Musikverbote in Ägypten

Keine Songs über Drogen und Flirten!

23:32 Minuten
Luftaufnahme auf eine Ansammlung von Menschen bei Nacht von oben. In der Mitte ein Auto, darum sternenförmig tanzende Personen.
Blick auf eine Veranstaltung mit Mahraganat-Musik: Seit dem ägyptischen Aufstand von 2011 ist die Musik in verarmten Gemeinden entstanden und hat sich verbreitet. © picture alliance / AP Photo / Mosa'ab Elshamy
Von Hend Hussein · 15.06.2022
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Mahraganat ist neben Rap die populärste Musik unter jüngeren Menschen in Ägypten. Trotzdem verbot die Musikergewerkschaft Live-Auftritte von Künstlerinnen und Künstlern dieses Genres. Ein Konflikt zwischen den Generationen und zwischen Arm und Reich.
Elektronische Musik mit ägyptischem Rhythmus und gerade sehr angesagt: So klingt Mahraganat, sogar in Hollywood. Mahraganat läuft auch in der neuen Marvel-Verfilmung „Moon Knight“.
In Ägypten wird zu diesen Rhythmen seit der Revolution 2011 getanzt. Seitdem ist Mahraganat einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Aber jetzt hat die Gewerkschaft der Musikerinnen und Musiker in Ägypten erst mal den Stecker gezogen. Sie ist sehr mächtig und will Mahraganat-Musiker:innen nicht mehr live auftreten lassen. Darunter leidet auch die Band El Sawareekh.
„Die Menschen bei der Gewerkschaft geben uns als Mahraganat Musikern das Gefühl, dass wir nichts sind. Einmal sagen sie: Eure Texte sind nicht in Ordnung. Wenn wir unsere Texte ändern, dann sagen sie: Die Musik ist nicht gut“, erzählt Dokdok.
„Wir haben die Qualität unserer Musik verbessert und dann sagen sie, eure Stimme ist das Problem. Und jetzt sagen sie: Ändert bitte mal eure Namen. Was soll das bitte sein? Unser Name geht die doch nichts an“, kritisiert er.

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Zusammen mit Fanky bildet Dokdok er das Duo El Sawareekh aus Kairo. Beide verstehen die Gewerkschaft der Musikerinnen und Musiker nicht mehr. Gegründet wurde die eigentlich mal 1942, um den Künstler:innen in schwierigen Situationen zu helfen, als erste im arabischsprachigen Raum von Om Kolthom. Bis heute eine berühmte Sängerin in der Region.

Aufnahmetest für Musiker in der Gewerkschaft

Heute spielt die Gewerkschaft in Ägypten komischerweise eher eine zensierende Rolle. Denn für alle Live-Auftritte in Ägypten brauchen die Performer vor jedem Konzert entweder eine Genehmigung der Gewerkschaft oder sie müssen Mitglied bei der Gewerkschaft sein.
Für eine Mitgliedschaft muss man einen Test bestehen. Diese Grauzone nutzt die Gewerkschaft, um Live-Auftritte von Musikerinnen und Musikern zu verbieten.
Warum nur, fragt sich der Produzent Ahmed Ashraf – auch bekannt als Molotof: „Was ist eigentlich euer Ziel von der Gewerkschaft? Ihr wollt, dass die Musikszene sicher wird? Niemand von diesen Künstlern will die Regeln brechen. Niemand will was Falsches machen. Alle Musiker wollen nur Spaß haben“, sagt er.

Aber die Entscheidungen der Gewerkschaft vermitteln einen falschen Eindruck über die Kunst. Wenn man eine Gewerkschafts-ID braucht, um Künstler zu werden, geht die Bedeutung der Kunst verloren.

Ahmed Ashraf, bekannt als Molotof

Der 26-jährige Musikproduzent ist einer der berühmtesten Musiker in Ägypten, der sowohl für Mahraganat- als auch Rap-Künstler produziert. Molotof ist eine wichtige Figur in der aktuellen Musikszene, die gleichzeitig großen Erfolg und viel Angriff erlebt.

