Ehemalige Ortskraft in Afghanistan

    Von der Bundeswehr im Stich gelassen

    05:57 Minuten
    Afghanen halten auf einer Demo ein Transparen hoch mit der Aufschrift:  "20 Jahre lang haben wir für euch gearbeitet und was ist der Dank? Ortskräfte evakuieren jetzt!"
    Protest gegen die Bundeswehr: Die Forderungen nach der Evakuierung afghanischer Ortskräfte liefen in vielen Fällen ins Leere. © Imago / aal.photo
    Von Philipp Lemmerich  · 13.08.2022
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    Als die Bundeswehr im Juni 2021 aus Afghanistan abzieht, bleiben tausende afghanische Ortskräfte zurück, unter ihnen auch Khosrow Mohammadi. Nur einem Verein ist es zu verdanken, dass er es mit seiner Familie nach Deutschland geschafft hat.
    Khosrow Mohammadi ist ein sehr freundlicher Mann. Er ist Anfang 30 und damit so alt wie ich. Trotzdem spricht er mich immer mit „Sir“ an und bedankt sich für die Fragen, die ich ihm stelle. Sein respektvoller Umgang wurde auch bei der Bundeswehr sehr geschätzt. „Was die Deutschen nicht leiden konnten war Unpünktlichkeit" sagt er über seine Zeit bei der Bundeswehr. "Ich war immer pünktlich, ich habe die Arbeit für die Deutschen nicht bereut.“

    Elf Jahre als Übersetzer

    Mohammadi war gerade 19 Jahre alt, als er dank seiner guten Englischkenntnisse bei der Bundeswehr als Übersetzer am Standort in Mazar-i-Scharif anfing. Elf Jahre begleitete er die Bundeswehrsoldaten bei ihren Einsätzen. Zuerst in einer Schule für Ingenieure, die die Bundeswehr eingerichtet hatte. Später dann auch bei Verhandlungen oder Personenkontrollen. Im Juni 2021, mit dem Ende des deutschen Afghanistan-Einsatzes, endete auch sein Arbeitsvertrag.
    “Ich habe mir die Pressekonferenz angesehen, in der der Verteidigungsminister der USA und der NATO-Generalsekretär gemeinsam den Rückzug aus Afghanistan bekannt gegeben haben", erinnert sich Mohammadi. "In dem Moment habe ich zum ersten Mal gespürt, dass es ernst wird." Er habe sich ziemlich unsicher gefühlt.

    Hindernisse bei der Flucht

    Der Familienvater hatte Angst vor den heranrückenden Taliban. Immer wieder machten Nachrichten von Grausamkeiten, von Festnahmen und Folter die Runde, die Taliban rückten immer näher an seine Heimatstadt Mazar-i-Scharif heran. “Wir standen täglich unter Beschuss", so der Übersetzer. "Mein Vater wurde einmal fast getroffen, und die Kämpfe kamen immer näher." Da entschied sich Mohammadi, nach Kabul zu fliehen. Er hatte schon ein Visum für Deutschland und für den 24. August ein Flugticket.
    Die Familie von Khosrow Mohammadi
    Die Familie von Khosrow Mohammadi ist nach der Flucht aus Afghanistan das lange Warten leid.© Deutschlandradio / Khosrow Mohammadi
    Mohammadi flieht mit seinen drei kleinen Kindern und seiner schwangeren Frau nach Kabul, wo er bei Freunden Unterschlupf findet. Am Telefon teilt ihm ein Mitarbeiter der Bundeswehr mit, er solle so schnell wie möglich zum Flughafen kommen. Aber dort herrscht blankes Chaos. US-Soldaten schießen immer wieder in die Luft, um die Menschenmenge aufzulösen. Mohammadi macht kehrt und versteckt sich mit Frau und Kindern in Kabul, hofft auf eine zweite Chance.
    “Ich habe Dutzende Emails geschrieben an jede Bundeswehr-Adresse, die ich finden konnte", erzählt er. "Ich habe meine Passkopie, mein Visum, alles geschickt, aber keine Rückmeldung bekommen." Er hört nur, dass er abwarten soll.

    Enttäuschung über die Bundeswehr

    Aber Mohammadi will und kann nicht warten. Die Angst, dass die Taliban die Familie in Kabul aufspüren und töten, bringt ihn um den Schlaf. Es beginnt eine Odyssee durch Afghanistan, erst zurück nach Mazar-i-Scharf. Dann nach einem Anruf der Bundeswehr wieder nach Kabul zum Flughafen. Als die Familie dort ankommt, antwortet ihm niemand mehr.
    „Dass wir offenbar so wenig Priorität hatten, das hat mich sehr verletzt", sagt der langjährige Übersetzer. "Ich war etliche Jahre Teil des Militärs. Zu sehen, dass Personen, die nicht für das Militär gearbeitet hatten, ausgeflogen wurden, während wir draußen im Chaos saßen, das war hart. Im Nachhinein wäre es besser gewesen, für irgendeine NGO zu arbeiten als für die Bundeswehr.“
    Mohammadi und seine Familie müssen sich weiter versteckt halten. Immer mal wieder bekommt er Anrufe aus einem Callcenter der Bundeswehr, er solle seine Unterlagen schicken. Auf seine Mails, seine Rückrufversuche bekommt er keine Antwort.

    Hilfe vom Patenschaftsnetzwerk

    Dann hat er Glück: Einer seiner ehemaligen Vorgesetzten engagiert sich mittlerweile im Verein "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte". Ende Oktober schleusen sie die Familie über den Landweg in den Iran und bringen sie von dort aus nach Deutschland. Von der Bundeswehr hat er seither nichts gehört.
    Der Start in Deutschland war nicht einfach. Seit November 2021 wohnt die Familie in einer kleinen Wohnung in Radeberg bei Dresden. Mohammadi bekommt zwar finanzielle Unterstützung vom Amt, aber er kennt niemanden in der Gegend, erzählt er.
    Wenn er die Zeit findet, hört er am liebsten Radio, da könne man gut Deutsch lernen. Aber richtig viel Zeit dafür hat er nicht, denn vor zwei Monaten kam sein kleiner Sohn Ahmad zur Welt. Sie sind jetzt zu sechst.
    „Es ist schwierig, weil die Kinder noch nicht zur Schule gehen", sagt der Afghane. "In den Kindergärten sagen sie uns, sie hätten keine freien Plätze und schicken uns wieder weg." Jetzt hat die Familie eine Zusage für September und hofft, dass es klappt.

    Hoffnungen auf eine bessere Zukunft

    Neben seinem Job bei der Bundeswehr hatte der Familienvater in Afghanistan eigentlich noch Medizin studiert. Mohammadi stand kurz vor dem Abschluss, bevor er fliehen musste. Die Prüfungen nachholen, dann als Arzt arbeiten, sein eigenes Geld verdienen, vielleicht sogar irgendwann eine Reise machen, seine Geschwister wieder treffen, das ist sein großer Traum.
    Im letzten Jahr wurde seine Familie in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Zwei seiner Brüder hatten Jobs beim US-Militär und leben jetzt in den USA. Die Aussicht, sie bald wieder in die Arme zu nehmen, ist noch in weiter Ferne.
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