Afghanischer Botschafter plädiert für Gespräche mit den Taliban
Der afghanische Botschafter in Deutschland, Rahman Ashraf, sieht einen Weg zu Frieden in seinem Land nur über die gesellschaftliche Integration der Taliban, sofern sie "die Verfassung von Afghanistan akzeptieren". Sicherheit könne man nicht mit Waffen schaffen.
Jörg Degenhardt: Der Krieg macht keine Pause – die internationale Schutztruppe ISAF will den Kampf gegen die Taliban in Afghanistan auch im Winter mit großer Härte fortsetzen. In den letzten Jahren war das noch anders, da flauten die Kämpfe in dieser Zeit traditionell ab. Überhaupt war dieses Jahr 2010 ein sehr verlustreiches aus der Sicht des Westens: 670 Soldaten verloren ihr Leben, darunter neun deutsche. Deutlich mehr Opfer aber gab es unter der afghanischen Zivilbevölkerung, auch wenn keine genauen Zahlen vorliegen. Wie fällt im Rückblick auf die letzten zwölf Monate eine Bilanz aus?
Darüber habe ich mit dem Botschafter Afghanistans in Deutschland, mit Rahman Ashraf gesprochen, und ihn zuerst gefragt: Geht es den Menschen in Afghanistan heute eher besser oder eher schlechter als vor einem Jahr?
Rahman Ashraf: Besser natürlich, aber das ist alles verhältnismäßig, ja, wenn Sie vergleichen, was vor acht Jahren war oder vor neun Jahren war und bis heute – natürlich ist. Viele Sachen sind besser geworden, weil viele Sachen mussten besser werden. Pauschal kann man nicht sagen, es ist denen mal besser gegangen oder schlechter. Das ist, natürlich, wir haben eine Verbesserung, aber das könnte auch bei manchen Sachen noch besser sein und bei manchen Sachen kann es auch so weitergehen.
Degenhardt: Wo sehen Sie denn die größten Fortschritte?
Ashraf: Die größten Fortschritte? In diesen Tagen wird sehr viel über Militär gesprochen, da ist es auch, wenn Sie sehen, was vor zehn Jahren war und was wir heute haben. Wir haben zwar eine richtige Armee, aber diese Armee muss noch mehr unterstützt werden, mehr müssen die gelehrt werden, dass sie auch die Sache übernehmen können.
Degenhardt: Sind Sie mit der Polizeiausbildung zufrieden? Da hat sich ja Deutschland maßgeblich dran beteiligt.
Ashraf: Natürlich! Die Polizei, die Ausbildung von Polizei ist, sagen wir, eine Tradition zwischen Afghanen und Deutschen. Vor 40 Jahren sind die Polizisten von Deutschen ausgebildet worden, und auch jetzt. Wir sind froh, wie die in Kabul arbeiten. Natürlich, die Zeit ist bisschen kurz, so Spezialisten, was man will, da braucht ein bisschen mehr Schulung, und auch die Waffen sind wichtig oder die Geräte, was die hier brauchen.
Degenhardt: Herr Botschafter, was fällt Ihnen noch auf, wenn Sie sich auf die Lebensverhältnisse speziell auch von Frauen und Kindern konzentrieren? Gab es da Fortschritte?
Ashraf: Natürlich, wenn Sie das vergleichen – ich bin auch für 18 Monate Rektor von Uni Kabul gewesen, die haben heute zum Beispiel an der Universität Kabul 35 Prozent Frauen, und die besten Studenten sind diese Frauen. Auch bei Schulen ist es so, dass bei jedem Dorf. Ich bin mehrmals in Provinzen gewesen, habe ich dann gesehen, wie die Leute ihre Tochter so in die Schule schicken. Afghanistan hat sich viel geändert und insgesamt, wenn Sie sehen, bei Schüler und bei Studenten ist es so, dass - 35 Prozent sind immer Frauen.
Degenhardt: Wir haben kurz über die Unterstützung gesprochen, die die Deutschen bei der Polizeiausbildung gegeben haben. Die Deutschen haben auch anderswo geholfen, trotzdem sagen jüngste Umfragen, dass das Ansehen der Deutschen bei der afghanischen Bevölkerung gelitten hat, dass sie Ansehen verloren haben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ashraf: Ansehen von Deutschen hat nicht verloren, Sie wissen, dass Afghanistan mit Deutschland eine hundertjährige Freundschaftstradition hat, und natürlich – bei Polizisten und Ausbildung von Polizisten, man will mehr. In vier Monaten oder fünf Monaten, wenn man eine Schulung macht und dann sagt, das ist ein Polizist – natürlich keiner glaubt das. Für jetzt brauchen wir dieses, dass man schnell so ausbildet und schnell Leute hat. Aber normalerweise muss man da ein bisschen mehr machen, auch so, wie ich gerade gesagt habe, mit Waffen, mit Ausbildung, mit Material, was die brauchen, dann sind die alle zufrieden.