Ägypten war der kulturelle Leuchtturm der Region

Doch der Angriff, den Musik heutzutage in Ägypten erlebt, passt nicht zur Geschichte des Landes: Denn Ägypten war immer ein Leuchtturm für Kunst im arabischsprachigen Raum. Viele Künstler:innen sind über lange Zeit aus anderen Ländern nach Ägypten gezogen, weil sie dort eine größere Chance auf Erfolg sahen. Die berühmtesten Filme, Serien und Musik auf Arabisch kommen aus Ägypten.
„Die Menschen im Nahen Osten und Nordafrika wissen, dass Ägypten ein Zentrum für Kunst ist. Nicht nur für die lokale Kunst, sondern für Kunst aus der ganzen Welt. Ägypten war das Hollywood der Region“, sagt Gemyhood.

Es war bekannt, dass die Ägypter und die ägyptischen Intellektuellen ein Bewusstsein für die Bedeutung von Kunst haben: Wie unterstützt man die Kunst, wie spricht man über sie. Und: Welche Maßnahmen kann man der Kunst gegenüber ausüben und welche nicht.

Gemyhood

Er ist ein Musikexperte, der seit Jahren aktiv in der Musikszene in Ägypten ist. Der Mitte-30-Jährige hat die Entwicklung der jungen Musikform Mahraganat miterlebt und dazu beigetragen. Mit Trauer beobachtet er die aktuelle Kunstsituation in Ägypten. Denn erfolgreiche ägyptische Musikerinnen und Musiker dürfen im eigenen Land nicht live spielen und treten stattdessen in anderen Ländern wie Saudi-Arabien auf.
Abendaufnahme einer Gruppe von Menschen bei einer Musikveranstaltung.
Mahraganat wird oft bei Hochzeiten gespielt wie hier in Salam City im Jahr 2015: Musikexperte Gemyhood hat die Entwicklung der jungen Musikform miterlebt. © picture alliance / AP Photo / Mosa’ab Elshamy
„Heute ist unser Bild schlecht. Manche Menschen in Tunesien oder Algerien starten Kampagnen, um sich mit uns zu solidarisieren. Rapper sprechen in Sendungen über die ägyptische Musikszene wie zum Beispiel der marokkanische Rapper ElGrandToto. Er sei nicht in Ägypten und habe deshalb Freiheit in seiner Musik. Das ist ein großer Kontrast zur Geschichte Ägyptens“, sagt er.
„Wir sind jetzt der Witz der anderen, die sagen: Schaut, wie Ägypten mit seinen Sängerinnen und Sängern umgeht – die armen ägyptischen Sänger haben eine Person, die ihnen immer wieder mit schriftlichen Verboten droht.“

Ein Konzert im Februar 2021 war der Auslöser

Der Auslöser der Verbote der Gewerkschaft war ein Konzert im ägyptischen Stadium im Februar 2021, auf dem zwei Mahraganat-Sänger, Omar Kamal und Hassan Shakoush, in einem Lied Haschisch und Alkohol erwähnt haben.
Daraufhin hat der Leiter der Gewerkschaft und der klassische Musiker Hany Shaker Live-Auftritte von Mahraganat-Musiker:innen verboten und Folgendes in einer ägyptischen TV-Sendung gesagt: „Auf dem Konzert wurde das Lied mit dem Originaltext gesungen, in dem es um ‚Alkohol und Haschisch‘ geht. Nein, das geht zu weit. Alle Mahraganat-Sänger dürfen nicht mehr arbeiten. Unsere Zusammenarbeit mit dieser Musikform ist zu Ende. Die Musik, die sexuelle Andeutungen und unverschämte Texte hat, wird nicht akzeptiert. Wir wollen respektvolle Kunst. Das Singen von Mahraganat passt nicht zum Ruf und Bild Ägyptens.“
Hany Shaker steht beim Babel International Festival vor einem  Mikrofon und singt.
"Unsere Zusammenarbeit mit dieser Musikform ist zu Ende": Der klassische Musiker Hany Shaker ist Leiter der Gewerkschaft.© picture alliance / AA / Karar Essa
Die Gewerkschaft macht sich Sorgen über den Einfluss der Mahraganat-Musik auf die Werte der ägyptischen Gesellschaft. Manche Menschen in Ägypten haben auch Angst, dass ihre Kinder von den Texten im Mahraganat oder Rap negativ beeinflusst werden.
Doch überzeugen diese Gründe den Musikexperten Gemyhood nicht. Denn es gibt bis heute viele Filme in der Geschichte des ägyptischen Kinos über Drogen, Alkohol und Erotik. Aus seiner Sicht sind Filme ein viel stärkeres Medium als Musik.
„Ich weiß nicht, wo die Unhöflichkeit in den Liedern zu finden ist und wer ‚Unhöflichkeit‘ definiert. Schauen wir doch in unsere Geschichte: Seit den Zeiten der Mohamed-Ali-Straße – eine Straße voller Klubs im 19. Jahrhundert in Kairo – ist unsere Folklore voller ‚unhöflicher‘ Lieder. So sind wir aus den armen Vierteln. Meine Familie und die Nachbaren haben immer diese Lieder um Alkohol und Erotik gesungen. So sind wir“, sagt er.

Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft?

Die Mahraganat-Sänger kommen aus armen Vierteln und singen in ihren Texten genau das, was sie erleben. Sie haben wenige Grenzen in ihrer Kunst und in den Texten, berichtet Fanky vom Mahraganat-Duo El Sawareekh.
„Die meisten Mahraganat-Sänger sind in bestimmten Vierteln aufgewachsen, in denen es keine Regeln gibt. Sie sind mit mehr Freiraum aufgewachsen. Sie schimpfen mit allen und reden mit allen ohne Hemmung, mit dem Vater, der Mutter, mit Freundinnen und Freunden“, sagt er. „So sind sie aufgewachsen. Und beim Gesang, zeigen sie ihre Persönlichkeit in ihren Liedern. Ich mache unserem Sänger da keine großen Vorwürfe.“
Doch diese Lebensrealität will die reiche Schicht, zu der auch Hany Shaker gehört, nicht mitbekommen, denn das stört ihr Bild von Ägypten. Produzent Molotof und Musikexperte Gemyhood sehen darin eine klare Diskriminierung gegenüber den Mahraganat-Musiker:innen, die aus armen Vierteln kommen. Davon berichtet Gemyhood, der selber in einem armen Viertel in Kairo aufgewachsen ist.
„Das ist eine strukturelle Diskriminierung gegenüber Sängern, die etwas Neues machen wollen und aus armen Vierteln kommen“, kritisiert er.

Wenn euch unser Aussehen, unsere Texte stören, wenn euch Ägypten so sehr ekelt – weil wir Ägypten sind – und euch nur die Menschen gefallen, die im reichem Gouna leben und den Regeln folgen: Dann nehmt uns entweder alle mit in den Ferienort Gouna und wir werden ‚sauberer‘ oder ihr macht unsere Viertel schöner und damit wir auch was Schönes, damit wir etwas Menschliches sehen.

So könnten wir auch schöne romantische kitschige Lieder singen wie ihr.

Gemyhood

Nicht nur Klassismus – also die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft – spielt eine Rolle in den Entscheidungen der Gewerkschaft, sondern auch wirtschaftliche Faktoren. Ende 2020 wurden Auftritte von Rappern verboten, weil sie keine Musikinstrumente benutzen, sondern einen DJ und USB-Sticks. Laut Gewerkschaft gefährdeten sie so die echte Musik in Ägypten.

Konflikt der Generationen

Mahraganat und Rap sind heute die populärsten Musikformen in Ägypten. Anders als die Lieder der älteren Generationen, die vor allem um Liebe gehen, behandeln Mahraganat und Rapmusik alle alltäglichen Themen. Deswegen können sich viele junge Menschen in Ägypten mit der modernen Musik mehr identifizieren.
Das führt dann dazu, dass die ältere Generation der klassischen Sängerinnen und Sänger Angst hat, plötzlich keine Arbeit zu finden, meint Molotof.
„Als die ersten Sänger wegen ihrer Nutzung von USB-Sticks verboten wurden, habe ich gehört, dass es eigentlich daran lag, dass die Instrumenten-Spieler sich beschwert haben, dass sie keine Arbeit auf Konzerten finden, weil die meisten Konzerte mit DJ oder USB Sticks gespielt werden“, sagt er.
„Sie haben sich an die Gewerkschaft gewendet und um Hilfe gebeten. Daraufhin hat die Gewerkschaft andere Auftritt von Rap-Musikern verboten.“
Die Verbote der Gewerkschaft sind nur ein Symptom von aktuellen gesellschaftlichen Fragen in Ägypten. Wie in den meisten ägyptischen Institutionen sitzen in der Gewerkschaft alte Menschen, die die neue Generation nicht versteht und sie unterdrückt.
Von den rund 100 Millionen Ägyptern sind 60 Prozent jünger als 30. Das birgt großes Konfliktpotenzial berichtet Fanky, Mitglied der Musikband El Sawareekh, die inzwischen als Rap-Gruppe auftritt, weil Mahraganat immer noch nicht als Genre anerkannt ist.

