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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 06.07.2011

"Achten Sie auf die Umlaute!"

In Goethes Namen: 60 Jahre deutsche Kulturarbeit im Ausland

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

1976 lernen Frauen in Lomé, der Hauptstadt von Togo, Deutsch im Goethe-Institut (Goethe-Institut)
1976 lernen Frauen in Lomé, der Hauptstadt von Togo, Deutsch im Goethe-Institut (Goethe-Institut)

1951 wurde das Goethe-Institut wieder gegründet. Sein Vorläufer, die "Deutsche Akademie", war von den Alliierten geschlossen worden. Zu groß war die Nähe zu den Nationalsozialisten gewesen, zu sehr ging es damals um die "Pflege des Deutschtums" und um Deutschlands Stellung in der Welt. Nach 1945 sollte das anders werden.

"Erst als sie mir einen großen messingfarbenen Schlüssel in den Schoß legte, der mit seinem einfach geschwungenen Bart aussah wie das Bühnenrequisit zu einem Weihnachtsmärchen, merkte ich schließlich, was hier geschah."

Die jungen Frauen lernen schnell am Goethe-Institut in Neu Delhi. Seit drei Jahren besuchen sie hier einen Deutsch-Kurs und lesen jetzt einen zeitgenössischen Roman, "Der Geschmack von Apfelkernen". Ihre Deutschlehrerin Shatabdi Gosh-Laskar erwartet, dass sie das Buch ganz genau verstehen:

"Was für ein Schlüssel ist denn das? Was symbolisiert der Schlüssel? − Das Haus hat eine lange Geschichte und mit dem Schlüssel hat sie auch die Geschichte bekommen. − Schön!"

So wie in diesem Kurs lernen jedes Jahr 185.000 Menschen Deutsch an einem von 150 Goethe-Instituten in aller Welt. In Indien nimmt die Nachfrage seit einigen Jahren so rasant zu, dass selbst der Leiter der Niederlassung in Neu Delhi, Heiko Sievers, staunt:

"Wir gehen ja hier nicht als Missionare her und sagen, jetzt müsst ihr Deutsch lernen, sondern wir nehmen ja sehr bewusst und sehr erfreut das große Interesse entgegen, das in den jeweiligen Gastländern dann auf uns einströmt. Ich war vorher in Ägypten und da ist es genauso, da gibt es einen unendlichen Run auf Deutsch-Unterricht - mehr als wir befriedigen können."

Neben der Sprache will das Goethe-Institut auch Kenntnisse über die deutsche Kultur vermitteln. Wenn sie ein Buch lesen und besprechen, erfahren Schülerinnen wie Khyati Bhatia auch viel über den deutschen Alltag:

"Wenn ich die indische und deutsche Kultur vergleiche, das finde ich sehr toll. Als ich diesen Roman lese, ich habe gefunden, nach der Beerdigung gehe man zum Kaffee trinken und Butterkuchen essen. Aber hier in Indien gibt es solche Kultur nicht."

"Wir wollen die geistig-kulturellen Leistungen Deutschlands der freien Welt anbieten, ohne damit Ideologie zu exportieren." 290 Millionen Euro gibt das Goethe-Institut in diesem Jahr für seine Arbeit aus. Gut ein Viertel davon nimmt es selbst ein, etwa durch Gebühren für Sprachkurse und Eintrittsgelder bei Konzerten oder an Filmabenden. Für drei Viertel des Etats kommt der deutsche Steuerzahler auf. Dabei ist das Goethe-Institut keine staatliche Einrichtung, sondern ein privater Verein.