Degenhardt: Sowohl Washington als auch Berlin haben in den letzten Tagen Rückzugsszenarien öffentlich gemacht. Schon im nächsten Jahr will Außenminister Westerwelle die ersten deutschen Soldaten aus Afghanistan wieder in die Heimat holen. Ist das aus Ihrer Sicht ein angemessener Zeitpunkt, oder fühlen Sie sich auch ein bisschen vom Westen im Stich gelassen?
Ashraf: Afghanen sind bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein afghanisches Problem, und es müssen nicht unbedingt die deutschen Soldaten sich in einem Krieg sehen. Die Verteidigung des Landes ist eine Aufgabe der einheimischen Kräfte. Die afghanische Armee muss ausgebildet werden und mit modernen militärischen Mitteln ausgerüstet werden. Die Afghanen kennen einander besser, sei es im Krieg oder im Frieden.
Präsenz der deutschen Truppen in Afghanistan hat nicht nur für Afghanistan allein, sondern auch für Deutschland und die Welt eine große Bedeutung. Die Bekämpfung des Terrorismus und der Drogenwirtschaft sind nicht nur für Afghanistan wichtig, sondern auch für die internationale Sicherheit. Die Welt scheint sehr klein geworden zu sein, Krieg und Unruhe sind nicht allein auf die Grenze bestimmter Länder beschränkt, deren Freiheit nur dort verteidigt wird. Man benötigt eine bessere internationale Zusammenarbeit. Afghanistan ist bereit, die Verantwortung zu nehmen, ja.
Degenhardt: Erlauben Sie eine abschließende Frage, Herr Botschafter: Wie wichtig ist es eigentlich aus Ihrer Sicht, ehemalige Talibankämpfer zu integrieren, sie für den Wiederaufbau in Ihrem Land zu gewinnen?
Ashraf: Sicherheit in Afghanistan zu bringen kann man nicht mit Waffen. Man muss mit Taliban reden, die Taliban, die die Verfassung von Afghanistan akzeptieren, dass die die Waffen zurücklegen. Und natürlich, sie müssen die mal in die Gemeinschaft nehmen. Und andererseits natürlich: Man muss für die so eine Arbeit schaffen. Zurzeit ist es so, dass viele … Der Job, von denen ist das geworden, dass man eine Kalaschnikow in der Hand nimmt. Man muss denen mal so richtige Jobs geben, nicht große Gehälter, aber mit so 50 Dollar sind die zufrieden, und dann, man muss auch die so in der Gesellschaft akzeptieren.
Degenhardt: Man muss ihnen eine Perspektive geben.
Ashraf: Man muss denen mal so eine Perspektive geben, natürlich.
Degenhardt: Der Botschafter Afghanistans in Deutschland Rahman Ashraf im Deutschlandradio Kultur über die jüngsten Entwicklungen in seiner Heimat.
Darüber habe ich mit dem Botschafter Afghanistans in Deutschland, mit Rahman Ashraf gesprochen, und ihn zuerst gefragt: Geht es den Menschen in Afghanistan heute eher besser oder eher schlechter als vor einem Jahr?
Rahman Ashraf: Besser natürlich, aber das ist alles verhältnismäßig, ja, wenn Sie vergleichen, was vor acht Jahren war oder vor neun Jahren war und bis heute – natürlich ist. Viele Sachen sind besser geworden, weil viele Sachen mussten besser werden. Pauschal kann man nicht sagen, es ist denen mal besser gegangen oder schlechter. Das ist, natürlich, wir haben eine Verbesserung, aber das könnte auch bei manchen Sachen noch besser sein und bei manchen Sachen kann es auch so weitergehen.
Degenhardt: Wo sehen Sie denn die größten Fortschritte?
Ashraf: Die größten Fortschritte? In diesen Tagen wird sehr viel über Militär gesprochen, da ist es auch, wenn Sie sehen, was vor zehn Jahren war und was wir heute haben. Wir haben zwar eine richtige Armee, aber diese Armee muss noch mehr unterstützt werden, mehr müssen die gelehrt werden, dass sie auch die Sache übernehmen können.
Degenhardt: Sind Sie mit der Polizeiausbildung zufrieden? Da hat sich ja Deutschland maßgeblich dran beteiligt.
Ashraf: Natürlich! Die Polizei, die Ausbildung von Polizei ist, sagen wir, eine Tradition zwischen Afghanen und Deutschen. Vor 40 Jahren sind die Polizisten von Deutschen ausgebildet worden, und auch jetzt. Wir sind froh, wie die in Kabul arbeiten. Natürlich, die Zeit ist bisschen kurz, so Spezialisten, was man will, da braucht ein bisschen mehr Schulung, und auch die Waffen sind wichtig oder die Geräte, was die hier brauchen.
