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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.11.2009

Achtung, langsame Kunst!

Ausstellung "Slow Paintings" in Leverkusen

Von Jochen Stöckmann

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Mit dem Vorurteil, Konzeptkunst sei langweilig, will das Museum Morsbroich in Leverkusen gründlich aufräumen. So wie "slow food" erst beim bedächtigen Genuss all seine Aromen entfaltet, will auch ein "slow painting" intensiv betrachtet sein.

Eine flirrend-transparente Stadtlandschaft, ganze Schichten von Plätzen und Fassaden, die bei Corinne Wasmuht in- und übereinander in bodenlose Räume verfließen. Florale Muster, Blüten und Blumenblätter, die Ekrem Yalcindag auf einem großen Wandgemälde perlgrau und schwarz ineinander verwachsen lässt. Aber auch ganz figürliche, als comicartige Bilderrätsel angelegte Arbeiten von Alexander Esters. Und dann die lakonischen "date paintings" von On Kawara, der dem monochromen Malgrund Datumsangaben einschreibt. Augenscheinlich ein Bilder-Sammelsurium, das in Leverkusen-Morsbroich zu sehen ist, von Museumsdirektor Markus Heinzelmann ausgewählt nach einem einzigen Kriterium.

Markus Heinzelmann: "'Slow painting' ist ein Begriff, den wir für diese Ausstellung als eine Art Hilfsbegriff geprägt haben, um ganz vielen verschiedenen Arten künstlerisch zu arbeiten, seit den frühen 1960er-Jahren, einen Begriff zu geben."

Dass es sich dabei durchaus nicht um eine windige Kopfgeburt, ein klappriges Thesengerüst handelt, macht posthum Ad Reinhardt deutlich. Vor seinem erst nach minutenlanger "Anschauung" geheimnisvoll schillernden "black painting", einem mit unzähligen Farbschichten aufgetragenen schwarzen Kreuz auf schwarzem Grund, kann der Betrachter den Platz der Kuratoren einnehmen, ihre Begeisterung nachempfinden beim langsamen Erkunden und Erkennen dieser ältesten Arbeit, dem Ausgangs- und Angelpunkt des "slow paintings":

Markus Heinzelmann: "Wir wollen keine Richtung damit festsetzen, uns interessiert vielmehr der Zusammenhang zwischen Malerei und Konzeptualität. Der sich, beginnend für uns in dieser Ausstellung mit Ad Reinhardt, hier mit einem black painting von 1961 manifestiert. Dort noch die klassische Moderne - und damit natürlich wegweisend ist für die jüngeren Künstler, die wir hier in der Ausstellung haben."

Manchmal allerdings scheint der Bogen überspannt: Da ist zum einen Roman Opalkas konsequente, mit den Jahren weiß in hellgrau verschwindende Zahlenmalerei – beginnend mit der 1 links oben, vorerst endend mit 35.327 am untersten Zeilenrand. Und zum anderen der grelle, nur fragmentarisch ausgeführte Monster- und Hexensabbat eines Manuel Ocampo. Dazwischen klafft nur noch ein leerer Abgrund, sind kaum noch Korrespondenzen zwischen den Künstler-Generationen zu erkennen.

Markus Heinzelmann: "Je jünger die Kunst wird, desto mehr tritt das Spirituelle in den Hintergrund. Und das, was schon Roman Opalka und Ad Reinhardt prägen, nämlich das Konzeptionelle, tritt stärker in den Vordergrund. Wir haben ja Bilder, wo der Künstler einen halben Tag verwendet hat. Zum Beispiel Jonathan Monks Arbeit, der gar nicht selbst gemalt hat, sondern das per Internet verschickt hat. Und trotzdem: Hinter den sieben riesigen Leinwänden wird der Aufwand sichtbar und spürbar."

Zu sehen ist auf den meterhohen Gemälden vor der Berliner Mauer Martin Kippenberger, der Erfinder des Prinzips "Lieber Maler, male mir ...". Solch ein Auftrag ging diesmal nach China, wo Jonathan Monk nach einer Fotovorlage die Gemälde bestellte. Das ging rasend schnell – aber die Verschiffung der fertigen Leinwände, der Transport der dann materiell "leibhaftigen" Malerei brauchte seine Zeit. Eine ähnliche Anspielung auf das Prinzip Entschleunigung demonstrierte der 2002 gestorbene Michel Majerus mit seiner Wiedergabe der beiden "Großen Freunde", einem Frühwerk von Georg Baselitz. Gefunden beim flüchtigen Blättern in einem Hochglanzmagazin, in der Modezeitschrift "Vogue", scheint Majerus das Motiv in aller Eile zurück auf die Leinwand gebracht zu haben: Das schaut nun allerdings nach "fast painting", nach Schnellmalerei aus. Die Kritik einer rasenden Medienwelt wird nur erkennen, wer kunsthistorisches oder biografisches Vorwissen mitbringt.

Ganz anders bei Tomma Abbts, deren kleinformatige Abstraktion mehrere reliefartige "Pentimenti" aufweist, sogenannte "Reuelinien", die als unübersehbare Hinweise auf Übermalungen und Neuansätze vor allem altmeisterliche Kunstwerke auszeichnen. Hier wird allerdings nicht das virtuose Malergenie herausgekehrt, sondern ein Konzept kenntlich gemacht. Statt Vollendung in der Perfektionierung überkommener Schablonen zu suchen, geht es beim "slow painting" um das Nachdenken beim Malen, die reflektierte Variation.

Markus Heinzelmann: "Gillian Carnegie zum Beispiel, von der wir hier drei Blumensträuße, dreimal das gleiche Motiv haben, da entstehen nur eine Handvoll im Jahr. Und diese Gemälde werden extrem aufwendig vorbereitet, mit Skizzen, mit Farbstudien. Wenn wir sie betrachten, dann spüren wir das einfach. Wir sehen das in den Bildern, wir erfahren das."

Also nimmt der Kunstfreund das Konzept der "slow paintings"-Ausstellung nicht ganz so wichtig, verlässt sich lieber auf sinnliche Ahnungen, auf sein Auge eben, weniger auf den Intellekt – und schon gar nicht aufs schnelle Geschmacksurteil:

Markus Heinzelmann: "Wir wollen mit der Ausstellung keinen Gegensatz zwischen langsamer und schneller Malerei oder Malerei, die man langsam rezipiert oder die man schnell rezipiert, schaffen. Wir wollen auch keinen Gegensatz zwischen handwerklicher und nicht handwerklicher Malerei konstruieren. Wir lenken nur den Blick auf aufwendige Bilder - in der Herstellung, in der Rezeption – und werten das nicht. Das ist vielleicht auch ein Aspekt mancher Künstler in dieser Ausstellung, dass sie sehr - im positiven Sinne - skrupulös sind."

Und skrupulös, gewissenhaft, das hat man am Ende gelernt, ist das Gegenteil von penibel, von peinlich genau: So genau nämlich darf man es mit dem "slow painting" nicht nehmen – dann lässt dieser neue Ansatz durchaus Ein- und Querblicke zu, gegen alle Gattungsgrenzen und Stil-Barrieren.

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