Vor Ort betonen Institutsleiter wie Heiko Sievers, dass sie und ihre Mitarbeiter allein entscheiden, wie sie diesen Auftrag ausführen und welche Künstler oder Intellektuellen sie zu einem Vortrag einladen:

"Ich glaube, sowohl viele Künstler als auch viele meiner Kollegen würden sich scheuen zu sagen, es ist unser Auftrag, westliche Werte zu vermitteln. Es gibt einen Kooperationsvertrag zwischen Goethe-Institut und Auswärtigem Amt, der uns sehr, sehr viel Autonomie zusichert. Das ist natürlich im Einzelfall manchmal schwierig zu definieren, was das bedeutet."

Politiker, die regelmäßig viel Geld bewilligen, definieren aber meist genau, was sie dafür haben wollen. Franz Josef Strauß, der als CSU-Abgeordneter in Bonn lange über den Etat mitbestimmte, genügte 1986 ein Satz, um den Führungskräften des Goethe-Instituts klar zu machen, was er erwartete:

"Der auswärtigen Kulturpolitik kommt die Hauptaufgabe zu, in aller Welt für die Bundesrepublik Deutschland zu werben."

60 Jahre Goethe-Institut sind daher nicht nur 60 Jahre Sprachunterricht und Kulturaustausch, sondern auch 60 Jahre Streit um Auftrag und Autonomie. Was Franz Josef Strauß forderte, war beileibe keine Einzelmeinung, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte auswärtiger Kulturpolitik in Deutschland. Diese Geschichte begann schon in der Weimarer Republik. 1925 wurde in München die Deutsche Akademie gegründet, der Vorläufer des Goethe-Instituts. Offizielles Ziel war "die Erforschung und Pflege des Deutschtums". Tatsächlich ging es um Deutschlands Stellung in der Welt, erklärt der Historiker Eckard Michels, der sich auf Kulturpolitik spezialisiert hat:

"Der Hauptgrund war, dass sich einflussreiche Professoren der Münchener Universität berufen fühlten, Deutschlands diplomatische Isolierung nach dem Ersten Weltkrieg aufzubrechen und glaubten, mittels der Kultur neue Freunde für Deutschland finden zu können."

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg hatte Deutschland Gebiete wie das Elsass oder Danzig abtreten müssen. Dort und in vielen Nachbarstaaten lebten jetzt Millionen Auslandsdeutsche. Die Deutsche Akademie wollte sie weiter ans Reich binden und verhindern, dass sie sich in ihren neuen Heimatländern assimilierten. Aber auch jenseits der ehemaligen deutschen Grenzen, vor allem auf dem Balkan, gründete sie Sprachschulen. Die hießen ab 1932 "Goethe-Institute der Deutschen Akademie zur Ausbildung ausländischer Deutschlehrer".

Eckard Michels: "Diese Gründer der Deutschen Akademie haben sich bewusst als Diener der Außenpolitik aufgefasst, die ihnen gerade auf dem kulturellen Gebiet nicht aktiv genug war. Das waren meistens deutschnational gesinnte Personen, die überhaupt keine Probleme damit hatten, dass Deutschland eine Großmacht sein sollte, wieder, und wollten dazu beitragen, dass das weiter so bleiben würde."

Die Strategie war von den Siegern des Ersten Weltkriegs abgeschaut: Großbritannien und Frankreich verbreiteten schon länger ihre Sprache und Kultur in anderen Ländern. Das hatte ihnen geholfen, die gebildeten Oberschichten vieler Staaten für sich einzunehmen und so weltweit Partner zu gewinnen.

Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, hoffte die Deutsche Akademie auf mehr Förderung und trennte sich schleunigst von den damals in Ungnade gefallenen Künstlern wie Thomas Mann oder Max Liebermann, mit denen sie sich bis dahin geschmückt hatte. Doch die Zuschüsse flossen selbst dann noch spärlich, als sie 1937 mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Ludwig Siebert erstmals einen NSDAP-Parteigenossen zu ihrem Präsidenten machte. Erst als Hitler den Krieg begann, verfünffachte sich plötzlich das Budget, von 550.000 Reichsmark auf 3,7 Millionen. Ein neuer, mächtiger Sponsor trat auf:

"Der Präsident der Deutschen Akademie, Ministerpräsident Siebert, führte heute Staatssekretär Gutterer vom Propagandaministerium als neuen Vorsitzenden der Berliner Freunde der Deutschen Akademie ein."

