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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 05.05.2020

Ärztin Inge Haselsteiner hilft Frauen in Bangladesch"Unser Ziel ist, eine Identität wieder aufzubauen"

Moderation: Ulrike Timm

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Selbstportrait der Ärztin Inge Haselsteiner, die im OP steht. (Inge Haselsteiner)
Ärztin Inge Haselsteiner im Operationssaal: "Diese Frauen halten wahnsinnig viel aus", sagt sie über ihre Patientinnen. (Inge Haselsteiner)

In Bangladesch werden jedes Jahr Tausende Frauen von ihren Ehemännern und Familien mit Säure angegriffen. Die Anästhesistin Inge Haselsteiner operiert die Opfer und hilft ihnen, zurück ins Leben zu finden.

Wenn Inge Haselsteiner nach Bangladesch fliegt, um auf mobilen Lazarettschiffen Opfer von Säure-Attentaten zu operieren, nimmt sie sich dafür Urlaub. Zu ihr und ihren Kolleginnen kämen Frauen, die solche Angriffe überlebt hätten und danach nicht medizinisch versorgt worden seien, erzählt Haselsteiner: "Man sieht dort Verletzungen, die man hierzulande nie zu Gesicht bekommt. Wir sehen schwerste Vernarbungen, die sehr oft auch das Essen, die Bewegung des Kopfes oder der Gliedmaßen nicht erlauben, weil es zu so starken Verwachsungen gekommen ist."

Da die Verätzungen sehr oft im Gesicht und am Hals vorkommen, könnten viele der Überlebenden keine Nahrung aufnehmen, sprechen oder sehen. "Diese Frauen halten wahnsinnig viel aus", sagt die Ärztin.

Mordversuche bleiben straffrei

Meist seien es Ehemänner oder Schwiegermütter, die Frauen mit Säure angreifen: Um sie aus dem Weg zu schaffen, etwa wenn deren Familien die vereinbarte Mitgift nach einer Eheschließung nicht bezahlen. Die Säure würden sie zum Beispiel aus alten Batterien gewinnen, die Attacke als Unfall tarnen.

In der Regel blieben diese Mordversuche straffrei, da nicht nachvollziehbar sei, wer solch ein Attentat verübt habe, erklärt Inge Haselsteiner. "Es ist unser Ziel, eine Identität wieder aufzubauen. Von der Kultur her sind die Frauen arm dran. Frauen arbeiten nicht, kümmern sich um die Kinder und kochen, während die Männer in den Dörfern sind, Geschäfte machen und unterwegs sind."

"Frauen wollen ihre Unabhängigkeit"

Ziel der Hilfsorganisation "Women for Women" ist es nicht nur, den schwer verletzten Frauen ihr Gesicht und ihre Identität zurückzugeben, sondern ihnen mittelfristig auch Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Denn das grundlegende Problem der Frauen in Bangladesch sei ihre weitgehende Rechtlosigkeit.

Inge Haselsteiner und ihre Organisation wollen Initiativen vor Ort unterstützen und sich mit ihnen vernetzen, um die Situation der Frauen zu verbessern. Zurzeit werde in Bangladesch jedes fünfte weibliche Baby von der eigenen Mutter umgebracht, berichtet Haselsteiner. Man müsse den Frauen durch Bildung zur Eigenständigkeit verhelfen. "Diese Frauen wollen ihre Unabhängigkeit", sagt die Anästhesistin.

Trotz der erschütternden Fälle, mit denen sie in Bangladesch als Ärztin zu tun hat, liebt Inge Haselsteiner das Land und seine Menschen: "Sie sind so ruhig, so bescheiden und trotzdem so glücklich."

(ful/mfu)

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