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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.06.2015

africolognePolitisches Theater aus Afrika

Von Dorothea Marcus

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Eine Mine im Kongo, in der unter anderem Coltan geschürft wird. Um diese Rohstoffe gibt es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen in dem Land.  (JUNIOR D. KANNAH / AFP)
Coltan-Mine im Kongo. Um den Rohstoff, der unter anderem in Smartphones steckt, werden immer wieder Kriege geführt. (JUNIOR D. KANNAH / AFP)

Afrikanisches Theater greift aktuelle politische Themen auf, so unter anderem die Ausbeutung von Arbeitern in Coltan-Minen, die für unsere Smartphones schuften. Das "Africologne"-Festival in Köln gibt Einblick in das afrikanische Theaterschaffen.

"Man nennt mich Smokey. Dabei rauch ich gar nicht. Es gibt viele Leute, die sagen, ich sei verrückt. Sie sagen, ich sei verrückt, weil sie glauben, ich spreche für mich alleine. Aber das ist nicht wahr."

Hier spricht der burkinische Rapper Smokey, einer der bekanntesten Musiker Westafrikas. Im Mantel kommt er auf die Bühne und klagt die miesen Lebensbedingungen in Burkina Faso an, die Korruption, die unaufgeklärten Morde, umkreist und überwacht die Szene. Dazu tanzen vier Tänzer des "Faso Danse Théâtre" akrobatisch, wütend und kraftvoll den harten Alltag in Ouagadougou nach. Direkt fordert Smokey dazu auf, wachsam zu bleiben.

"Schwarzes Monster. Greif an, werde aktiv. Ein Volk, das explodiert. Ich muss dich ja wohl nicht hinbringen."

Mit "Bürgerbesen" statt Waffen den Präsidenten stürzen

Als "Schlaflose Nacht in Ouagadougou" Ende Oktober 2014 in Burkina Fasos Hauptstadt Premiere hatte, kam es zeitgleich zur Revolution. Vier Tage später war der Präsident gestürzt. Mehrfach kam Smokey zu spät zu den Vorstellungen. Als einer der wichtigsten politischen Aktivisten Burkina Fasos steckte er noch in Verhandlungen. Sechs Monate vor dem Volksaufstand hatte er die Bewegung "Bürgerbesen" gegründet, um symbolisch das korrupte Regierungssystem wegzufegen. Tatsächlich gingen die Demonstranten mit grünen Blätterbesen – und nicht mit Waffen auf die Straße. Serge Bambara alias Smokey:

"Heute spricht man in Afrika viel vom Imperialismus. Das ist wahr, das ist ein Fakt. Aber es wird immer existieren. Man muss im Kleinen anfangen, gegen den kleinen Mist im eigenen Viertel ankämpfen. Wenn man die Situation vor Ort zulässt und vom großen imperialistischen Kampf gegen die Europäer und Amerikaner spricht, dann ist das wie eine Ausrede, nichts zu tun. Es ist realistischer, das zu attackieren, was du am besten kennst und was dir am nächsten ist – und den politischen Kampf in konzentrischen Kreisen auszuweiten. Umso mehr Integrität und Kontrolle hast du. Die mutigste Lösung, aus den ewigen, nutzlosen afrikanischen Klagen auszubrechen, ist: seinen eigenen Käfig zu reinigen."

Protestbewegungen werden oft von Künstlern initiiert

Burkina Faso sei heute auf einem guten Weg, erzählt Smokey. Im Oktober 2016 sind Neuwahlen angesetzt. Sein "Bürgerbesen" wache darüber, dass auch alles demokratisch verlaufe. Nicht gerade das, was man aus Afrika täglich in den Zeitungen liest. Doch es gibt dort eben auch wachsende Zivilgesellschaften, oft angestoßen von Künstlern und jungen Leuten – auch im Senegal etwa. Die neuen Bürgerbewegungen Afrikas sind während der zehn Festivaltage von "africologne" ein großes Thema.

In "Coma Bleu" von der Autorin und Regisseurin Sylvie Dyclo-Pomos aus der Republik Kongo erzählt eine Frau etwa, wie sie Zivilanklage gegen ihre Regierung wegen Mordes erhebt. Im März 2012 kostete hier die Detonation eines Munitionslagers zahlreiche Menschenleben. Letztlich wird sie selbst ins Gefängnis gesteckt

Und es geht im großangelegten "Coltan-Projekt" des Theaters im Bauturm um die neokolonialen Verflechtungen von europäischen Smartphones und Rohstoffausbeutung in Afrika, besonders im Kongo, wo 80 Prozent der Coltan-Vorräte lagern, als Mineral für elektronische Geräte unverzichtbar.

"Playstation War": der Abbau von Coltan bedeutet für Afrika oft Krieg

Regisseur Jan-Christoph Gockel erzählt in "Coltan-Fieber" mit Hilfe einer Puppe die wahre Geschichte des ehemaligen Kindersoldaten und Minenarbeiters Yves Ndagano aus dem Kongo, der selbst auf der Bühne steht. In Goma, Ostkongo, stieg er noch im Kugelhagel ins Flugzeug nach Köln. Für europäische Kinder dagegen ist die Katastrophe schon perfekt, wenn nicht die neueste Playstation unterm Tannenbaum liegt. Reiner Zufall, ob man in der Kriegshölle oder im Konsumparadies geboren ist.

"Super! Meine Playstation 2! Super... Danke Mama! Danke Papa! Sprecher: Das alles zeigt, dass der Abbau von Coltan mit Kriegen einhergeht. Mit Blut. Man spricht auch vom Playstation-War...  Plärrender Leopold: Ich will noch eine! Ich bin das ärmste Kind der Welt!!!"

Theater schafft Bewusstsein für den Wert der eigenen Rohstoffe

Die burkinische Version der Coltan-Problematik sieht ganz anders aus. Aristide Tarnagda, einer der bekanntesten Theaterautoren Westafrikas, erzählt mit sechs kongolesischen Darstellern eher von den inneren Effekten von Rohstoffkriegen.

Diese Schreie die den Kongo entzweireißen, meine Damen und Herren. Haben Sie die gehört? Die Kinderschreie? Die der Jungfrauen, der Alten, der Eltern? Hört ihr das, in euren Handys und Playstations und Computern?

Im Kongo sei bereits revolutionär, mit Hilfe von Theater das Bewusstsein für den Wert der eigenen Rohstoffe und ihrer Verflechtungen zu schaffen, meint Autor Aristide Tarnagda im Anschluss. Und so lernt man bei diesem wichtigen Einblick in afrikanisches Theaterschaffen vor allem, dass politische Kunst eben letztlich doch etwas ändern kann.

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandfunk, Corso, 17.06.2015)

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(Deutschlandfunk, Kultur heute, 19.06.2013)

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