Leopold Gutterers Chef, Propagandaminister Joseph Goebbels, hatte nach einem Führererlass die Dienstaufsicht über die Deutsche Akademie übernommen und ein klares Ziel vorgegeben: Deutsch sollte Weltsprache werden. Und als die Wehrmacht ein Land nach dem anderen überfiel und unterwarf, schien das sogar möglich.

Eckard Michels: "Gerade in den ersten ein oder zwei Jahren der Besatzung boomte Deutsch geradezu. Das beste Beispiel ist das besetzte Frankreich. In den Jahren 1940-42 konnten sich die Lektorate der Deutschen Akademie kaum retten vor Sprachschülern, weil natürlich viele glaubten, Deutschland werde jetzt auf unabsehbare Zeit den europäischen Kontinent dominieren und dann sei es besser, man würde sich mit der Sprache der neuen Großmacht vertraut machen."

Eckart Michels hat die Lehrpläne und -bücher jener Jahren durchgesehen und festgestellt: Der Alltag unterm Hakenkreuz wurde in rosigen Farben gemalt, aber eine offene Propaganda oder gar Hetze gegen Juden vermied die Deutsche Akademie. Goebbels zahlte Jahr für Jahr mehr, so dass die Deutsche Akademie weltweit über 120 Kulturinstitute betreiben konnte und in fast allen europäischen Hauptstädten vertreten war.

Eckard Michels: "Die Deutsche Akademie ist 1945 von den Amerikanern verboten worden, hauptsächlich weil in der Führung der Deutschen Akademie ausgewiesene Nationalsozialisten saßen. Der Präsident war Arthur Seyß-Inquart, Reichskommissar in den besetzten Niederlanden und nationalsozialistischer Minister ohne Geschäftsbereich, ein österreichischer Nazi der ersten Stunde. Der Leiter der wissenschaftlichen Abteilung war Walther Wüst, ein SS-Ahnenforscher, und ein anderer Grund war auch noch, dass Karl Haushofer, der oft so als intellektueller Ideengeber Hitlers gesehen wurde, einer der Mitbegründer der Deutschen Akademie gewesen war."

Trotz des Verbots ließen die Alliierten das millionschwere Vermögen, das die Münchener Zentrale angehäuft hatte, unangetastet. 1951 trafen sich 70 ehemalige Mitarbeiter um zu diskutieren, wie sie mit Hilfe dieser Gelder ihre Arbeit wieder aufleben lassen könnten. Unter dem Namen der verbotenen Deutsche Akademie wäre es nicht gegangen, das war klar. Aber sie brauchten einen Titel, der sie als legitime Erben des Vermögens auswies. Also erinnerten sie sich an die Bezeichnung, unter der die Sprachschulen firmiert hatten und gründeten am 9. August 1951 in München den Verein "Goethe-Institut zur Pflege der deutsche Sprache im Ausland". Von Politik wollten die Gründer nichts wissen, nur Deutsch lehren und im Ausland Sprachlehrer ausbilden.

"Wie allen anderen steht auch Fräulein Abdel Motaleb aus Port Said die gefürchtete Lehrprobe noch bevor. Sie wird sich doch wohl gut vorbereitet haben?"

Wie das aussehen sollte, zeigt der Film "Deutsch am Nil", den das Goethe-Institut 1962 produzierte:

"Letzte Ermahnungen dringen auf sie ein: Nehmen Sie immer die Klasse in den Blick! Halten Sie die Zeit ein! Achten Sie auf die Umlaute!"

Der Sprachunterricht ist noch heute der wichtigste Teil des Programms, aber Methoden und Inhalte wurden gründlich modernisiert. Namensgeber Goethe kommt kaum noch vor im Unterricht.

