, die bis heute anhält.

Rassistische Menschenbilder überwinden

Heute allerdings sieht Bartholomäus Grill die Kolonialzeit, namentlich die deutsche, sehr kritisch. Sie habe ihre Spuren hinterlassen, nicht nur in den Ländern, die davon betroffen waren, sondern auch in unserem, dem Menschenbild der Nachfahren der Kolonisatoren. "Die rassistischen Theorien, die unsere Sicht auf Menschen anderer Länder leider bis heute prägen, stammen alle aus der Kolonialzeit."

Bartholomäus Grill, Journalist, und Isaias Afewerki, Präsident von Eritrea am 24.08.2018 in Asmara, Eritrea PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xUtexGrabowskyx/xphotothek.netx (photothek.net / Tue Grabowsky)Bartholomäus Grill ist immer dicht dran an den Menschen in Afrika. Hier mit Isaias Afewerki, Präsident von Eritrea. (photothek.net / Tue Grabowsky)

Die eigenen Vorurteile überwinde man am einfachsten durch eigene Anschauung. Das sei ihm nicht anders gegangen, deshalb seien die vielen Reisen der eigentliche Sinn seines Lebens gewesen: "Ich wollte die Welt sehen." Und das ist ihm gelungen, auch wenn die Reisetätigkeit im Moment durch die Coronakrise unterbrochen ist.

Afrikanische Tradition als Alternative

Dass es ihn vor allem immer wieder nach Afrika zog, hat eben nicht mit den Leiden des Kontinents zu tun, sondern auch mit seinem Aufbruch. Und den Glücksmomenten, die er dort erlebt. Es seien die Afrikaner und Afrikanerinnen, die ihn auf diesem Kontinent halten. "Die sind fröhlich und heiter. Sie lieben den Humor, den Schmäh – das Leben." Vieles an der afrikanischen Lebensweise, die nachhaltig ist und auf die Umwelt Rücksicht nimmt, könnten wir Grill zufolge übernehmen.

Denn dass unser kapitalistisches Wirtschaften den Planeten an den Rand der Katastrophe bringt, ist für ihn ausgemacht. "Vielleicht schlummert in der afrikanischen Tradition eine Alternative zu unserer Lebensweise, die in eine Dystopie führen wird." So könnten es am Ende vielleicht die afrikanischen Kulturen sein, die uns Entwicklungshilfe geben.

(BAUM)

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