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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.07.2007

Ästhetik des Wahnsinnigen

Sybil Volks: "Café Größenwahn. Es geschah in Berlin ... 1912", Jaron Verlag 2007, 192 Seiten.

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Der Tatort im neuen Gewand: das Hotel Adlon nach dem Wiederaufbau (AP Archiv)
Der Tatort im neuen Gewand: das Hotel Adlon nach dem Wiederaufbau (AP Archiv)

In ihrem Krimi "Café Größenwahn" schildert Sybil Volks wie hier Literaten die Tische erklimmen und "Kellner, hört die Signale!" brüllen. Es ist dieses gärende, aufgeregte, der Gewalt und dem Verbrechen teilweise schwärmerisch huldigende Künstlermilieu des Jahres 1912, in dem die Autorin das zentrale Motiv Mörders findet. Kappes zweiter Fall: nicht nur historisch wie psychologisch interessant – es ist einfach lustvoll erzählt.

"Café Größenwahn". So lautet der Spottname, den die Berliner dem "Café des Westens" zu Beginn des 20. Jahrhunderts gaben. Angesiedelt am Kurfürstendamm, Ecke Joachimsthaler Straße, versammelten sich hier um 1910 "Übermenschen und Revolutionäre des Geistes" wie es in einem zeitgenössischen Reiseführer hieß.

Gemeint waren vor allem die Dichter und Denker, Künstler und Theoretiker, Schauspieler und Regisseure des Expressionismus, die mit einer "Ästhetik des Hässlichen, des Kranken und des Wahnsinnigen" die erstarrte Gesellschaft des Kaiserreichs aufsprengen und erneuern wollten. In ihrem Krimi "Café Größenwahn" schildert Sybil Volks wie hier Literaten die Tische erklimmen und "Kellner, hört die Signale!" brüllen. Wie die Dichterin Else Lasker-Schüler Hof hält. Wie der junge Pathologe Gottfried Benn Gedichte aus seinem eben erschienenen "Morgue"-Zyklus vorträgt. Wie der Maler George Grosz auf der Terrasse des Cafés mit weiß gepudertem Gesicht und hämischem Blick die bürgerliche Kundschaft erschreckt.

Es ist dieses gärende, aufgeregte, der Gewalt und dem Verbrechen teilweise schwärmerisch huldigende Künstlermilieu des Jahres 1912, in dem die Autorin Sybil Volks das zentrale Motiv ihres jungen, kaltblütigen Mörders findet: Ein wahnhaftes Streben nach Befreiung von allen Zwängen und aller Moral, nach Anerkennung des eigenen Genies und der eigenen Größe – "Größenwahn", eine Wortschöpfung des späten 19. Jahrhunderts. Als Theaterautor will der junge Eugen Hofmann aus der schlesischen Provinz in Berlin sein Genie beweisen – doch nachdem sein erstes Manuskript im Café Größenwahn verrissen und verlacht worden ist, ist ihm auf dem Weg zu Freiheit und Ruhm jedes Mittel recht. Was in der Künstleravantgarde als ästhetisches Spiel gemeint ist, nimmt er wörtlich und als Rechtfertigung für die eigenen brutalen Taten: "Ein leichtfertiger Mensch, der nie etwas Bleibendes, Wertvolles schaffen wird", so urteilt der Mörder über sein Opfer, einen armen Geldboten, den er kaltblütig im noblen Berliner Hotel Adlon erdrosselt und ausraubt, um sich den nötigen finanziellen Spielraum für die eigene "wertvolle" Künstlerlaufbahn zu verschaffen.

Fasziniert lauscht er an anderer Stelle dem Vortrag eines glühenden Nietzsche-Anhängers in den Berliner Kammerspielen: "Nur ein böser Mensch ist ein freier Mensch, denn sein Handeln folgt weder Gesetz noch Moral noch der Furcht vor Strafe, sondern einzig dem eigenen Willen ...".

"Café Größenwahn" erscheint als zweiter Band eines Kettenromans, den der Berliner Jaron-Verlag – spezialisiert auf Berlin-Literatur - unter dem Titel "Es geschah in Berlin" herausgibt. Im ersten Band dieser Reihe hat der bekannte Krimi-Autor Horst Bosetzky den jungen, unerfahrenen, aber stets scharf beobachtenden Kriminalwachtmeister Kappe im Berliner Arbeitermilieu des Jahres 1910 ermitteln lassen und das soziale Umfeld des Verbrechens dabei grell ausgeleuchtet. Ganz in diesem Sinne degradiert auch Sybil Volks das Berliner Künstlermilieu keineswegs zur Hintergrundstaffage, sondern eröffnet über die Handlung und über das Verbrechen selbst immer wieder Zugänge zu Denken und Debatten der Zeit.

Auf den Auftritt von Wachtmeister Kappe muss der Leser bei Sybil Volks allerdings ein Weilchen warten. Die Autorin hat die Perspektive des Täters gewählt – seinen Weg will sie nachzeichnen, seinen psychologischen Motiven auf die Spur kommen.

Spannend bleibt das, obwohl es kein Roman nach dem klassischen "Whodunit"-Konzept ist, bis zum Schluss. Das große Finale bildet die Premiere des Stücks, das der Mörder über seine Taten geschrieben und anonym veröffentlicht hat – bei dieser Premiere will Wachtmeister Kappe ihn stellen, er ist überzeugt, dass der Täter erscheinen wird. Eine Wendung der Handlung, die wiederum von der Realität inspiriert ist: Tatsächlich gab es im Berliner Hotel Adlon in den Jahren 1918/19 zwei Raubmorde an Geldboten, und tatsächlich schrieb der Mörder ein Drama über sein Verbrechen, das sogar aufgeführt wurde.

Den eigentlichen Reiz des Buches macht aber das virtuose Spiel mit Historie und Fiktion aus: Wenn der letzte Zeuge für die Anwesenheit des Mörders am Tatort ausgerechnet auf einem Schiff namens "Titanic" Richtung Amerika reist – oder wenn sich Mörder und Ermittler die gleiche Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Stück "Die Ratten" ansehen und über den Satz "Ick bin keen Mörder, det wollte ick nich ..." der Henriette John sinnieren – dann ist das nicht nur historisch wie psychologisch interessant – es ist einfach lustvoll erzählt.

Rezensiert von Alexandra Mangel

Sybil Volks: Café Größenwahn. Es geschah in Berlin...1912.
Kappes zweiter Fall.
Jaron Verlag 2007, 192 Seiten, 7,95 €.

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