In Indien nennt sich das Institut schon traditionell gar nicht nach ihm, sondern nach Max Müller, einem Sprachforscher aus dem 19. Jahrhundert, der viele heilige Texte der Hindus aus dem Sanskrit übersetzt hat.

Sprachschülerin: "Deutschland ist wie ein Traum. Ich möchte nach Deutschland fahren. Ich habe so viel mit Deutsch beschäftigt, jetzt möchte ich unbedingt Deutschland erfahren."

Heiko Sievers: "Der Markt bestimmt und die Menschen hier, die jungen Leute, erleben eben, dass ihr Marktwert deutlich erhöht wird dadurch, dass sie Fremdsprachen sprechen und von daher ist es für junge Leute, die in die globalisierte Welt einsteigen wollen, sei es international, sei es zu Hause, wichtig, dann mehr auch als die eigene Sprache zu kennen."

Was die jungen Leute in Neu Delhi heute interessiert, sind nicht die Werke der Dichter und Denker von einst, sondern das moderne Deutsch, betont Institutsleiter Heiko Sievers.

Sprachschülerinnen: "Ich möchte nach Deutschland fahren, um diese Sehenswürdigkeiten zu sehen. Zum Beispiel Brandenburger Tor und Berliner Mauer. Und ich habe auch sehr viel über das Oktoberfest gehört, da möchte ich auch gerne hin. − Hier in Indien, wir kümmern uns um unsere Familie, und dann Kinder und so, und immer das Geld sparen. Die Deutschen sind so, sie wollen immer Spaß haben. − Sauberkeit in Deutschland. Ich finde, Deutschland ist viel sauberer als Indien. − Schwarzwaldkuchen! Schokolade, Wein, Bier, Ritter-Sport! (alle durcheinander)"

1951, als das Goethe-Institut wiedergegründet wurde, lag Deutschland in Trümmern und sein Image war ruiniert. Die Startbedingungen waren also noch viel schwieriger als in den Anfangsjahren der Deutschen Akademie, erläutert der Historiker Eckard Michels:

"Der Ansatz war der gleiche: Sympathiewerbung für Deutschland nach den verlorenen Weltkriegen. Was ein bisschen anders war nach 1951 bei der Wiedergründung, war, dass die Wiedergründer des Goethe-Instituts am Anfang versucht haben, nicht so eng mit dem Auswärtigen Amt zusammenzuarbeiten wie in den 20er-Jahren. Das war in gewisser Weise, würde ich sagen, eine Art Lernprozess, wir haben uns zu sehr mit den Machthabern in den späten 20er- und 30er-Jahren eingelassen und unser Verein ist sozusagen zum Sklaven des Auswärtigen Amtes geworden."

Das Goethe-Institut wollte vor allem zeigen, dass es noch ein anders Deutschland gab als jenes, das die Welt während des Zweiten Weltkriegs kennen gelernt hatte.

Filmausschnitt "Deutsch am Nil": "Herr Halil, würden Sie mir bitte einen deutschen Dichter nennen, dessen Schicksal mit der Stadt Berlin in Verbindung zu bringen ist? – Heinrich von Kleist. – Gut. – Er beendete sein Leben am Wannsee, dort liegt er jetzt begraben. – Sehr gut!"

Für dieses andere Deutschland sollten in den Sprachkursen vor allem die Klassiker stehen.

Filmausschnitt "Deutsch am Nil": "Nennen Sie mir doch bitte ein oder zwei Werke von ihm. – 'Der zerbrochene Krug' und 'Prinz Friedrich von Homburg'. – Ja, sehr schön."

In den ersten zehn Jahren seit der Wiedergründung eröffnete das Goethe-Institut bereits 36 Niederlassungen in 23 Staaten, vor allem in Westeuropa, aber auch in Ländern wie Ägypten und Indien. Das Auswärtige Amt finanzierte diese rasche Expansion. Die Botschaften der jungen Bundesrepublik schmückten sich gern mit Kultur und ließen das Goethe-Institut oft wie eine Filiale der diplomatischen Vertretung erscheinen.

