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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.05.2016

Acht-Brücken Festival in KölnWie funktioniert ein Glaube?

Von Maria Riederer

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Der angestrahlte Kölner Dom, davor die Hohenzollernbrücke in Köln. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Kölner Dom, davor die Hohenzollernbrücke in Köln (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Seit einer Woche läuft in Köln das Acht-Brücken-Festival für Neue Musik. "Musik und Glaube" lautet das diesjährige Motto. Die Stilrichtungen streifen auch traditionelle Musikformen verschiedener Religionen und Regionen der Welt. Maria Riederer hat sich Uraufführungen junger Komponisten angehört.

Anders als die klassische, lateinische Totenmesse beginnt Christina Cordelia Messners Requiem nicht mit dem Gebet, dass die Toten in Frieden ruhen mögen. Im Angesicht des Todes steht zunächst der Narr auf, stellt sich vor Gott und legt ihm einen ganzen Fragenkatalog vor, der mit dem großen "Warum" beginnt.

"Die Figur des Narren, die hat sich so herausgebildet aus meinem eigenen Zugang, ambivalenten Zugang zu Glaube und Religion, die eben sehr mit Zweifeln und vielen Fragen verbunden ist und wenn man so recherchiert, also in der jüdischen Tradition, in den Psalmen oder Jesus selbst - warum hast du mich verlassen - also diese Zweifel an der Existenz Gottes, aber auch an dem, was er zulässt, die durchziehen ja auch diese ganze Geschichte, und im Islam gibt es ja auch, viele andere, bei den Mystikern, gibt es den Rumi und den Attar, das waren so Personen, die auch viel Fragen gestellt haben einfach. Dieses Sterben und die Frage, was kommt denn danach? Damit werden wir einfach nicht fertig."

Die Komponistin haben beim Erstellen ihres Konzeptes noch andere Fragen bewegt:

"Warum ist das eigentlich so stark, oder: Wie funktioniert das, so ein extremer Glaube an wörtliche Inhalte aus dem Koran oder aus der Bibel, aus was auch immer, und nebenher haben wir so 'ne aufgeklärte, technisierte Gesellschaft, das beschäftigt mich schon lange, wie funktioniert das gleichzeitig, dass man das eine weiß und das andere dann glaubt?"

Das gibt auch der Titel wieder, "Requiem". Aber eben in der Schreibweise: "Re! – Ausrufezeichen – quiem". Denn re! ist ein lateinischer Imperativ und heißt "denke!"

"Dann bin ich eben drauf gestoßen auf diesen Ausdruck reri, lateinisch, der glauben und denken und rechnen heißt und dachte - ja, dann ist das ja in einem kleinen Wörtchen irgendwie schon beides enthalten, und - ich muss auch zugeben - so naiv das vielleicht klingt - aber es ist schon auch so bisschen so wie: Hallo, jetzt wacht mal auf - das ist ja auch der Titel von einem Stück - jetzt denkt doch mal nach und rennt nicht blind immer irgendwelchen Parolen hinterher."

Gedichte für Erwachsene und Kinder

Die Texte im Libretto hat Christina Cordelia Messner zusammengeflochten aus den Traditionen verschiedener Religionen. Aus Bibel und Koran, aus mystischen Texten, indianischen Versen, jiddischen Liedern und Gedichten für Erwachsene und Kinder. Die einzelnen Sätze erzählen von der Zeit, von Erde und Asche, von Stille und Licht, und von den Übergängen, in denen sich entscheidet, wohin die Reise nach dem Tod gehen wird. So spricht ein Totenlied der Pygmäen von den engen Pforten des Dan, durch das sich die Seelen wie schwärmende Mücken hindurchzwängen.

"Es gibt immer diesen Punkt nach dem Tod, also nicht immer dieser Tag des Gerichts, aber irgend so eine Situation, wo sich entscheidet: Wo gehst du hin?"

Bei der Uraufführung in einer zugigen Kölner Fabrikhalle bewegt sich das temporäre Ensemble aus Laienchören und professionellen Musikern durch alle Höhen und Tiefen menschlicher Stimmlagen. Sänger und Instrumentalisten werfen sich – durch den Raum hindurch, gegenseitig die Klänge zu, um dann wieder gemeinsam von der Einheit urmenschlicher Fragen zu singen.

Auch ein Imam tritt als Laie in der zeitgenössischen Musik, aber als Profi im Vortrag des geistlichen Wortes auf.

Kinder singen, sprechen und agieren ebenfalls mit.

"Ja, die haben dann eben so einen ganz unverstellten Zugang auch zu dem Thema, und so ne klare Stimme da auch drin, und auch bisschen ne Leichtigkeit - also es soll jetzt nicht ein Stück werden, das immer nur in der Schwere wühlt, und diese Leichtigkeit bringen auch unter anderem die Kinder bei einem Teil da rein."

Die Kinder singen vom Lauf der Zeit, vom schnellen Vergehen des Heute und Morgen, und sie tun das wie Botschafter einer besonders vergänglichen Lebensphase.

"Wie der Hauch eines Büffels, der über die Gräser streift, man soll halt irgendwie so auf der Zeit schwimmen, wie ein Schiff."

"Die Zeit vergeht wie im Lauf, und irgendwann, wenn man auch ein gutes Alter hat, stirbt man dann."

"Wenn jemand stirbt, hatte der davor seine Zeit, und jetzt ist die Zeit vorbei, und vielleicht fängt irgendwo 'ne neue Zeit an."

Es gibt keine gültige Antwort

Wer nur das Libretto des rund 45-minütigen Stückes liest, gewinnt zunächst den Eindruck, dass hier ein wenig beliebig religiöse, philosophische und literarische Texte zusammengezogen wurden, um zu zeigen: Alle Religionen stellen die gleichen Fragen, wenn es um Sterben und Tod geht. Die musikalische Umsetzung spricht allerdings eine ganz eigene Sprache. Christina Cordelia Messner entkleidet Texte und musikalische Motive bis auf die Knochen. Mal bleibt nur ein Stammeln, ein Rhythmus, ein Schrei oder Wispern und Geraschel. Dann wieder tauchen Melodien auf. Am Ende löst sich alles auf: Melodien, Fragen, Texte. Nach der Erkenntnis, dass es keine gültige Antwort gibt, bleibt ein Flüstern und Knistern und ein letzter, langer Atemzug.

Das Kölner Acht-Brücken Festival für Neue Musik mit dem Thema "Musik und Glaube" läuft noch bis zum 10. Mai. Das Programm ist zu finden unter: www.achtbruecken.de

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