Afghanische Ortskräfte

    Langes Warten auf das neue Leben in Deutschland

    05:29 Minuten
    Ein Mann aus Afghanistan steht in Berlin am Fenster in seiner Unterkunft.
    Viele afghanische Ortskräfte verbringen nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst einige Wochen in einer Geflüchtetenunterkunft. © picture alliance / dpa / Britta Pedersen
    Von Luise Sammann  · 18.10.2021
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    Wer es als afghanische Ortskraft bis nach Deutschland schafft, muss weiter Geduld aufbringen. In der Geflüchtetenunterkunft warten die Ankömmlinge, bis alle Dokumente geprüft sind. Erst dann kann das neue Leben in Deutschland beginnen.
    Ein Paar Plastikbadelatschen steht noch vor dem Bett. Alles andere hat Faisal schon in seinen kleinen Koffer gepackt. Zufrieden blickt der 28-Jährige auf den Bescheid in seiner Hand: Seine Unterlagen wurden anerkannt. Als afghanische Ortskraft darf er die Geflüchtetenunterkunft am Rande Berlins heute verlassen.
    Ein letztes Mal schaut er sich in dem grauen Container um, in dem er die letzten sechs Wochen gelebt hat. Zwölf Quadratmeter für ihn und einen anderen Mann aus Afghanistan: Zwei Betten, ein Tisch, dazwischen etwas Platz für Liegestütz und Sit-ups. Faisal wird das Leben hier nicht vermissen.
    "Es ist nicht leicht, sich ein Zimmer mit jemandem zu teilen, den man nicht kennt. Klar, wir sind alle Afghanen. Aber Afghanistan ist ein großes Land, und wenn du auf so engem Raum zusammenwohnst, hast du immer Angst um deine Papiere, deinen Pass."
    Faisal – durchtrainiert, gepflegter Dreitagebart – nimmt seinen Koffer, geht zu den Männern, die sich draußen versammelt haben, um ihn zu verabschieden.

    Dorf aus grauen Stahlcontainern

    215 afghanische Ortskräfte und Angehörige wurden im August nach ihrer Evakuierung aus der Hauptstadt Kabul in dem sogenannten Verteilzentrum am Rande Berlins untergebracht. Es gleicht einem Dorf aus grauen Stahlcontainern hinter einem Sichtschutzzaun, in dem die Männer, Frauen und Kinder seitdem nur eins tun: warten.
    Wenige Meter entfernt von Faisals Containerzimmer sitzt Sayed, 44, mit einigen anderen Bewohnern in der Herbstsonne. Eine Mitarbeiterin vom Berliner Landesamt für Flüchtlinge ist gekommen, um ihre Fragen zu beantworten. Wann es auch für sie endlich weitergeht, wollen sie wissen. Wann sie arbeiten können, Wohnungen mieten und Deutschkurse belegen.

    Sehnsucht nach normalem Leben

    Vor allem die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder beschäftigen die Ankömmlinge. Sie sollten in die Schule oder in den Kindergarten gehen, während die Erwachsenen Deutsch lernen. "Wir müssen diese Zeit so schnell wie möglich nutzen, weil wir ein neues Leben in Deutschland beginnen. Ganz ein normales Leben", findet Sayed.
    Monika Hebbinghaus vom Landesamt für Flüchtlinge hört aufmerksam zu und nickt verständnisvoll. Viel mehr kann sie nicht tun. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) prüft gerade den Status jedes einzelnen, der es mit den Evakuierungsflügen der Bundeswehr nach Deutschland geschafft hat.
    Nur wer als Ortskraft anerkannt wird, bekommt einen Aufenthaltstitel, wird einem Bundesland zugewiesen und darf dort ein neues Leben beginnen.

    Die Ungeduld ist groß

    "Sie haben Universitätsabschlüsse, sie haben häufig auch Berufserfahrung in Firmen, die international von Afghanistan heraus gearbeitet haben", sagt Hebbinghaus. "Sie scharren alle hier mit den Hufen."
    Familienvater Sayed nickt zustimmend. Dass in Deutschland manches länger dauert, weiß er. Elf Jahre lang hat er als Sprachmittler für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet. Was es an seinen mitgebrachten Arbeitszeugnissen, Urkunden und Zertifikaten seit inzwischen knapp zwei Monaten zu prüfen gibt, versteht er trotzdem nicht.
    Sayed wartet weiter, versucht sich die Zeit im Containerdorf mit Fußballspielen zu vertreiben. Die Kleinen hätten es noch am leichtesten, sie müssten sich nur an die deutsche Mittagsruhe gewöhnen, erzählt er. Schwerer falle das Herumsitzen den Jugendlichen.
    Besonders schwer sei es für die Erwachsenen, die Hals über Kopf ihre Heimat verlassen mussten. Sein Zimmernachbar ließ in Afghanistan seine Frau und vier Kinder zurück. Der Weg zum Flughafen wäre für sie zu gefährlich gewesen. Ob und wann er seine Familie nachholen kann, ist ungewiss.
    "Viele Ortskräfte sind immer noch in Afghanistan und die haben echt Angst", sagt Sayed. "Nur die, die Glück gehabt haben, die sind hier und die anderen sind immer noch in Kabul." Der Afghane hofft, dass auch er die Containerunterkunft bald verlassen kann.

    Aufbruch in ein neues Leben

    So wie Faisal, der jetzt mit schneeweißen Turnschuhen und Sonnenbrille zum Ausgang geht. "Zielort Bremen" steht auf dem Schreiben vom BAMF, das er in der Hand hält. Ob es dort wohl eine Fakultät für Wirtschaftswissenschaften gibt, fragt Faisal noch. Dann bricht er auf in ein neues Leben.
    "In Kabul habe ich gerade einen Master gemacht. Mein Traum ist, meinen Master zu beenden und dann hoffentlich mein eigenes Geschäft hier in Deutschland aufzubauen", sagt er hoffnungsfroh.
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