Einer der ersten, der daran Anstoß nahm, war Günter Grass. Der berichtete in den 60er-Jahren in einer Sendung von RIAS Berlin über seine Lese-Reisen für das Goethe-Institut:

"Zum Beispiel gibt es gewisse Hindernisse für ein bestimmtes Publikum, deutsche Emigranten, auch heute noch diese Häuser zu betreten, weil leitende Angestellte, leitende Beamte der deutschen Botschaft oder der Botschafter selbst eine belastete Vergangenheit haben und ich habe es in einigen Fällen erlebt, dass das Auftreten jüngerer deutscher Schriftsteller, so war es bei mir in London zum Beispiel, das Eis bricht und die Emigranten dieses Haus zum ersten Mal betreten und dann sehr froh sind, dass sie diese Art von Verbindung wieder haben können, die Bibliothek mitbenutzen können, die deutsche Zeitungen, die dort ausliegen, auch den Kontakt wahrnehmen können."

Ausschnitt Goethe-Institut-Film "Guten Tag – Wie geht’s?":
(Bierzeltmusik, darauf Frauenstimme:) "Kommen Sie nach München! Kommen Sie zum Oktoberfest! Sie versäumen wirklich etwas, wenn Sie nicht einmal auf dem Oktoberfest waren!"

Viele Veranstaltungen verströmten noch die Gemütlichkeit der Wirtschaftswunderjahre, während in der Bundesrepublik selbst langsam eine Debatte über den Zustand der Gesellschaft und ihren Umgang mit der Vergangenheit begann.

Günter Grass: "Die Gegensätze, die das Land zu bieten hat, die müsste man dort auch vorstellen. Nicht dies Harmonisierende und durch eine Musikberieselung künstlich harmonisierte Programm."

Um die Arbeit zu modernisieren, brauchte es einen politischen Anstoß von außen. Als Willy Brandt Ende der 60er-Jahre zunächst Außenminister und später Kanzler wurde, überließ er die auswärtige Kulturpolitik seinem Parlamentarischen Staatssekretär Ralf Dahrendorf. Der bot dem Goethe-Institut eine Rahmenvereinbarung an, die seine Autonomie stärkte. Und er regte in seinen Leitsätzen für die Auswärtige Kulturpolitik an, nicht nur gelegentlich kritische Schriftsteller einzuladen, sondern eine explizit politische Programmarbeit aufzubauen.

In den Goethe-Instituten gaben sich jetzt alle diejenigen die Klinke in die Hand, die daheim als kritische Intellektuelle galten: Joseph Beuys und Max Ernst, Rainer Werner Fassbinder und Helma Sanders-Brahms, Hans Magnus Enzensberger und Walter Jens. Wie nicht anders zu erwarten, produzierten sie auch so manchen Eklat. Den wohl spektakulärsten schuf der Plakatkünstler Klaus Staeck. In einer Ausstellung 1975 in London, die vom dortigen Goethe-Institut mitgetragen wurde, hatte er Fotomontagen gezeigt, auf denen der damalige CSU-Chef Franz-Josef Strauß zu sehen war, mal messerwetzend und mal mit einer Flinte bewaffnet unter der Schlagzeile "Der kalte Krieg macht uns erst richtig heiß".

Klaus Staeck: "Wir haben in London eine der erfolgreichsten Avantgarde-Ausstellungen seit langem gemacht und bekommen zu Hause nichts als Prügel dafür."