Degenhardt: Herr Botschafter, was fällt Ihnen noch auf, wenn Sie sich auf die Lebensverhältnisse speziell auch von Frauen und Kindern konzentrieren? Gab es da Fortschritte?
Ashraf: Natürlich, wenn Sie das vergleichen – ich bin auch für 18 Monate Rektor von Uni Kabul gewesen, die haben heute zum Beispiel an der Universität Kabul 35 Prozent Frauen, und die besten Studenten sind diese Frauen. Auch bei Schulen ist es so, dass bei jedem Dorf. Ich bin mehrmals in Provinzen gewesen, habe ich dann gesehen, wie die Leute ihre Tochter so in die Schule schicken. Afghanistan hat sich viel geändert und insgesamt, wenn Sie sehen, bei Schüler und bei Studenten ist es so, dass - 35 Prozent sind immer Frauen.
Degenhardt: Wir haben kurz über die Unterstützung gesprochen, die die Deutschen bei der Polizeiausbildung gegeben haben. Die Deutschen haben auch anderswo geholfen, trotzdem sagen jüngste Umfragen, dass das Ansehen der Deutschen bei der afghanischen Bevölkerung gelitten hat, dass sie Ansehen verloren haben. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ashraf: Ansehen von Deutschen hat nicht verloren, Sie wissen, dass Afghanistan mit Deutschland eine hundertjährige Freundschaftstradition hat, und natürlich – bei Polizisten und Ausbildung von Polizisten, man will mehr. In vier Monaten oder fünf Monaten, wenn man eine Schulung macht und dann sagt, das ist ein Polizist – natürlich keiner glaubt das. Für jetzt brauchen wir dieses, dass man schnell so ausbildet und schnell Leute hat. Aber normalerweise muss man da ein bisschen mehr machen, auch so, wie ich gerade gesagt habe, mit Waffen, mit Ausbildung, mit Material, was die brauchen, dann sind die alle zufrieden.
Degenhardt: Sowohl Washington als auch Berlin haben in den letzten Tagen Rückzugsszenarien öffentlich gemacht. Schon im nächsten Jahr will Außenminister Westerwelle die ersten deutschen Soldaten aus Afghanistan wieder in die Heimat holen. Ist das aus Ihrer Sicht ein angemessener Zeitpunkt, oder fühlen Sie sich auch ein bisschen vom Westen im Stich gelassen?
Ashraf: Afghanen sind bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Das ist ein afghanisches Problem, und es müssen nicht unbedingt die deutschen Soldaten sich in einem Krieg sehen. Die Verteidigung des Landes ist eine Aufgabe der einheimischen Kräfte. Die afghanische Armee muss ausgebildet werden und mit modernen militärischen Mitteln ausgerüstet werden. Die Afghanen kennen einander besser, sei es im Krieg oder im Frieden.
Präsenz der deutschen Truppen in Afghanistan hat nicht nur für Afghanistan allein, sondern auch für Deutschland und die Welt eine große Bedeutung. Die Bekämpfung des Terrorismus und der Drogenwirtschaft sind nicht nur für Afghanistan wichtig, sondern auch für die internationale Sicherheit. Die Welt scheint sehr klein geworden zu sein, Krieg und Unruhe sind nicht allein auf die Grenze bestimmter Länder beschränkt, deren Freiheit nur dort verteidigt wird. Man benötigt eine bessere internationale Zusammenarbeit. Afghanistan ist bereit, die Verantwortung zu nehmen, ja.
Degenhardt: Erlauben Sie eine abschließende Frage, Herr Botschafter: Wie wichtig ist es eigentlich aus Ihrer Sicht, ehemalige Talibankämpfer zu integrieren, sie für den Wiederaufbau in Ihrem Land zu gewinnen?
Ashraf: Sicherheit in Afghanistan zu bringen kann man nicht mit Waffen. Man muss mit Taliban reden, die Taliban, die die Verfassung von Afghanistan akzeptieren, dass die die Waffen zurücklegen. Und natürlich, sie müssen die mal in die Gemeinschaft nehmen. Und andererseits natürlich: Man muss für die so eine Arbeit schaffen. Zurzeit ist es so, dass viele … Der Job, von denen ist das geworden, dass man eine Kalaschnikow in der Hand nimmt. Man muss denen mal so richtige Jobs geben, nicht große Gehälter, aber mit so 50 Dollar sind die zufrieden, und dann, man muss auch die so in der Gesellschaft akzeptieren.
Degenhardt: Man muss ihnen eine Perspektive geben.
Ashraf: Man muss denen mal so eine Perspektive geben, natürlich.
Degenhardt: Der Botschafter Afghanistans in Deutschland Rahman Ashraf im Deutschlandradio Kultur über die jüngsten Entwicklungen in seiner Heimat.