Wenn ich zur Gewerkschaft gehe, singe ich als 20-jähriger junger Mann einem 60-Jährigen vor. Es ist unmöglich, dass er mich versteht. Er hat recht, er versteht mich wirklich nicht. Er hat viel in seinem Leben erlebt, aber am Ende singt vor ihm jetzt ein junger Mann etwas ganz Neues und Komisches für ihn.

Er sagt mir: ‚Was sagst du Sohn, das verstehe ich nicht. Dafür bin ich zu alt‘. Deswegen brauchen sie junge Menschen in der Gewerkschaft, die uns und unsere Texte verstehen, nicht die, die dafür zu alt sind.

Fanky

Gericht erklärt Musikverbote für illegal

Juristisch ist die Situation eigentlich klar: Die Gewerkschaft darf niemand verbieten, in der Öffentlichkeit zu spielen, urteilte ein Gericht. Die Verbote der Gewerkschaft sind illegal. De facto bestehen sie aber oft weiter oder sorgen zumindest für Unsicherheit. Deswegen sind heutzutage die meisten Menschen in Ägypten lieber vorsichtig.
„Ich habe das Gefühl, dass die Entscheidungen der Gewerkschaft auch Autorität symbolisieren sollen. Wir sollten immer das Gefühl haben, dass es einen Polizisten in unseren Köpfen gibt. Es gibt jemanden in unseren Köpfen, der uns überwacht und uns Angst macht. Und nicht will, dass wir das tun, was wir tun wollen. Und dafür muss es keinen Grund geben. Hauptsache du bist immer bedroht.“
Auch wenn die Gewerkschaft der Musikerinnen und Musiker in Ägypten das Genre Mahraganat bis heute nicht offiziell anerkannt hat, dürfen einige Künstlerinnen und Künstler inzwischen wieder live spielen, andere bleiben verboten. Die Gründe werden nicht transparent kommuniziert. Wie es weitergeht, ist umstritten. Manche von ihnen glauben, dass die Verbote sich wiederholen werden.

Forderung nach neuem Personal für Gewerkschaft

Manche hingegen glauben, dass die Gewerkschaft ihre Glaubwürdigkeit verlieren wird, wie Dokdok von der Band El Sawareekh.
„Jetzt wissen wir, dass der Leiter der Gewerkschaft einfach seinen eigenen persönlichen Interessen dienen will. Du kriegst mit deinen Verboten mediale Aufmerksamkeit und dadurch wirst du berühmter und machst Geld daraus. Das ist mir jetzt klar. Deswegen schenke ich den Entscheidungen der Gewerkschaft keine Aufmerksamkeit mehr. Ich will nicht mal ihre Meinung zu unserer Musik hören“, sagt er.

Die Gewerkschaft hat die Kontrolle über Mahraganat-Musik verloren. Die ganze Generation liebt Mahraganat. Wer ist dann jetzt das Problem? Die Gewerkschaft! Und deswegen werden ihre Chefs durch andere Menschen ersetzt, die Mahraganat gut finden.

Dokdok

Das sieht der junge Musikproduzent Molotof genauso. Doch hofft er gleichzeitig darauf, dass die Gewerkschaft ihre ursprüngliche Aufgabe, die Musikerinnen und Musiker zu unterstützen, künftig wieder leistet.
„Es sollte mehr Liebe und Unterstützung zwischen uns geben“, fordert er. „Statt uns zu verbieten, sollten wir zusammenarbeiten. Auch Hany Shaker kann mit uns singen. Wir könnten euch die Tür zeigen, weil wir die Zukunft sind, wir sind die jungen Menschen. Wir sind, was kommt, nicht ihr.“

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