Unions-Politiker sprachen von Diffamierungen und Missbrauch von Steuergeldern, der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher pflichtete ihnen bei. Klaus Staeck erklärte in einem Fernseh-Interview, er fühle sich zensiert:

"Herr Genscher hat sich entschuldigt für diese Ausstellung, für die Bezuschussung, er hat das Vorgehen des örtlichen Goethe-Instituts missbilligt. Wenn ein Minister rügt oder missbilligt, dann möchte ich den Goethe-Haus-Mann sehen, der es wagt, gegen seinen Minister mit mir ein Ausstellung zu machen."

Weil es für weitere Staeck-Ausstellungen kein Geld mehr geben sollte, verkündeten unter anderem Heinrich Böll und Günter Grass einen Boykott der Goethe-Institute. Später traten sie dennoch wieder dort auf. Ihre häufige Präsenz in den Programmen bestätigte Konservative in einem Verdacht, den sie schon lange hegten: die Goethe-Häuser seien von einer linken Schickeria unterwandert, die ständig lamentiere über Radikalenerlass, Atomenergie oder Nachrüstung.

Franz Josef Strauß: "Wer im Ausland von der Bundesrepublik Deutschland als einem Atom- und Polizeistaat redet und behauptet, bei uns würden monopolkapitalistische Interessen rücksichtslos durchgesetzt, der schadet der Bundesrepublik Deutschland. Mit Rücksicht auf die außenpolitischen Interessen der Bundesrepublik Deutschland hat der Leiter eines Goethe-Instituts in Indien oder Lateinamerika weiter zu denken, als nur an ein möglichst buntes Programm, das ein Spiegelbild seiner eigenen Konfusion zu sein pflegt."

Franz-Josef Strauß schrieb noch 1986 den Führungskräften ins Stammbuch, ihr Institut habe vor allen anderen Dingen eine wichtige Funktion im Kalten Krieg zu erfüllen:

"Beschränkt sich unsere auswärtigen Kulturpolitik mehr oder weniger eng auf die Kultur der Gegenwart, dann stehen, wenn es um das geschichtliche Kapital geht, die österreichischen Kultur-Institute zu Diensten und, was in Zukunft noch bedeutsamer und bedrohlicher ist, die Herder-Institute der DDR. Dort wird den staunenden Ausländern gezeigt, wo die klassische, humanistische deutsche Kultur wirklich gepflegt wird. Die hellen und festlichen Farbtöne, mit denen die DDR ihr Land im Ausland malt, werden auf Dauer erfolgreicher sein als die düstere Götterdämmerungspalette der Bundesrepublik Deutschland."

Nachdem die Mauer gefallen war, konnte das Goethe-Institut sogar Richtung Osteuropa expandieren. Mitte der 90er-Jahre gab es weltweit 165 Niederlassungen.

Aber jetzt fragten nicht nur Konservative: Wofür brauchen wir die? Wem sollen wir unsere westlichen Werte denn noch nahe bringen, wenn sie doch überall gesiegt haben? Es war eine rot-grüne Regierung, die Ende der 90er-Jahre dem Goethe-Institut die Mittel kräftig zusammen strich.

Binnen weniger Jahre wurde nicht nur die Zentrale in München verschlankt, sondern fast jede vierte Auslandsfiliale geschlossen. Erst 2007 stabilisierte sich die finanzielle Lage wieder.

Wolf Lepenies: "Die Europäisierung der Welt ist an ihr Ende gekommen und die Industriegesellschaften Europas, die sich traditionell als Belehrungsgesellschaften verstanden, müssen wieder zu Lerngesellschaften werden."

Schon 1996 hatte der Wissenschaftssoziologe Wolf Lepenies das Goethe-Institut und vergleichbare Einrichtungen anderer westlicher Länder als Überbleibsel einer euro-zentristischen Belehrungskultur beschrieben, die in einer globalisierten Welt nicht mehr zeitgemäß sei:

"Für ein friedliches Zusammenleben in der Weltgesellschaft der Zukunft wird alles davon abhängen, dass sich zwischen den einzelnen Kulturen zunehmend Lerngemeinschaften herausbilden und dass durch die Bündelung unterschiedlicher Erfahrungen und Erwartungen unsere gemeinsamen Innovationschancen wachsen."

