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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.01.2019

Ärger um Menasses erfundene Auschwitz-RedeDer europäische Märchenerzähler

Ein Kommentar von Tobias Wenzel

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Der österreichische Autor Robert Menasse. (picture alliance/dpa/SVEN SIMON)
Der österreichische Autor Robert Menasse. (picture alliance/dpa/SVEN SIMON)

Walter Hallstein, der erste Präsident der europäischen Kommission, hat nie in Auschwitz eine Rede über die Zukunft Europas gehalten. Das hatte Buchpreisträger Robert Menasse behauptet.

"Ein deutsches Märchen", so lautet der Untertitel von Carl Zuckmayers Tragikomödie "Der Hauptmann von Köpenick". Das europäische Märchen, das Robert Menasse erzählt hat, ist aber gar nicht komisch, und die Antwort, die er nun in der "Welt" seinen Kritikern gibt, nur noch traurig.

Die Entschuldigung von Menasse

Menasse entschuldigt sich und hat doch nichts verstanden. Er bedauert, aber nur "vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet", dass er in Anführungszeichen gesetzt hat, was er aus einer Rede des Europapolitikers Walter Hallstein herausgelesen zu haben glaubt. Damit bleibt Menasse also bei seiner Aussage, diese Form des Zitierens sei zwar für Wissenschaftler und Journalisten "nicht zulässig", aber sehr wohl für "Dichter". Bei einem Roman mag das so sein. Abstrus aber ist Menasses Vorstellung, als Schriftsteller dürfe er auch in nicht-fiktionalen Texten dichten. Denn genau das hat er getan. Er hat in einem Artikel, den er zusammen mit einer Politikwissenschaftlerin für die FAZ geschrieben hat, Hallstein den Satz "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!" in den Mund gelegt, einen Satz, den sich Menasse zufolge Politiker wie Angela Merkel nicht zu sagen trauen, um dann nachzuschieben: "Und doch: Dieser Satz ist die Wahrheit."

Er hat eben nicht nur für seinen Roman "Die Hauptstadt" eine Europa-Rede Hallsteins in Auschwitz erfunden. Das geht in der Fiktion in Ordnung. Zusätzlich hat er aber journalistischen Beobachtern zufolge auch in Diskussionen als Intellektueller dieses Märchen verbreitet. Und genau das ist das Problem. Er hat Auschwitz missbraucht, um seinen Argumenten für ein nationenloses Europa moralisches Gewicht zu geben.

Gut gemeint, falsch gemacht

Dass Robert Menasse nun, in Zeiten, in denen viele Menschen nicht mehr wissen, welchen Informationen sie trauen können, seinen Kritikern "künstliche Aufregung" vorwirft, ist schon ein starkes Stück. Dass er aber auch noch behauptet, die Kritiker und nicht etwa er selbst würden "den Rechtsextremen Stoff" liefern, macht einen fassungslos.

Menasse, der glühende Europäer, dem der Nationalismus ein Dorn im Auge ist, mag seine dichterischen Ausfallsschritte in die Realität gut gemeint haben. Nur macht das die Erfindungen und Halbwahrheiten nicht richtiger. Der Historiker Heinrich August Winkler, der mit seinen kritischen Nachfragen den Skandal überhaupt erst ans Licht gebracht hat, bezweifelt vehement die Lesart Menasses, Walter Hallstein habe die Nationen zugunsten Europas auflösen wollen.

Robert Menasse hat, wenn auch im Kleinen, wie Claas Relotius die Welt gezeichnet, wie sie ihm gefällt. Als Romanautor hat er die Carl-Zuckmayer-Medaille "für Verdienste um die deutsche Sprache und um das künstlerische Wort" durchaus verdient. Aber seine Glaubwürdigkeit als Intellektueller hat er auf lange Zeit verspielt. Jetzt ist er erst einmal der Onkel, der europäische Märchen erzählt.

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