Der damals von Wolf Lepenies geforderte Wandel ist im Goethe-Institut Neu Delhi heute Programm, betont dessen Leiter Heiko Sievers:

"Wir wollen ein Deutschlandbild vermitteln, aber ohne den Zeigefinger und die Direktive. Das passiert, indem man bestimmte Diskussionen initiiert, indem man Menschen zusammenbringt und nicht immer das Deutsche in den Vordergrund stellt und auch den Mut hat zum Risiko, dass sich daraus was entwickelt."

Internationale Kulturarbeit sollte heutzutage einen Transfer von Ideen und Meinungen in beide Richtungen bedeuten. Das findet auch Suddhabrata Sengupta. Er kam als Kind oft ins Goethe-Institut, weil seine Mutter hier Deutsch lernte. Er hat hier viele Bücher gelesen, viele Filme gesehen, überhaupt viele Anregungen erhalten. Heute ist er ein international renommierter Multimedia-Künstler und Regisseur, der sich in seinen Arbeiten vor allem mit dem Wandel der Lebensbedingungen in großen Städten auseinandersetzt. Er hat in Deutschland Filme gedreht, Ausstellungen gestaltet, und Installationen auf der "documenta" in Kassel präsentiert. Bei seinen Auftritten hierzulande hat Suddhabrata Sengupta den Eindruck gewonnen, Deutschland könne durchaus auch etwas von Indien lernen:

"Was mich irritiert ist, dass die Vielfalt der deutschen Gesellschaft sich in der Kultur gar nicht widerspiegelt. In Delhi werden 20 oder 30 verschiedene Sprachen gesprochen, in Berlin ist das nicht anders. Aber in Delhi hört man die auch in Kinos oder Theatern, während man in Deutschland das Gefühl hat, alle Stimmen in der Kultur sind deutsch. Dabei könnten die Einwanderer doch eine Bereicherung für die Kultur-Szene in Deutschland sein. Aber sie wirken fremd, während bei uns die Verschiedenheit als selbstverständlich akzeptiert wird. Ich glaube, es würde Deutschland gut tun, wenn die vielen verschiedenen Kulturen mehr Raum bekommen würden."

Gleichzeitig bewundert Suddhabrata Sengupta die deutsche Gesellschaft, weil sie das Trauma des Nationalsozialismus so gründlich durchgearbeitet habe. In der Bundesrepublik sei so eine demokratische Kultur entstanden, die er sich auch für Indien wünschen würde:

"Ich glaube, die deutsche Gesellschaft hat einen immensen Aufwand getrieben, um ihre Schuld während des Zweiten Weltkriegs zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Und durch diese Debatte ist eine große Offenheit entstanden, die es möglich macht, alle Dinge zu thematisieren, ob in der Kunst, in der Geschichte oder der Gesellschaft. Es gibt keine Tabuthemen. In Deutschland ist das ganz normal."

In Indien sind Freiheits- und Menschenrechte ein heikles Thema. Einerseits rühmt sich das Land mit seinen 1,2 Milliarden Menschen als größte Demokratie der Welt. Andererseits kommt es immer wieder zu gewalttätigen Zusammenstößen verschiedener Volksgruppen und zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Mehrere Bundesstaaten werden nach Notstandsgesetzen regiert. Proteste dagegen werden unterdrückt, immer wieder gibt es Übergriffe von Polizei und Militär gegen Demonstranten. Amnesty International berichtet von willkürlichen Verhaftungen und Folterungen. Diese Probleme werden in Veranstaltungen des Goethe-Instituts häufig angesprochen.

Heiko Sievers: "Thema Zensur. Wir verstehen, welche Rolle gerade Filmzensur im indischen Leben spielt und dass es überhaupt keine Alternative zur Zensur hier von der Verfasstheit der gesamten Gesellschaft her gibt. Filme werden zensiert, Theaterstücke werden zensiert."

Nach der Erfahrung von Heiko Sievers hilft es dann wenig, einfach auf die westlichen Freiheitsvorstellungen zu verweisen und deren Umsetzung auch in Indien zu propagieren:

"Dann kann man immer wieder nur lernen, wie dann auch gebildete, hoch artikulierte Menschen beschreiben, warum es eine, wenn man so will, Aufsichtbehörde geben muss für das, was die Massen erreicht und das ist eben in Indien der Film. Ich gebe da nur wieder, was ich lerne, dass man sich eben nicht vorstellen kann, ungefiltert alles in die Kinos zu schicken, was möglicherweise zur großer Aufregung und großem Ärger bei Menschen führt, die vielleicht nicht den gleichen Bildungshintergrund haben wie die, die die Filme machen. Wenn man sich die indische Geschichte anguckt, kann man sich vorstellen, wo da die Konfliktpunkte liegen: zwischen den religiösen communities, zwischen den Kasten, Klassen usw. und Film ist eben ein wahnsinnig verbreitetes Medium und damit liegt da auch enormer Sprengstoff."

Noch brisanter ist Indiens Verhältnis zu Pakistan. Beide Staaten verfügen über Atomwaffen und haben bereits drei Kriege gegeneinander geführt. Hauptstreitpunkt ist die Grenzregion Kaschmir. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, immer wieder Unruhen und Terroranschläge beim Nachbarn zu inszenieren. In beiden Ländern gibt es aber auch Intellektuelle, die sich für eine Verständigung einsetzen. Suddhabrata Sengupta gehört zu ihnen:

"Es ist normalerweise fast unmöglich, dass sich Pakistanis und Inder treffen. Man bekommt einfach kein Visum. Unsere beiden Regierungen versuchen mit geradezu unverschämten Methoden jeglichen Dialog zu verhindern. Da spielen die Goethe-Institute in Indien und Pakistan eine große Rolle, weil sie Künstler und Intellektuelle aus beiden Ländern zusammenbringen. Wer von Goethe eingeladen wird, dem können die Behörden nicht so leicht das Visum verweigern. Wenn man sich die wenigen Gesprächskontakte ansieht, die über die Grenzen hinweg existieren, dann haben viele im Goethe-Institut ihren Anfang genommen. Da war dieses Haus enorm wichtig. Und ich weiß, dass das Goethe-Institut eine solche Rolle auch woanders spielt."

In Nikosia auf Zypern zum Beispiel. Dort hat Cornelia Piper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, erst vor drei Wochen das jüngste Goethe-Institut eingeweiht. Es liegt genau auf der sogenannten "Grünen Linie", die den türkischen und den griechischen Teil der Stadt voneinander trennt.

Eckard Michels: "Ich glaube schon, dass es einfach an manchen Stellen der Welt, wo es Bürgerkriege gibt oder zwischenstaatliche Konflikte, gut ist, wenn sozusagen ein dritter Akteur eine Plattform liefert, auf der sich Konfliktparteien oder unterschiedliche Kulturen treffen können. Wie in den Palästinensergebieten oder in Sarajevo."

Als kultureller Vermittler in Konfliktregion aufzutreten – das könnte nach Meinung des Historikers Eckard Michels in Zukunft die vielleicht wichtigste Funktion des Goethe-Instituts sein:

"Letztendlich ist ja das deutsche Erbe nach 1945 auch die Aussöhnung mit ehemaligen Feinden und wenn man dieses Modell ins Ausland exportiert und ein Goethe-Institut dazu beitragen kann, dass Israelis und Palästinenser oder Inder und Pakistanis sich treffen und ihre Gemeinsamkeiten entdecken können, ist das in gewisser Weise auch eine Fortführung deutscher kultureller Traditionen, die wir nach 1945 geschaffen haben."

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